09.06.2026, 07:27 Uhr
Mit dem vertraulichen Börsenantrag von OpenAI ist das Trio der erwarteten KI-Mega-IPOs komplett. Für institutionelle Anleger aus der Schweiz ist die entscheidende Frage aber nicht, ob sie bei der Erstplatzierung...
Der Schweizer Markt für nachhaltigkeitsbezogene Investitionen ist 2025 erneut gewachsen – während weltweit Milliarden aus nachhaltigen Fonds abflossen. Das Gesamtvolumen erreichte per Ende 2025 CHF 1'940 Milliarden, ein Plus von 3 Prozent. Dies zeigt die neunte «Schweizer Marktstudie Nachhaltige Anlagen» von Swiss Sustainable Finance (SSF).
Die Schweizer Zahlen stehen in deutlichem Kontrast zur internationalen Entwicklung. Laut Morningstar verzeichneten globale nachhaltige Fonds 2025 Nettoabflüsse von USD 84 Milliarden – nach Zuflüssen von USD 38 Milliarden im Vorjahr. Es war das erste Jahr mit Nettoabflüssen seit Beginn der Morningstar-Erhebung 2018, und erstmals betraf der Trend nicht nur die USA, sondern auch Europa und den Rest der Welt. Die Schweiz hielt sich gemäss Studie «äusserst resilient» und wuchs gegen diesen Trend.
Für die Studie befragten SSF und die Advanced Impact Research (AIR) 77 Schweizer Marktteilnehmer – 30 Prozent Asset Owner, 35 Prozent Asset Manager und 35 Prozent Banken. Die Zusammensetzung bleibt repräsentativ und deckt die grössten Akteure nach verwalteten Vermögen ab. Bereinigt um Veränderungen im Teilnehmerkreis – also nur jene Häuser, die in beiden Jahren mitwirkten – ergibt sich mit +3,1 Prozent auf CHF 1'914 Milliarden ein nahezu identisches Bild. Das Wachstum ist damit eine reale Marktbewegung und kein statistischer Effekt.
Über das letzte Jahrzehnt entspricht der Anstieg von CHF 142 Milliarden (2015) auf CHF 1'940 Milliarden einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 30 Prozent. Seit dem Höchststand von CHF 1'983 Milliarden im Jahr 2021 und dem Rücksetzer 2022 hat sich das Tempo allerdings auf eine CAGR von rund 6 Prozent verlangsamt. Das Volumen nähert sich nun wieder dem Niveau von 2021.
Auffällig: In der Produktvermarktung herrscht heute mehr Zurückhaltung. Im Fondsbereich werden CHF 870 Milliarden unter Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien verwaltet (+6,1 Prozent), im Mandatsbereich CHF 735 Milliarden (+0,5 Prozent). Aktiv als «nachhaltig» vermarktet werden davon 64 Prozent der Fonds und 27 Prozent der Mandate – beide Werte leicht über dem Vorjahr.
Bemerkenswert ist, dass ein erheblicher Teil der Volumen nach nachhaltigen Anlagegrundsätzen verwaltet wird, ohne dies entsprechend auszuweisen. «Ein wichtiger Faktor ist, dass nachhaltige Anlageansätze inzwischen zum Standard geworden sind», sagt Sabine Döbeli, CEO von SSF. «Vielfach werden Anlageprodukte nicht mehr spezifisch als nachhaltig vermarktet, auch wenn sie entsprechende Faktoren berücksichtigen. Ein Grund dafür können anspruchsvolle Berichterstattungspflichten oder Positionierungsentscheide sein.»
Die Studie liest diesen Befund zweischneidig: Einerseits nährt er die Sorge vor «Greenhushing» – dem Verzicht auf öffentliche Nachhaltigkeitskommunikation. Andererseits belegt er, dass die Branche in der Praxis mehr tut, als auf dem Papier sichtbar ist. Dass der vermarktete Anteil trotz regulatorischer Gegenwinde – ESMA-Fondsnamensrichtlinien, verschärfte AMAS-Selbstregulierung, Unsicherheit in den USA – sogar gestiegen ist, werten die Autoren als Zeichen der Widerstandsfähigkeit.
Dass nachhaltige Anlagen 2025 mit 3 Prozent langsamer wuchsen als der breite Markt (rund 7 Prozent), führt die Studie auf drei Faktoren zurück. Erstens die Sektordynamik: Rüstungstitel zählten zu den stärksten Aktienperformern, während nachhaltige Portfolios hier wertebasiert untergewichtet sind; zugleich dämpfte die in der Schweiz traditionell hohe Immobilienquote (CHF 231 Milliarden, 12 Prozent der nachhaltigen Vermögen) die relative Performance. Zweitens die internationalen Abflüsse, denen ein erheblicher Teil der im Ausland vertriebenen Schweizer Produkte ausgesetzt war. Drittens – und strukturell am bedeutsamsten – die Marktreife: Mit rund 50 Prozent des gesamten Schweizer Fondsmarktes ist die Durchdringung so weit fortgeschritten, dass die ausserordentlichen Wachstumsraten von 2015 bis 2021 nicht mehr erreichbar sind. Der Markt dürfte künftig weitgehend im Gleichschritt mit den Finanzmärkten wachsen.
Den vielleicht deutlichsten Wandel zeigt die KI-Adoption. «Im Vorjahr beschäftigte sich rund ein Fünftel (19 Prozent) der Vermögensverwalter noch nicht mit dem Einsatz von KI in ihrer Arbeit. In der aktuellen Umfrage sank dieser Wert auf 4 Prozent», so Romain Leroy-Castillo, Director AI and Education bei SSF. «Auch bei den Kapitaleigentümern sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Im Vorjahr hatten erst 4 Prozent von ihnen KI komplett integriert, während 2025 bereits 20 Prozent diese Frage positiv beantworteten.»
Entscheidend ist die Verschiebung im Einsatzbereich: Compliance-getriebene Anwendungen gehen zurück, während KI-Werkzeuge in die Kernprozesse der Wertschöpfung einziehen – Investment-Due-Diligence, ESG-Scoring, Risikobewertung und Produktentwicklung verzeichneten markante Zuwächse. Mit der Verlagerung wachsen die Anforderungen: Die Verlässlichkeit der Resultate bleibt mit 76 Prozent (Vorjahr: 65 Prozent) die meistgenannte Herausforderung, und qualifiziertes Personal hat die Dateninfrastruktur als wichtigsten Engpass abgelöst.
Bei den naturbezogenen Risiken gewichten die Befragten neu Extremwetterereignisse als wesentlichsten Faktor (Durchschnittswert 6,7 nach 5,3) vor Wasserknappheit. Die Materialität ist dabei keine theoretische Grösse mehr: Bereits 23 Prozent der Befragten haben einen direkten finanziellen Einfluss naturbezogener Risikoereignisse auf die Portfolioperformance erlebt. Entsprechend stieg die Integration solcher Risiken in die Risikorahmenwerke von 44 auf 69 Prozent – ein Schub, den die Studie auch dem neuen FINMA-Rundschreiben 2026/1 zu naturbezogenen Finanzrisiken zuschreibt.
Bei den langfristig orientierten Asset-Ownern zeigt sich das Engagement besonders deutlich im Immobilienbereich. 94 Prozent verfügen über eine formelle Nachhaltigkeitsrichtlinie für Immobilien, gegenüber 46 Prozent bei den Asset-Managern. Erklärend wirken die höhere Wesentlichkeit von Immobilien (25 Prozent der Vermögen bei Asset-Ownern gegenüber 11 Prozent bei Asset-Managern), der lange Anlagehorizont sowie die treuhänderische Verantwortung gegenüber langfristigen Verpflichtungen wie Vorsorgeleistungen. Auch bei Netto-Null-Zielen und ambitionierten Klimaszenarien gehen die Asset Owner voran – während sich die Net Zero Asset Managers Initiative nach dem Austritt von BlackRock zurückzog, setzte die Net Zero Asset Owner Alliance ihren Betrieb fort.
Zu Schluss wagen die Autoren einen Ausblick; Resilienz, Eigenständigkeit und Innovation seien die zentralen Themen, die nachhaltige Anlagestrategien in den kommenden Jahren prägen dürften, schreiben sie. Geschäftsmodelle, die vor wenigen Jahren noch unwirtschaftlich waren – Klimaanpassungstechnologien, Lösungen für Energiesouveränität oder Ernährungsresilienz –, würden investierbar, weil die Kosten des Nichthandelns gestiegen seien. Die entscheidende Frage laute, wie schnell Kapital in jene Infrastruktur, Technologien und Geschäftsmodelle gelenkt werden könne, welche die strukturelle Führungsrolle der nächsten Generation bestimmen.