04.08.2026, 09:20 Uhr
Beim kanadischen Anbieter Coinkite wurden über mehrere Angriffswellen hinweg rund 1'816 Bitcoin im Gegenwert von knapp 116 Millionen US-Dollar abgezogen. Gleichzeitig zeigen die US-Spot-ETFs zuletzt wieder...
Zwei Anlageklassen, zwei unterschiedliche Einschätzungen derselben Nachrichtenlage. Während S&P 500 und Dow Jones Anfang August auf neue Rekordstände klettern, bleibt die Stimmung an den Anleihenmärkten deutlich verhaltener. Die US-Zinskurve bleibt in einem ungewöhnlichen «Twist-Steepener» versteilt. Was heisst das für Anleger?
Der S&P 500 markierte am 4. August 2026 mit 7'737 Punkten einen neuen Rekordschlusskurs, der Dow Jones legte um 907 Punkte auf 54'086 Punkte zu, und der Nasdaq 100 sprang um 3,3 Prozent. Getragen wurde die Rally von starken Unternehmensgewinnen, dem fortgesetzten KI-Investitionszyklus und – ganz entscheidend – der Hoffnung auf eine Einigung zur Wiederöffnung der Strasse von Hormus. Fallende Ölpreise nahmen den Inflationssorgen kurzfristig den Schrecken und lieferten dem breiten Markt zusätzlichen Rückenwind. Prognosemärkte gehen inzwischen mehrheitlich davon aus, dass der S&P 500 bis Jahresende deutlich über der 7'800-Punkte-Marke notieren wird.
Der Anleihenmarkt reagierte auf dieselbe Nachricht deutlich zurückhaltender. Zwar gaben die Treasury-Renditen nach den jüngsten Deeskalationssignalen etwas nach, doch die grundlegende Versteilerung der US-Kurve – Kurzläufer schwächer, Langläufer fester bis hin zum höchsten Stand des 30-jährigen Satzes seit 19 Jahren – hat sich dadurch nicht aufgelöst, sondern lediglich abgeschwächt. Marktstrategen werten diesen «Twist-Steepener» weiterhin als Misstrauensvotum gegenüber der Entschlossenheit der US-Notenbank im Kampf gegen die Inflation. Auch die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen aus dem Nahen Osten selbst bleiben nahe ihrem höchsten Stand seit rund vier Jahren.
Die Divergenz lässt sich so zusammenfassen: Der Aktienmarkt preist eine nachhaltige geopolitische Entspannung bereits ein, der Anleihenmarkt tut das nicht. Hinzu kommt eine Bewertungskomponente: Nach der langen Rally gelten US-Aktienindizes als historisch ambitioniert bewertet, was mittelfristig eine Konsolidierungsphase begünstigen und Kapital zurück in Anleihen rotieren lassen könnte – zumal das zweite Jahr des US-Präsidentschaftszyklus erfahrungsgemäss zu den schwächeren Börsenperioden zählt. Für Anleihen-Investoren bleibt die Botschaft damit klar: Solange die geopolitische Lage nicht breit und dauerhaft abgesichert ist, bleibt die Risikoprämie in der Kurve und in den Spreads bestehen – unabhängig davon, wie euphorisch die Aktienmärkte die Lage kurzfristig einpreisen.
Nach dem Entscheid der US-Notenbank, die Zinsen trotz dreier abweichender Stimmen unverändert zu belassen, hat sich die Treasury-Kurve auf ungewöhnliche Weise verschoben: Die kurzen Laufzeiten gaben nach, während vor allem der 30-jährige Bereich weiter anzog. Allein im Juli sind die Zehnjahresrenditen um 25 Basispunkte gestiegen – der stärkste Monatsanstieg seit März. Der nächste Belastungstest für die Kurve dürfte der US-Arbeitsmarktbericht sein: Fällt er stärker als erwartet aus, dürfte sich die Steilheit akzentuieren, ein schwächerer Bericht könnte die Bewegung rasch umkehren.
Für Fixed-Income-Anleger in US-Dollar bedeutet das: Die Frage ist weniger, wann die Fed die Zinsen senkt, sondern wie lange sich lange Laufzeiten teuer beziehungsweise volatil zeigen. Kurze und mittlere Laufzeiten bieten in diesem Umfeld tendenziell das attraktivere Rendite-Risiko-Profil.
Im Euroraum bleibt das Bild moderater. Die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz im Juni 2026 auf 2,25 Prozent angehoben, die Bund-Kurve zeigt ein normales, leicht steiles Muster. Die Frontend-Renditen bleiben eng an die Geldpolitik gekoppelt, während der lange Endpunkt stärker von Wachstum, Fiskalangebot und Term Premium geprägt wird. Investment-Grade-Anleihen profitieren von ordentlichem Carry, doch die Kurve belohnt kein reines Verlängern der Duration – Rendite findet sich eher im mittleren Laufzeitenbereich und in selektierten Credits.
Die Schweiz bleibt der klare Sonderfall: Die Rendite zehnjähriger Eidgenossen liegt bei rund 0,385 Prozent, die Kurve ist insgesamt positiv, aber sehr flach. Das spiegelt geringen Inflationsdruck, liefert aber kaum Ertrag. Für Schweizer Anleihen-Investoren bleibt CHF-Fixed-Income damit primär ein Stabilitätsanker – wer Rendite sucht, kommt an globaler Diversifikation und selektivem Fremdwährungsengagement kaum vorbei.
Das europäische High-Yield-Segment ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Kreditmärkte inzwischen mit geopolitischen Schocks arrangieren, ohne die fundamentale Story zu verlieren. Der Iran-Konflikt trug im Februar und März zu einem Anstieg der US-High-Yield-Spreads um rund 50 Basispunkte und der europäischen High-Yield-Spreads um 80 Basispunkte bei, während sich Investment-Grade-Spreads deutlich moderater bewegten – ein weiterer Beleg dafür, dass Kreditmärkte geopolitische Risiken ernster nehmen als Aktienmärkte.
Trotz dieser Volatilität bleibt die strukturelle Ausgangslage konstruktiv. Aktuelle Marktdaten zeigen für den europäischen High-Yield-Index eine durchschnittliche Rendite von 5,66 Prozent bei einem Spread von 296 Basispunkten. Die Ausfallrate im High-Yield-Segment inklusive Distressed Exchanges dürfte in den kommenden 18 Monaten in den USA wie in Europa im Bereich von 2 bis 2,5 Prozent bleiben, gestützt durch solide Ausgangsfundamentaldaten und ein widerstandsfähiges makroökonomisches Umfeld. Ein Teil dieser Prognose beruht allerdings auf der erwarteten Zahlungsunfähigkeit eines grösseren britischen Emittenten – ohne diesen Sondereffekt läge die Ausfallquote näher bei 2 Prozent.
Strukturell hilft europäischen Anlegern zudem die Qualitätszusammensetzung des Segments. Der europäische High-Yield-Markt ist überwiegend BB-geratet, dem qualitativ höchsten Segment innerhalb von High Yield, und inzwischen deutlich kürzer in der Duration als früher, was die Breakeven-Schwelle – also die Renditebewegung, die den Carry aufzehren würde – vergleichsweise hoch hält. Dispersion zeigt sich vor allem im Single-B- und CCC-Bereich, wo eine sorgfältige Einzeltitelauswahl zunehmend über die relative Performance entscheidet. Als Sweet Spot für Investoren gilt derzeit die Bandbreite von tiefem BB bis mittlerem B, wobei das Ausfallrisiko insgesamt gering bleibt und sich auf einzelne Unternehmen und Branchen mit strukturellem Druck konzentriert.
Für europäische High-Yield-Anleger heisst das in der Praxis: Carry bleibt attraktiv, kurze Duration reduziert das Zinsrisiko, und geopolitisch getriebene Spread-Ausweitungen sind eher als Einstiegschance denn als Warnsignal zu werten – solange sie nicht mit einer fundamentalen Verschlechterung der Emittentenqualität einhergehen.
Der Kern der aktuellen Marktlage lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Aktien-Investoren feiern, Anleihen-Investoren bleiben vorsichtig. In den USA rechtfertigt der «Twist-Steepener» eine zurückhaltende Haltung gegenüber langer Duration, in der Eurozone bleibt der mittlere Laufzeitenbereich der Sweet Spot, und die Schweiz bleibt Stabilitätsanker statt Renditequelle. Geopolitische Risiken – allen voran im Nahen Osten – sind zu einem eigenständigen, dauerhaften Faktor für Zinserwartungen und Kreditspreads geworden, den Fixed-Income-Investoren spürbar konservativer bewerten als der Aktienmarkt. Im High-Yield-Segment, speziell in Europa, überwiegt trotz kurzfristiger Volatilität die konstruktive Grundhaltung: kurze Duration, solide Qualität und selektive Titelauswahl bleiben die zentralen Bausteine für 2026.