20.05.2026, 10:16 Uhr
Der US-Dollar befindet sich in einer der schwierigsten Phasen seit dem Ende der ersten Trump-Amtszeit. Moody's hat die letzte verbliebene Top-Bonität der USA gekippt. Der Greenback hat seither rund 13 Prozent an Wert...
Nach dem Allzeithoch bei 5'595 US-Dollar Ende Januar hat der Goldpreis rund 18 Prozent korrigiert und notiert aktuell bei rund 4'540 USD pro Feinunze. Die grossen Asset Manager interpretieren den Rücksetzer überwiegend als Konsolidierung innerhalb eines intakten strukturellen Aufwärtstrends – und sehen Kursziele bis 7'200 USD.
Der Goldpreis hat in den vergangenen zwei Jahren eine historisch aussergewöhnliche Entwicklung hingelegt. Nach einem Anstieg von über 60 Prozent im Jahr 2025 mit mehr als 50 neuen Allzeithochs erreichte das Edelmetall am 29. Januar 2026 ein Intraday-Hoch von 5'595 US-Dollar pro Feinunze. Seither hat sich der Kurs spürbar abgekühlt: Am 21. Mai 2026 notiert die Feinunze bei rund 3'560 Schweizer Franken bzw. 4'540 US-Dollar entsprechen rund 115'000 CHF pro Kilogramm.
Der Rücksetzer hat klar identifizierbare Auslöser. Seit dem Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 setzte das Edelmetall deutlich zurück, weil höhere Ölpreise, steigende Inflationssorgen und höhere Anleiherenditen den US-Dollar stützten und Gold als zinsloses Asset belasteten. Weil Gold in Dollar gehandelt wird, macht ein starker Greenback das Edelmetall für internationale Käufer teurer – und dämpft damit die Nachfrage. Gleichzeitig steigen die US-Anleiherenditen, was zinstragende Anleihen gegenüber dem zinslosen Gold attraktiver macht.
Der wichtigste fundamentale Stützpfeiler bleibt die Notenbanknachfrage. Der World Gold Council meldete für das 1. Quartal 2026 weltweite Netto-Käufe der Zentralbanken von 244 Tonnen. Das waren 17 Prozent mehr als im Vorquartal. Besonders aktiv waren dabei Polen, Usbekistan und China. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der World Gold Council weiterhin solide Zentralbankkäufe in einer Grössenordnung von etwa 700 bis 900 Tonnen.
Bemerkenswert ist die Verbreiterung der Käuferbasis: Zu den jüngsten Käufern zählen nach Angaben des World Gold Council unter anderem Zentralbanken aus Guatemala, Indonesien und Malaysia. Die Entwicklung deutet auf eine breiter werdende institutionelle Nachfragebasis hin, getrieben durch die Funktion von Gold als Absicherung gegen Entdollarisierung und geopolitische Risiken.
Goldman Sachs hat seine Erwartungen für die Zentralbankkäufe entsprechend angehoben: Die Prognose liegt nun bei durchschnittlichen Käufen von 60 Tonnen pro Monat im laufenden Jahr. Nach einer überarbeiteten Berechnungsmethode lag der gleitende 12-Monats-Durchschnitt der Käufe im März bereits bei 50 Tonnen – davor waren es lediglich 29 Tonnen.
UBS Global Wealth Management hat ihre kurzfristige Prognose im April angepasst, bleibt aber strukturell konstruktiv. Die Strategen prognostizieren nun einen Goldpreis von 5'200 Dollar pro Unze für Ende Juni. Die strukturelle Nachfrage bleibt jedoch intakt, da die Zentralbanken weiterhin ihre Käufe ankurbeln. Mittelfristige Rückenwinde – Stagflationsrisiken, die Unsicherheit im Kontext der US-Wahlen und die Aussicht auf einen schwächeren Dollar bei gleichzeitig sinkenden Realzinsen – dürften einen Anstieg auf 5'900 Dollar pro Feinunze bis Ende 2026 unterstützen.
Die Schweizer Union Bancaire Privée (UBP) bestätigt diese konstruktive Haltung: UBP erwartet, dass die Goldpreise bis Jahresende 6'000 USD pro Unze erreichen werden, da strukturelle Nachfrage, einschliesslich Zentralbankkäufe, Sorgen um Fiskaldefizite und geopolitische Spannungen, intakt bleiben.
Schroders zieht historische Parallelen. James Luke, Senior Portfolio Manager für Gold und Rohstoffe, sieht 2025 als das stärkste Goldjahr der Neuzeit abseits der frühen und späten 1970er-Jahre. Seine These: Gold entwickle sich zu einer «Anti-Fragile»-Kernallokation in Portfolios – ein Prozess, der noch weit vom Höhepunkt entfernt sei. Interessant findet Schroders auch Goldminen-Aktien, deren Margen trotz des Preisanstiegs historisch günstig bewertet bleiben.
PIMCO sieht den langfristigen Trend intakt. Greg Sharenow, Managing Director und Rohstoff-Portfoliomanager, argumentiert, kurzfristiges Kapital könne den Preis zwar um 10 bis 15 Prozent bewegen, ohne dass sich an der langfristigen Story irgendetwas ändere. Die sich verändernde Weltordnung und die Inflation blieben die beiden treibenden Kräfte.
BlackRock verweist auf ein starkes fundamentales Signal: Mit 95 Prozent geht die überwiegende Mehrheit der befragten Notenbanker davon aus, dass die globalen Goldreserven der Zentralbanken im Jahr 2026 steigen werden. Rund die Hälfte erwartet, dass auch ihre eigenen Goldreserven im gleichen Zeitraum zunehmen werden. Keine der befragten Zentralbanken rechnet mit einem Rückgang ihrer Goldreserven.
Die Investmentbanken haben ihre Jahresendziele 2026 nach der Januar-Rally deutlich angehoben. Der Jahresend-Konsens 2026 liegt zwischen 5'400 USD (Goldman Sachs) und 6'300 USD (J.P. Morgan und Wells Fargo), mit UBS bei 6'200 USD und Bank of America bei 6'000 USD. Société Générale rechnet ebenfalls mit 6'000 USD pro Unze bis Jahresende, hält dies jedoch für eine konservative Schätzung mit Raum für weitere Gewinne. Deutsche Bank bestätigte Anfang Februar 2026 ihr Kursziel von 6'000 USD pro Unze, nach zuvor 4'450 USD.
Den weitesten Ausblick liefert UBS mit einem Bull-Case-Szenario: UBS hat ihr Jahresendziel auf 6'200 USD angehoben, mit einem Upside-Szenario von 7'200 USD, falls sich die geopolitischen Risiken weiter zuspitzen.
J.P. Morgan Asset Management bleibt zwar bullish, mahnt aber zur Differenzierung: Gold sei sehr volatil, generiere keine Einkünfte, weise als Inflationsschutz eine wechselhafte Bilanz auf und habe in der Vergangenheit lange Phasen der Stagnation durchlebt. Auch WisdomTree bezeichnete den Einbruch nach dem Januarhoch als «Positioning- und Volatilitäts-Reset, keinen Kollaps» – die strukturellen Argumente für Gold blieben vollständig intakt.
Die strukturellen Treiber – Zentralbankkäufe in Rekordhöhe, fortschreitende Entdollarisierung, fiskalische Sorgen in den USA, geopolitische Fragmentierung und mittelfristig sinkende Realzinsen – bleiben nach Einschätzung der überwiegenden Mehrheit der Asset Manager intakt. Die rund 18-prozentige Korrektur seit dem Januarhoch wird mehrheitlich als gesunde Konsolidierung interpretiert und nicht als Trendwende. Mit einem Aufwärtspotenzial von 20 bis 60 Prozent gegenüber den aktuellen Notierungen – je nach Szenario – bleibt Gold im institutionellen Konsens ein strategischer Diversifikator mit asymmetrischem Chancenprofil.