18.09.2026, 05:58 Uhr
Der Sommer hat den KI-Handel an den Börsen gehörig durchgeschüttelt. Für Xiaodong Bao, Portfoliomanager für internationale Aktien bei Edmond de Rothschild Asset Management, ist das kein Grund zur Panik –...
Die Weltwirtschaft hat sich robuster gezeigt als nach dem Iran-Konflikt und dem Anstieg der Energiepreise befürchtet. Candriam bleibt bei Aktien deshalb leicht übergewichtet, mahnt nach den Kursgewinnen im August aber zu mehr Vorsicht und sichert selektiv Gewinne ab.
Die Konjunktur hat den Iran-Krieg und die in der Folge gestiegenen Energiepreise besser weggesteckt als erwartet, schreibt Nadège Dufossé, Global Head of Asset Allocation bei Candriam, in ihrem jüngsten Marktkommentar. Auch die Inflation sei weniger stark gestiegen als befürchtet – ihre Hartnäckigkeit halte die Zentralbanken jedoch weiterhin in Alarmbereitschaft. Weil sich die Notenbanken auf weitere Zinserhöhungen eingestellt hätten, seien die Anleiherenditen entsprechend gestiegen. Die stärkere Konjunktur dürfte laut Dufossé die Unternehmensgewinne stützen, verringere aber gleichzeitig den Druck auf die Zentralbanken, ihre Geldpolitik zu lockern, solange die Inflation zu hoch bleibe.
Nach den Kursgewinnen im August bleibt Candriam nach eigenen Angaben vorsichtig. Die soliden Fundamentaldaten der Unternehmen stützten zwar weiterhin die Anlageüberzeugungen des Hauses, doch würden Gewinne selektiv abgesichert und einzelne Positionen angepasst. Die grundsätzliche Allokation bleibe dabei weitgehend unverändert.
Die Wirtschaft habe Wege gefunden, um die Krise zu umgehen: umgeleitete Transportwege, der Abbau von Lagerbeständen und ein zusätzliches Ölangebot aus Regionen ausserhalb des Nahen Ostens hätten die Auswirkungen des beeinträchtigten Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus und um die Arabische Halbinsel abgeschwächt. Auch die Investitionstätigkeit zeige sich robust: In den USA würden weiterhin Investitionen ins KI-Segment getätigt, während sich in Europa Unternehmensumfragen und Nachfrageerwartungen ebenfalls verbessert hätten.
Diese Anpassungsfähigkeit erkläre, warum die Wirtschaftsaktivität auf beiden Seiten des Atlantiks positiv überrascht habe. Die Probleme bei der Energieversorgung seien dadurch aber nicht beseitigt: Engpässe bei den Raffineriekapazitäten hielten die Preise für Kraftstoffe auf hohem Niveau, während die niedrigen europäischen Gasspeicherbestände die Region mit Blick auf den bevorstehenden Winter anfällig machten. Die Rohölpreise allein vermittelten daher kein vollständiges Bild der Kosten, die bei Unternehmen und privaten Haushalten ankämen – erste Indikatoren zur Verbraucherstimmung würden diese Belastungen bereits widerspiegeln.
Candriams zentrales Szenario bleibt eine anhaltende Expansion: Das US-Wachstum liege leicht über 2 Prozent, die Erholung in Europa sei mit einem BIP-Wachstum nahe 1 Prozent moderater. In den USA stütze sich der Konsum teilweise auf die Ersparnisse der privaten Haushalte, während die Erholung in Europa weiterhin stark von den öffentlichen Ausgaben in Deutschland abhänge. Die schwache Binnennachfrage in China spreche dafür, klar zwischen Unternehmen zu unterscheiden, die von Investitionen profitieren, und solchen, die auf eine breit angelegte Erholung des privaten Konsums angewiesen seien.
Die Ergebnisse des zweiten Quartals hätten die Argumente für Aktien gestärkt: Ein Gewinnwachstum sei auch ausserhalb des Technologiesektors zu verzeichnen, und die Schätzungen seien in den wichtigsten Weltregionen gestiegen. Trotz der Energiekrise lieferten Unternehmen weiterhin solide Ergebnisse, was dafürspreche, investiert zu bleiben, auch wenn die Zinshürde steige. Die nächste Berichtsaison werde zeigen, ob die Gewinndynamik bis 2027 anhalte. Angesichts der Kursgewinne seien allerdings auch die Erwartungen gestiegen, sodass weniger Spielraum für Enttäuschungen bleibe. Candriam beobachtet laut Dufossé, ob höhere Energiekosten die Margen belasten und ob die Unternehmen ihre Investitionspläne aufrechterhalten.
Im KI-Segment stehe die Umwandlung von Auftragsbeständen in Umsatz und Cashflow vor dem Härtetest: Die Auftragsbestände der Hyperscaler wüchsen schneller als die Umsätze, während Investitionen den freien Cashflow weiter belasteten. Im Mittelpunkt stünden nach wie vor Speicherchips, fortschrittliche Halbleitergehäuse und Energieinfrastruktur. Die Gewinnentwicklung verbreitere sich zudem über die bekannten Technologiegiganten hinaus – Elektrifizierung, Automatisierung und ausgewählte Industrieunternehmen profitierten von Investitionsprogrammen.
Die Zentralbanken seien nur ein Teil der Erklärung für die gestiegenen Renditen: Auch die anhaltend hohe Kreditaufnahme der Regierungen und zunehmende Unternehmensanleihe-Emissionen würden die Anleihemärkte belasten. Candriam bleibt bei Anleihen insgesamt neutral positioniert und bevorzugt Staatsanleihen aus den europäischen Kernländern, wo die Marktpreise bereits eine umfassende geldpolitische Straffung einpreisten. Bei Unternehmensanleihen sieht das Haus wenig Anlass zu Begeisterung, da ein Grossteil der fundamentalen Verbesserung bereits in den engen Spreads zum Ausdruck komme. Bevorzugt würden europäische Investment-Grade-Anleihen gegenüber ihren US-Pendants, während Candriam bei US-Hochzinsanleihen zurückhaltend bleibe und Schwellenländeranleihen in Landeswährungen weiterhin positiv beurteile.
Bei Aktien bleibt Candriam leicht übergewichtet, mit Präferenzen für Japan und Schwellenländer. Bei den USA und Europa bleibt das Haus neutral positioniert. Japan biete Zugang zum Investitionszyklus sowie zu Verbesserungen bei der Unternehmensführung und der Binnenkonjunktur, während die Gewinndynamik in Asien und die Bewertungen die Allokation in Schwellenländern stützten – wobei die schwächere Binnenwirtschaft in China selektive Entscheidungen erfordere. Europas Energieabhängigkeit bremse dagegen das Interesse an der Region: Auch die stärkere Konjunktur habe diese Anfälligkeit nicht beseitigt, was die Präferenz für US-Exposure bei den jüngsten Portfolioanpassungen stütze.
Nach der Rally habe Candriam in allen Portfolios die Risiken verringert und gleichzeitig die Anlageüberzeugungen beibehalten. Die historisch häufig schwache Entwicklung im September während eines US-Zwischenwahljahres bestärke das Haus in dieser Vorsicht, ebenso wie die aktuelle Marktpositionierung und die höheren Renditen. Der Zeitplan beeinflusse dabei die Grösse der Exposures, nicht jedoch die grundsätzliche Anlageentscheidung.
Aufgrund der Überzeugung vom Potenzial knapper Ressourcen bleiben Edelmetalle Bestandteil der Allokation, ergänzt durch Liquid-Alternative-Strategien. Da mehrere Anlageklassen empfindlich auf steigende Renditen reagierten, müssten bei der Diversifikation auch gemeinsame Risikofaktoren im gesamten Portfolio berücksichtigt werden. Vorerst halte Candriam an Unternehmen fest, die Wachstum erzielten, und sichere einen Teil der Gewinne dort, wo die Märkte bereits belohnt hätten. Starke Anlageüberzeugungen schlössen ein geringeres Risikobudget nicht aus, so Dufossé.