28.05.2026, 10:35 Uhr
Selektive Risikobereitschaft prägt derzeit das Geschehen an der BX Swiss: David Kunz, CIO der BX Swiss Exchange, erläutert im Interview, was hinter dem differenzierteren Handelsverhalten steht, wo die Unterschiede...
Stablecoins haben sich vom Trading-Hilfsmittel zu einer Zahlungs- und Abwicklungsinfrastruktur entwickelt, die zunehmend von Banken, Vermögensverwaltern und Treasury-Abteilungen genutzt wird. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 320 Milliarden US-Dollar ist die Kategorie längst kein Nischenphänomen mehr – und seit April 2026 hat auch der Schweizer Finanzplatz seinen koordinierten Vorstoss. Was heisst das für institutionelle Anleger in der Schweiz?
Ein Stablecoin ist eine Kryptowährung, die einen konstanten Wert hält – in der Regel im Verhältnis eins zu eins an eine Fiat-Währung gekoppelt, meist den US-Dollar. Anders als bei Bitcoin oder Ethereum schwankt der Wert nicht mit der Marktstimmung; die Emittenten hinterlegen für jeden zirkulierenden Token Reserven aus Bargeld, kurzfristigen Staatsanleihen und gleichwertigen Aktiven. Genau diese Eigenschaft – die Effizienz digitaler Assets bei gleichzeitiger Wertstabilität – macht Stablecoins für institutionelle Anwender interessant.
Der Befund ist eindeutig: Laut der australischen Investmentbank Macquarie ist die gesamte Stablecoin-Marktkapitalisierung gegenüber dem Vorjahr um rund 50 Prozent gestiegen. Dabei dominieren weiterhin die beiden grossen Dollar-Token – Tether (USDT) mit gut 180 Milliarden US-Dollar und der als «Compliance-first»-Variante positionierte USD Coin (USDC) von Circle mit rund 75 Milliarden US-Dollar. Entscheidend ist aber nicht die Grösse allein, sondern die Art des Wachstums: Es wird nicht mehr von Spekulation getrieben, sondern von Zahlungsnutzen, grenzüberschreitender Effizienz und institutioneller Abwicklung.
2026 markiert den Übergang von der spekulativen zur infrastrukturellen Phase. Stablecoin-Netzwerke bewegten allein im Januar 2026 ein Transaktionsvolumen von über 10 Billionen US-Dollar – eine Grössenordnung, die etablierten Abwicklungssystemen wie Visa Konkurrenz macht. Auf das Gesamtjahr hochgerechnet liegt das On-Chain-Volumen im zweistelligen Billionenbereich.
Treiber dieser «Industrialisierung» sind nicht Krypto-native Akteure, sondern die traditionelle Finanzwelt. Der Kartenherausgeber Visa etwa hat sein Stablecoin-Settlement bis Anfang 2026 auf eine annualisierte Laufrate von rund 4,5 Milliarden US-Dollar gebracht; Mastercard und mehrere Grossbanken integrieren Stablecoins oder tokenisierte Einlagen in ihre Zahlungs- und Settlement-Systeme. In den USA prüft ein Konsortium grosser Banken – darunter PNC, Citi und Wells Fargo – einen gemeinsamen Stablecoin. Und der tokenisierte Liquiditätsfonds BUIDL von BlackRock, der verzinsliche «Stable-Assets» abbildet, ist auf rund 2,5 Milliarden US-Dollar angewachsen.
Für professionelle Anleger ergeben sich daraus mehrere konkrete Anwendungsfälle:
Lange fehlte dem Finanzplatz Schweiz ein breit einsetzbarer, regulierter Stablecoin auf Frankenbasis. Das hat sich am 8. April 2026 geändert: Mit UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, der Zürcher Kantonalbank (ZKB), der Banque Cantonale Vaudoise (BCV) sowie der Swiss Stablecoin AG hat ein Konsortium aus sieben Finanzinstituten eine gemeinsame CHF-Stablecoin-Sandbox lanciert. Ziel ist es, konkrete Anwendungsfälle für einen digitalen Franken unter realitätsnahen, aber kontrollierten Bedingungen zu testen.
Bemerkenswert ist weniger das Format – Sandbox-Pilotprojekte gab es viele – als die Zusammensetzung. Mit UBS, PostFinance, Raiffeisen und der ZKB sind gleich mehrere als systemrelevant eingestufte Institute an Bord. Das verschiebt die Übung von einem Forschungsexperiment in Richtung strategischer Positionierung: Hier legen Schwergewichte des Finanzplatzes gemeinsam die Grundlage für ein digitales Franken-Settlement. Die Rollenteilung ist dabei sichtbar – Raiffeisen und PostFinance stehen für den Zugang zum Massenmarkt, die UBS bringt Investmentbanking- und Asset-Management-Expertise ein, und mit Sygnum ist eine etablierte Krypto-Bank dabei. Die Swiss Stablecoin AG, geführt von der früheren Ständerätin und Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer, liefert das eigentliche Token-Vehikel.
Technisch ist der Token im Verhältnis eins zu eins an den Franken gekoppelt; frühere Tests liefen auf der Ethereum-Blockchain, die definitive Plattformwahl für die 2026er-Sandbox ist allerdings noch nicht offiziell bestätigt. Die Transaktionslimiten liegen unterhalb von einer Million Franken, der Teilnehmerkreis ist geschlossen. Die Sandbox läuft bis Ende 2026, bleibt aber für weitere Institute offen; ein Zwischenresümee wird für die zweite Jahreshälfte erwartet. Erst danach dürfte über einen möglichen Produktivbetrieb entschieden werden.
Der Vorstoss ist auch eine Antwort auf die eigene Marginalisierung: Frankenbasierte Stablecoins kamen im April 2025 zusammen auf eine Marktkapitalisierung von lediglich rund 40 Millionen US-Dollar – rund 0,13 Prozent des globalen Marktes. Bitcoin Suisse hatte ihren CryptoFranc (XCHF) im August 2024 mangels Nachfrage eingestellt; lebendiger ist das dezentrale Segment mit dem Frankencoin (ZCHF).
International wächst der Druck: In der EU haben zwölf Banken – darunter BBVA, ING und UniCredit – mit «Qivalis» einen Euro-Stablecoin für die zweite Jahreshälfte 2026 angekündigt, und eine weitere Gruppe um Bank of America, Deutsche Bank, Goldman Sachs und UBS prüft eine Emission. Mit AllUnitys CHFAU existiert zudem bereits ein MiCA-konformer Franken-Stablecoin. Die Sandbox läuft schliesslich parallel zur SNB-Initiative «Helvetia» für digitales Wholesale-Zentralbankgeld.
Das Bankenprojekt fällt in eine Phase regulatorischer Neuordnung. Am 22. Oktober 2025 hat der Bundesrat die Vernehmlassung zu einer Revision des Finanzinstitutsgesetzes (FINIG) eröffnet; die Frist lief bis zum 6. Februar 2026. Im Kern sieht die Vorlage zwei neue Bewilligungskategorien vor, die beide künftig direkt der FINMA unterstehen sollen – bisher beaufsichtigten teils Selbstregulierungsorganisationen die Krypto-Akteure.
Die erste Kategorie betrifft sogenannte Zahlungsmittelinstitute. Sie löst die bisherige Fintech-Bewilligung (Art. 1b Bankengesetz) ab und soll die Ausgabe regulierter Schweizer Stablecoins ermöglichen. Wichtig: Die bislang geltende, oft als arbiträr kritisierte Obergrenze von 100 Millionen Franken für Publikumseinlagen entfällt, und Kundengelder lassen sich im Konkursfall absondern. Allerdings verbietet der Entwurf – ähnlich wie der GENIUS Act in den USA und MiCAR in der EU – eine Verzinsung der Kundengelder. Die zweite Kategorie umfasst Krypto-Institute für Verwahrung, Handel und Market-Making und orientiert sich am Vorbild der europäischen MiCAR. Mit dem Inkrafttreten der Gesetzgebung rechnet die Branche allerdings frühestens 2027 – die Sandbox testet bis dahin unter geltendem Recht.
Parallel hat die FINMA mit der Aufsichtsmitteilung 01/2026 vom 12. Januar 2026 Risiken bei der Auslandverwahrung von Kryptowerten adressiert und damit den Grundsatz «same risks, same rules» bekräftigt. Ein zentraler Streitpunkt bleibt dabei die Anonymität: Die FINMA verlangt die Identifizierung sämtlicher Token-Inhaber, was den Betrieb auf offenen Blockchains wie Ethereum erheblich erschwert. Genau hier sehen Kritiker einen Standortnachteil gegenüber MiCAR, das einen flexibleren Rahmen bietet und mit dem EU-Passporting grenzüberschreitend gilt.
Entsprechend kontrovers fällt die Resonanz der Branche aus. Die Verbände – darunter die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg), die Swiss Blockchain Federation, die Crypto Valley Association, die Swiss Fintech Association und die Capital Markets and Technology Association – begrüssen die Stossrichtung der FINIG-Vorlage grundsätzlich, fordern aber Nachbesserungen. Die Bankiervereinigung verlangt insbesondere ein direktes Emissionsrecht für Schweizer Banken, damit diese Stablecoins selbst herausgeben dürfen. Von staatlicher Seite ist derweil kein Gegengewicht zu erwarten: Einen von der SNB emittierten digitalen Franken für den Publikumsverkehr (Retail-CBDC) schliessen sowohl der frühere Präsident Thomas Jordan als auch sein Nachfolger Martin Schlegel weiterhin aus. Dieser Leerraum ist es, den private, regulierte Frankentoken nun füllen wollen.
Trotz der Fortschritte bleiben für institutionelle Anwender auch im internationalen Bereich entscheidende Lücken. Die wichtigste betrifft die Rendite. Sowohl MiCAR als auch der GENIUS Act untersagen es, auf den Stablecoin selbst Zinsen zu zahlen. Für Treasury-Abteilungen ist das ein handfester Nachteil gegenüber Geldmarktfonds – und der Grund, weshalb der eigentliche Kampf inzwischen um indirekte «Rewards»-Programme tobt. In den USA hat genau dieser Streit zwischen Banken und Krypto-Firmen das CLARITY-Gesetz monatelang blockiert. Der Ausweg der Branche heisst tokenisierte Geldmarkt- und Treasury-Fonds wie BUIDL, die die Rendite über das Reservevehikel statt über den Token liefern.
Weitere offene Punkte, die auch von Kritikern immer wieder angesprochen werden: Bei der institutionellen Verwahrung (Custody) bestehen in allen drei Jurisdiktionen Lücken; die Interoperabilität mit bestehenden Zahlungssystemen ist erst in Arbeit; und die steuerliche Behandlung bleibt fragmentiert. Vor allem aber fehlt global ein harmonisierter Standard für die grenzüberschreitende Anerkennung von Stablecoin-Lizenzen zwischen der Schweiz, der EU und den USA. Solange diese gegenseitige Anerkennung fehlt, bleibt die Infrastruktur an Jurisdiktionsgrenzen fragmentiert.
Für Schweizer Institutionelle ist die Relevanz weniger eine Frage der Allokation als der Infrastruktur. Stablecoins werden in den seltensten Fällen als Anlage gehalten – per Definition gibt es keinen Wertzuwachs. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie zur Klempnerei des digitalen Finanzwesens werden: zur Schiene, über die Settlement, Treasury-Steuerung und tokenisierte Wertpapierabwicklung, die dereinst laufen könnten. Während die Aufmerksamkeit am Kurs von Bitcoin hängt, der unter seinen gleitenden Durchschnitten konsolidiert, entsteht bei den digitalen Dollars im Hintergrund eine regulierte Parallelinfrastruktur. Wer die Mechanik institutioneller Krypto-Adoption verstehen will, kommt an den Stablecoins nicht vorbei – auch wenn sie selten die Frage, aber oft die Antwort sind.