25.09.2026, 07:29 Uhr
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Jahrelang war der europäische IPO-Markt für kleinere Unternehmen praktisch geschlossen. Nun sieht Nelly Davies, Fondsmanagerin bei La Financière de l'Echiquier (LFDE), Anzeichen einer Trendwende – getragen vom EU Listing Act, tiefen Bewertungen und neuem Interesse der Investoren.
Die Börse ist für europäische Unternehmen ein zentraler Hebel, um Wachstum zu finanzieren. Doch genau dieser Hebel hat in den letzten Jahren kaum noch funktioniert. Der Markt für Börsengänge erlebte einen Einbruch von historischem Ausmass, und besonders hart traf es die kleineren und mittelgrossen Unternehmen. Laut Nelly Davies, Fondsmanagerin bei La Financière de l'Echiquier (LFDE), zählt Europa heute nur noch etwa halb so viele Small- und Mid-Cap-IPOs wie vor der Finanzkrise 2008/2009. Gleichzeitig hat privates Kapital einen immer grösseren Teil der Wachstumsfinanzierung übernommen.
Die Folgen reichen über die einzelnen Unternehmen hinaus. Mit jedem ausbleibenden Börsengang schrumpft das Universum der kotierten Titel. Nach Einschätzung von Davies hat dieser Trend auch zum Bewertungsabschlag beigetragen, der auf vielen Small- und Mid-Cap-Aktien lastet. «Ohne diese Erneuerung besteht die Gefahr, dass die Märkte ihre Fähigkeit zur Finanzierung von Innovation und Wachstum verlieren», warnt die Fondsmanagerin.
Tatsächlich deuten die jüngsten Daten auf eine Belebung hin. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die IPO-Erlöse in Europa laut PwC gegenüber dem Vorjahr um 76 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro. Den Auftakt machte ein Grossdeal: Die Prager Czechoslovak Group (CSG) nahm bei ihrem Debüt an der Euronext Amsterdam 3,8 Milliarden Euro ein, bei einer Bewertung von 25 Milliarden Euro – der grösste europäische Börsengang seit 2022. PwC betont, dass die Nachfrage der Investoren sowohl bei Mega-Listings als auch bei kleineren Transaktionen robust bleibt und sich über ein zunehmend breites Spektrum von Sektoren erstreckt – von Verteidigung und Luftfahrt über KI-Infrastruktur bis zu Fintech, Gesundheit und Energie.
Ganz ungetrübt ist das Bild allerdings nicht. Im zweiten Quartal verlangsamte sich die Dynamik wegen der eskalierenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Die Bank J.P. Morgan erwartet dennoch, dass die IPO-Aktivität nach dem Sommer anzieht.
Als wichtigsten strukturellen Treiber sieht Davies den EU Listing Act. Die Verordnung wurde im November 2024 im Amtsblatt der EU veröffentlicht; ihre Änderungen an der Prospektverordnung wurden in drei Wellen eingeführt, wobei die letzten Bestimmungen am 5. Juni 2026 in Kraft traten. Für LFDE ist das Paket ein wichtiger Schritt hin zu attraktiveren Finanzmärkten: Es vereinfacht die Zulassungsverfahren, baut Bürokratie ab und erleichtert den Wechsel von Wachstumsmärkten an regulierte Märkte.
Konkret bedeutet das unter anderem: Öffentliche Angebote bis 12 Millionen Euro innerhalb von zwölf Monaten sind seit dem 5. Juni 2026 von der Prospektpflicht befreit; bisher lag die Schwelle bei 8 Millionen Euro. Zudem muss der Prospekt bei Börsengängen an einem regulierten Markt neu nur noch drei statt sechs Arbeitstage vor Ende der Angebotsfrist veröffentlicht werden. Allein die vereinfachten Verfahren könnten kotierten Unternehmen laut einer Schätzung der EU-Kommission von 2024 jährlich fast 100 Millionen Euro einsparen.
Ob die Reform ihre Versprechen einlöst, ist unter Fachleuten allerdings noch offen. Kritiker bemängeln, dass die ebenfalls vorgesehenen neuen Nachhaltigkeitsangaben die beabsichtigte Vereinfachung teilweise wieder aufwiegen könnten.
Davies ordnet die Entwicklung in einen grösseren Zusammenhang ein. Europas wirtschaftliche Souveränität hänge davon ab, ob der Kontinent seine Wachstumsunternehmen selbst finanzieren könne – in der Technologie, der Industrie, der Cybersicherheit, im Gesundheitswesen oder bei der Energiewende. Gerade kleine und mittelgrosse Unternehmen seien die wichtigsten Quellen der Innovation und die potenziellen europäischen Champions von morgen.
Bewertungsabstand auf 20-Jahres-Tief
Für Anleger ist das Thema aus einem weiteren Grund relevant: In der Vergangenheit ging ein Aufschwung am Primärmarkt oft mit einem neuen Interesse an Small Caps einher. Nach Jahren der Vernachlässigung notieren europäische Small- und Mid-Caps im Vergleich zu Large Caps weiterhin auf historisch attraktivem Niveau. Gemäss MSCI-Daten von 2025 ist der Bewertungsabstand zwischen dem MSCI Europe SMID Cap Index und dem MSCI Europe Large Cap Index so gering wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Gleichzeitig profitieren die Gewinnaussichten des Segments laut Davies von starken strukturellen Themen wie Reindustrialisierung, Energiewende, Verteidigung und technologischer Souveränität. Das mache Small- und Mid-Caps zu einem idealen Umfeld für überzeugungsbasierte, aktive Anlagestrategien.
Ein Wiederaufleben des Primärmarkts hätte aus ihrer Sicht einen doppelten Effekt: Unternehmen erhielten Zugang zu Wachstumskapital, und eine lange vernachlässigte Anlageklasse gewänne wieder an Aufmerksamkeit. «Wir sind davon überzeugt, dass Investitionen in Small Caps und Mid Caps am europäischen Markt zur wirtschaftlichen Dynamik in Europa beitragen», so Davies.
Der Listing Act gilt nur in der EU, der Schweizer Finanzplatz bleibt davon direkt unberührt. Die Belebung ist aber auch hierzulande spürbar: SIX blickt auf ein starkes erstes Halbjahr 2026 zurück, in dem ein günstiges Marktumfeld Neuemissionen und Sekundärplatzierungen unterstützte. Mit der Reform steigt allerdings der Wettbewerbsdruck unter den Börsenplätzen: Wenn Kotierungen in der EU günstiger und schneller werden, muss sich auch SIX im Werben um kleinere Emittenten behaupten.