29.09.2026, 09:21 Uhr
Mit der neuen Strategie richtet sich das Zürcher Investmenthaus an institutionelle Anleger, die im Schwellenländer-Segment aktiv, aber mit engerem Risikobudget investieren wollen. Die Lancierung fällt in eine Phase...
Ein einziges Lob von Nvidia-Chef Jensen Huang reichte, um die Marvell-Aktie an einem Tag um ein Drittel steigen zu lassen. Für Kristofer Barrett, Manager des Carmignac Portfolio Tech Solutions, zeigt das, wie stark der Technologiemarkt derzeit vom Momentum getrieben ist. Seine Antwort: Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis.
Anfang Juni an der Computex in Taipeh stand Jensen Huang neben Marvell-CEO Matt Murphy und prophezeite dem Chip- und Netzwerkspezialisten eine Zukunft als nächstes Billionen-Dollar-Unternehmen. Die Wirkung war unmittelbar: Die Marvell-Aktie schloss am 2. Juni bei 290,79 US-Dollar, ein Plus von 32,52 Prozent in einer einzigen Sitzung, bei mehr als dreifachem Durchschnittsvolumen. Die Euphorie hielt nicht lange an. Vom 52-Wochen-Hoch, das Anfang Juni erreicht wurde, liegt der Titel inzwischen rund 32,55 Prozent entfernt; allein in den letzten 30 Tagen verlor er 26,60 Prozent.
Für Carmignac ist die Episode mehr als eine Anekdote. Sie illustriere, so der französische Vermögensverwalter, dass im aktuellen Umfeld eine einzelne Meldung oder Empfehlung überproportionale Kursbewegungen auslösen könne. Unter der Oberfläche werde die Halbleiter-Rallye zunehmend unberechenbar: Während Titel wie Micron, Intel, Arm und Marvell im zweiten Quartal teilweise um mehrere hundert Prozent zulegten, blieb ausgerechnet Nvidia hinter den Indizes zurück.
Der Carmignac Portfolio Tech Solutions will an erfolgreichen Technologieunternehmen partizipieren, ohne sich vom Momentum treiben zu lassen. Ein zentrales Instrument dafür ist die Distanz zum Referenzindex: Rund 50 Prozent der Positionen sind laut Carmignac nicht im MSCI ACWI Information Technology Index enthalten. Ende Juni 2026 lag zudem das Engagement in Schwellenländern bei 36 Prozent. Das erweitere das Anlageuniversum und verringere die Abhängigkeit von den überlaufenen Marktführern der Industrieländer, argumentiert das Fondsmanagement.
Einen weiteren Schwerpunkt bilden Small und Mid Caps. In einem Markt, der von Mega-Caps dominiert wird, sieht Carmignac bei weniger stark analysierten Unternehmen ein günstiges Umfeld für aktives Management. Gesucht werden Firmen mit nachhaltigem Wettbewerbsvorteil, attraktiven Wachstumsaussichten und disziplinierter Kapitalallokation. Auf Portfolioebene gilt eine klare Leitplanke: Die Bewertung des Fonds soll unter jener des Referenzindex MSCI AC World bleiben.
Hinter der Strategie steht Kristofer Barrett, der im April 2024 zu Carmignac stiess. Zuvor war er fast 18 Jahre bei Swedbank Robur tätig und verwaltete Aktienfonds für Industrie- und Schwellenländer. 2020 übernahm er dort den Technologiefonds, der bei seinem Abgang gemäss Morningstar ein Vermögen von 12,8 Milliarden Euro verwaltete. Im Juni 2024 lancierte Carmignac die Tech-Strategie eigens um Barrett herum. Unterstützt wird er von drei Analysten: Somesh Batra als Technologieexperte, Yunfan Bao für die asiatische Tech-Wertschöpfungskette und Eirik Fladmark für Software.
Angesichts neu aufflammender Zins- und Stagflationssorgen stellt sich die Frage, wie ein Tech-Fonds heftige Sektorrotationen übersteht. Carmignac setzt dabei auf die Bewertung als Kern des Analyseprozesses. Auf Titelebene steht das Verhältnis von Enterprise Value zu Free Cashflow (EV/FCF) im Vordergrund. Diese Kennzahl berücksichtige Bilanzstruktur, Finanzierungskosten und Kapitalintensität und sei damit aussagekräftiger als reine Gewinnmultiplikatoren. Im Portfolio werden so wachstumsstarke Unternehmen mit tiefer Free-Cashflow-Rendite mit langsamer wachsenden, aber cashflowstärkeren Firmen austariert.
Hinzu kommt die Bereitschaft zu konträren Positionen, wenn die in den Kursen eingepreisten Erwartungen deutlich vom eingeschätzten inneren Wert abweichen. Das sei keine Dauerhaltung, betont Carmignac, sondern eine situative Reaktion auf stimmungsgetriebene Fehlbewertungen.
Taktisch hat das Fondsmanagement die Gewichtung der Hyperscaler reduziert und sich von den spekulativsten Halbleiterwerten verabschiedet. Die Begeisterung für die KI-Gewinner habe sich zunehmend auf kleinere und qualitativ schwächere Chipfirmen ausgeweitet, von denen sich manche in wenigen Monaten verdoppelt oder verdreifacht hätten. Bei mehreren sei jahrelanges aggressives Wachstum bereits eingepreist, obwohl die Fundamentaldaten kaum prognostizierbar seien. Stattdessen bevorzugt Carmignac Qualitätsunternehmen mit vergleichsweise attraktiver Bewertung, etwa Nvidia.
Zugleich erwartet Carmignac eine Verschiebung der KI-Debatte. Anleger fragten sich zunehmend, ob Hardwareanbieter einen zu grossen Teil der KI-Wertschöpfung abschöpften. Lieferengpässe und Preissetzungsmacht stützten derzeit die Margen, steigende Infrastrukturkosten könnten aber die Nachfrage bremsen. Zudem rücke Effizienz in den Fokus: günstigere Modelle, Open-Source-Alternativen und eine bessere Verteilung der Workloads, um Token-Verbrauch und Kosten zu senken.
Bei Software zeigt sich der Fonds sehr selektiv. Wenn KI vom Experiment in den produktiven Einsatz übergeht, könnte die Wertschöpfung in jenen Schichten entstehen, die Skalierung ermöglichen: Orchestrierung, Berechtigungen, Tests, Sicherheit, Deployment-Pipelines und Systemintegration. Besonders gilt das für Entwickler-Tools. Sollten Programmieragenten zu einem der ersten grossflächigen Anwendungsfälle agentischer KI werden, brauche es bessere Werkzeuge zur Verwaltung von KI-generiertem Code. Carmignac baut deshalb schrittweise Positionen in Atlassian und GitLab auf.
Mittelfristig bleibt Carmignac für die KI-Infrastruktur zuversichtlich. Der Zyklus scheine sich eher zu verlängern als seinen Höhepunkt zu erreichen, gestützt durch weiter steigende Investitionen der grossen Cloud-Plattformen und langfristige Infrastrukturverpflichtungen grosser KI-Kunden. Die Nachfrage weite sich über das Training von Spitzenmodellen hinaus aus: Agentische KI dringt in Unternehmenssoftware vor, Edge-KI schafft neue Inferenz-Endpunkte, und physische KI erzeugt über Robotik, Simulation und Automatisierung zusätzlichen Rechenbedarf.
Daraus folgert Carmignac, dass sich die Nachfrage nicht einfach von einer Chipgeneration zur nächsten verlagert. Nvidias Blackwell-Plattform könnte länger gefragt bleiben als in einem üblichen Produktzyklus, selbst wenn Kunden bereits auf die Nachfolgegeneration Rubin umstellen. Beide Plattformen seien weniger ein Ersatzzyklus als aufeinanderfolgende Kapazitätsschichten in einem wachsenden Markt.
Die Kernaufgabe des Fonds bleibt damit eine Gratwanderung: in einem Markt zu bestehen, in dem Technologie zugleich wichtigster Treiber des Optimismus und grösste Quelle von Konzentrationsrisiken ist.