Neuberger: Korrektur bei KI-Aktien, aber keinen Zusammenbruch

Trotz starker Kursturbulenzen bei KI-bezogenen Titeln stufen die Investmentstrategen von Neuberger die jüngsten Bewegungen als Positionierungskorrektur ein – nicht als Trendwende. Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur bleibe intakt, und die Fundamentaldaten sprächen für einen anhaltenden Zyklus, schreiben Jeff Blazek und Tokufumi Kato von Neuberger in einer Analyse.

31.07.2026, 08:41 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Der Philadelphia Semiconductor Index hat nach einem Anstieg von 94 Prozent innerhalb von nur drei Monaten (März bis Juni 2026) seither rund 18 Prozent eingebüsst. Jeff Blazek, Co-Chief Investment Officer Multi-Asset Strategies, und Tokufumi Kato, Senior Portfolio Manager bei Neuberger, analysieren in ihrer jüngsten CIO Weekly Perspectives die Ursachen – und kommen zu einem klaren Schluss: «Die jüngste Korrektur wird im Nachhinein das gewesen sein, wofür wir sie halten: ein kurzes Gewitter in einem langen warmen Sommer.»

Positionierungsdruck, nicht Fundamentalverfall

Die Strategen unterscheiden klar zwischen fundamentalen Gewinnaussichten und kurzfristiger Positionierungsdynamik. Der koreanische KOSPI – ein Proxy für die globale Einschätzung von KI-Aktien – schwankte in neun der letzten zehn Handelstage um mehr als 5 Prozent, ähnlich wie der chipgewichtete taiwanesische Index. Blazek und Kato führen diese Volatilität primär auf Gewinnmitnahmen von Makroinvestoren und Long-Short-Fonds zurück, die ihre hohen Erträge aus dem ersten Halbjahr 2026 absichern. Hinzu kommt eine nachlassende Retail-Nachfrage, teilweise bedingt durch den Börsengang von SpaceX, der unter seinem Ausgabepreis notiert. Anleger mit reinen Long-Positionen hingegen seien weitgehend investiert geblieben – ein Zeichen anhaltender Überzeugung.

Strukturelle Nachfrage bleibt das tragende Argument

Für die These eines dauerhaften KI-Zyklus verweisen Blazek und Kato auf mehrere Belege. Die Quartalsergebnisse von ASML, Samsung und TSMC bestätigten weiterhin eine starke Infrastrukturnachfrage. Alphabet habe in der Vorwoche ebenfalls solide Zahlen vorgelegt. Entscheidend sei die strukturelle Verschiebung: Der Übergang von einfachen Chatbots zur agentischen KI – Systemen, die nicht nur reagieren, sondern Schlussfolgerungen ziehen und selbst handeln können – werde den Bedarf an Rechenkapazität in den kommenden Jahren erheblich steigern. «Jeder Schritt zu autonomeren, schlussfolgerungsfähigen Systemen erfordert wesentlich mehr Rechenleistung als der vorhergehende», so die Autoren. Dieser Nachfragedruck spiegelt sich auch in den Investitionsplänen der Hyperscaler wider: Google, Microsoft, Meta und Amazon planen zusammen Investitionen von rund 1 Billion US-Dollar im kommenden Jahr.

Als besonders aussagekräftiges Signal gilt den Strategen die Kapazitätsknappheit bei den Abnehmern selbst: Die Finanzchefin von OpenAI habe erklärt, dass die Rechenleistung des Unternehmens nur noch bis Ende 2027 ausreichen werde. Anthropic nutze xAI für zusätzliche Kapazitäten, Meta vermiete Überkapazitäten. «Diese Unternehmen bereiten sich nicht auf einen plötzlichen Einbruch vor. Sie versuchen, mit der Nachfrage Schritt zu halten», schreiben Blazek und Kato.

Credit-Märkte: Technische Ausweitung, kein Warnsignal

An den Credit-Märkten haben sich die Spreads von Hyperscalern um rund 10 bis 20 Basispunkte ausgeweitet. Neuberger qualifiziert dies als technisch bedingte Bewegung: Mehrere Grossemissionen – darunter NVIDIA, SpaceX und Amazon – folgten in kurzer Abfolge aufeinander und testeten die Absorptionsfähigkeit des Marktes. Hyperscaler emittieren in diesem Jahr schätzungsweise Anleihen im Gesamtvolumen von rund 350 Milliarden US-Dollar, was sie zu einigen der grössten Investment-Grade-Emittenten weltweit macht. Eine Finanzierungsblase sehen die Autoren darin nicht – warnen aber, dass die Aufnahmekapazität des Marktes nicht unbegrenzt sei.

Positionierung: Aktien vor Credits, Asien vor Europa

Neuberger bleibt in Aktien übergewichtet und bevorzugt diese gegenüber Credits aufgrund des attraktiveren Risiko-Ertrags-Profils. Innerhalb der Technologie liegt der Schwerpunkt auf Unternehmen aus Asien, den Emerging Markets und den USA, die direkt vom KI-Ausbau profitieren. Europa wird untergewichtet, da die Region hier nur begrenzte strukturelle Chancen biete. Credits werden neutral gehalten. Die Strategen erwarten, dass der Markt das gesamte Jahr über unruhig bleiben wird – insbesondere im Vorfeld der ausstehenden Quartalszahlen von Meta, Microsoft und Amazon.

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