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Der gebrochene Reflex: Hat Gold im Iran-Krieg seinen Status als sicheren Hafen verloren?

Was steckt hinter dem Preiszerfall bei Gold und wie sehen die Prognosen aus (Bild: Adobe Stock)
Was steckt hinter dem Preiszerfall bei Gold und wie sehen die Prognosen aus (Bild: Adobe Stock)

Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar hat Gold rund zehn Prozent eingebüsst – ausgerechnet dann, als das Edelmetall seine klassische Rolle hätte spielen sollen. Was steckt hinter dem Paradox?

11.05.2026, 07:21 Uhr
Edelmetalle

Redaktion: asc

Es ist die wohl überraschendste Marktbewegung dieses Krisenjahres: Während Brent-Rohöl seit dem 27. Februar – dem Vorabend der US-israelischen Operation «Epic Fury» – um 37 Prozent zugelegt hat und zwischenzeitlich bei 126 US-Dollar je Fass kulminierte, ist der Goldpreis im gleichen Zeitraum um zehn Prozent eingebrochen. Vom Allzeithoch von 5'594 US-Dollar je Feinunze, das am 29. Januar markiert wurde, hat sich Gold auf zuletzt rund 4'721 US-Dollar entfernt. In Schweizer Franken kostet ein Kilogramm Gold derzeit etwa 130'000 Franken, nachdem es Anfang Jahr noch bei rund 145'000 Franken gehandelt wurde.

Damit hat sich eine der robustesten Marktweisheiten der vergangenen vier Jahrzehnte vorerst in Luft aufgelöst: Wenn die Welt brennt, steigt Gold. Ist es also diesmal anders? Und wenn ja, was steckt dahinter?

Der Mechanismus: Wenn der Krisenschutz selbst zur Krise wird

Eine Erklärung für das Phänomen liegt nicht in der geopolitischen Lage, sondern in deren ökonomischer Übersetzung. Die Schliessung der Strasse von Hormuz hat laut Goldman Sachs rund 14,5 Millionen Fass Rohöl pro Tag vom Markt genommen und die globalen Lagerbestände im April um rekordhohe elf bis zwölf Millionen Fass täglich abschmelzen lassen. Diese physische Angebotsverknappung schlägt unmittelbar auf die Konsumentenpreise durch – mit Konsequenzen für die Geldpolitik, die Gold direkt belasten.

«Da der Konflikt einen Energieangebotsschock ausgelöst hat, der die Hoffnung auf tiefere US-Zinsen reduziert hat, ist es nicht überraschend, dass Gold diesmal Mühe hat, als sicherer Hafen zu funktionieren», analysiert Amy Gower, Metalle- und Bergbau-Strategin bei Morgan Stanley, gegenüber Euronews.

Das CME FedWatch-Tool zeigt mittlerweile null Zinssenkungen für das Gesamtjahr 2026 als Hauptszenario. Auf Sicht von zwölf Monaten ist die marktimplizite Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung sogar höher als jene einer Senkung. Für ein zinsloses Asset wie Gold ist das ein doppeltes Gift: steigende Opportunitätskosten und ein erstarkter US-Dollar, der dollardenominierte Anlagen für internationale Investoren verteuert.

Hinzu kam ein technischer Schock. Am 18. März bestätigte das FOMC unter dem designierten Vorsitzenden Kevin Warsh eine restriktive Linie. Am 19. März stürzte Gold intraday um 6,9 Prozent auf 4'557 US-Dollar – die schwächste Wochenperformance seit 1983. Die Orderbuchtiefe brach in einem 29-minütigen Fenster um 98 Prozent ein, Margin Calls und CTA-Stop-Outs verstärkten die Kaskade.

Der Tabubruch: Notenbanken als Verkäufer

Noch bemerkenswerter als die Preisbewegung ist die Reaktion der wichtigsten strukturellen Käufer der vergangenen Jahre. Laut World Gold Council wurden Notenbanken im März erstmals seit zehn Monaten zu Netto-Verkäufern – angeführt von der Türkei, die im ersten Quartal allein 118 Tonnen verkaufte oder verleaste, und von Russland. Acht andere Notenbanken kauften gleichzeitig 63 Tonnen.

«Nichts hat sich an der langfristigen These geändert», zitiert Bloomberg einen CME-Bericht. «Was sich geändert hat, ist, dass die Krise, auf die sie sich vorbereitet haben, tatsächlich eingetreten ist. Gold ist das liquideste Nicht-Dollar-Asset, das sie haben. Sie verkaufen es nicht, weil sie falsch lagen, sondern weil es genau so funktioniert, wie es designt ist.»

Die Gesamtnachfrage liegt dennoch auf Rekordniveau. Der World Gold Council meldet für das erste Quartal 2026 eine Goldnachfrage von 1'231 Tonnen im Wert von 193 Milliarden US-Dollar. Das ist ein wertmässiger Sprung von 74 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Nachfrage nach Barren und Münzen schnellte um 42 Prozent auf 474 Tonnen hoch.

Der Iran als Goldakkumulator

Mit Ironie betrachtet Teheran das Geschehen aus der Distanz. Im Fiskaljahr bis März 2026 importierte das Land über 100 Tonnen Gold im Wert von mehr als 8 Milliarden US-Dollar – rund 20 Prozent seiner Gesamteinfuhren. Die iranische Zentralbank hält damit nach eigenen Angaben rund 20 Prozent ihrer Währungsreserven in Gold. Eine Reuters-Quelle aus der Bank Markazi spricht inzwischen von «Tonnen davon», die im Notfall mobilisiert werden könnten. Importzölle auf Gold wurden auf null gesetzt, um Auslandsvermögen zurückzuführen und den Rial zu stabilisieren.

Auch in Westeuropa gab es bemerkenswerte Bewegungen. Die Banque de France verbuchte 12,8 Milliarden Euro Einmalgewinn, nachdem sie zwischen Juli 2025 und Januar 2026 rund 129 Tonnen nicht-standardisierte Goldbarren in New York gegen LBMA-konforme Bestände in Paris austauschte – ein leiser Akt der Repatriierung, der die Zentralbank-Diversifikation weg vom Dollar fortschreibt.

Prognosen sehen steigende Preise

Trotz der Korrektur halten die grossen Investmentbanken an ihrer strukturell bullishen Sicht fest. Die Bandbreite der Jahresend-Prognosen für 2026 liegt zwischen 5'400 und 6'300 US-Dollar je Feinunze:

J.P. Morgan hob sein Kursziel am 2. Februar von 5'055 auf 6'300 US-Dollar an. Deutsche Bank bestätigt 6'000 US-Dollar. Wells Fargo Investment Institute revidierte sein Ziel von 4'500-4'700 auf 6'100-6'300 US-Dollar. Société Générale rechnet mit 6'000 US-Dollar, ANZ mit 5'800 US-Dollar. UBS verortet das Jahresende bei 5'900 US-Dollar, Goldman Sachs unter Daan Struyven bei 5'400 US-Dollar. Die Genfer Union Bancaire Privée bekräftigte am 13. April – ausgerechnet am Tag der US-Marineblockade iranischer Häfen – ihr Ziel von 6'000 US-Dollar und stockte ihre Gold-Allokation auf.

Der Reuters-Konsens von 30 Analysten liegt mit einem Median von 4'746 US-Dollar deutlich tiefer – fast auf dem aktuellen Niveau. Die Lücke zwischen Konsens und institutionellen Hochzielen reflektiert eine einzige Szenariofrage: Wie lange hält die Hormuz-Blockade die Ölpreise hoch, verzögert Fed-Zinssenkungen und unterdrückt westliche ETF-Nachfrage?

Dies sieht auch Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz, so. Er ordnet den Rückgang als zyklisches Phänomen ein: «Steigen die Zinsen stark an, kommt Gold oft unter Druck.» Der wiedererstarkte Dollar habe zusätzlich auf den Preis gedrückt. Ross Norman von Metals Daily sieht im aktuellen Niveau eine technische Bereinigung nach einem Markt, der Anfang Jahr stark überkauft war: «Der strukturelle Bullenmarkt ist intakt. Wir werden eine Erholung sehen, aber nicht im rasanten Tempo des Jahresanfangs.»

Goldman Sachs warnt indessen vor weiterem kurzfristigem Abwärtspotenzial, sollten sich die Hormuz-Störungen verlängern. Rund 70 Prozent der von Goldman befragten Notenbanken erwarten in den nächsten zwölf Monaten dennoch steigende globale Goldreserven – und etwa derselbe Anteil rechnet damit, dass sich der Preis innerhalb eines Jahres oberhalb von 5'000 US-Dollar einpendelt.

Fazit: Vertrauensschock statt Inflationsschock

Die Lehre dieser zehn Wochen ist subtil: Gold glänzt nicht in jeder Krise gleich. Es brilliert dann, wenn das Vertrauen in die Notenbank und in die Währung selbst erodiert – wie in den 1970er-Jahren unter Arthur Burns, in der frühen Phase der Eurokrise oder während der Pandemie 2020. Der Iran-Krieg hat bislang einen Inflationsschock ausgelöst, aber keinen Glaubwürdigkeitsschock. Solange Märkte der Fed zutrauen, die Inflation einzudämmen, zahlt Gold den Preis für genau dieses Vertrauen.

Sollte sich der Konflikt jedoch hinziehen, die Strasse von Hormuz blockiert bleiben und die Inflation entankern, dürfte der zweite Akt für Gold beginnen – jener, in dem das Edelmetall seine eigentliche Defensivkraft entfaltet.

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