13.04.2026, 09:27 Uhr
Der Goldpreis durchläuft derzeit eine intensive Konsolidierungsphase. Nach historischen Höchstständen zu Jahresbeginn stellt sich für institutionelle Investoren die entscheidende Frage: Ist es eine gesunde...
Innerhalb der letzten zwölf Monate haben sich die DRAM-Preise nach Berechnungen von BlackRock um den Faktor 17 verteuert. Aus der deflationären Konstante des Industriezeitalters ist eine inflationäre Variable geworden – und sie schickt sich an, die globale Güterinflation 2026 neu zu definieren.
Die Halbleiterindustrie kannte über Jahrzehnte nur eine Preisrichtung: nach unten. Mooresches Gesetz, Lernkurve, Skaleneffekte – ein Gigabyte DRAM verbilligte sich zwischen 1957 und 2020 alle fünf Jahre um den Faktor zehn. Diese Ära ist vorbei.
Der massive KI-Boom hat Folgen, um die sich nun auch Volkswirte kümmern: Anders als beim Pandemie-Chipmangel 2021 bis 2023, der ein klassischer Angebotsschock war, handelt es sich diesmal um eine nachfragegetriebene Preisexplosion. BlackRock formuliert es in seinem März-Bericht ungewöhnlich direkt: «Wir sehen exponentielle Preissteigerungen als natürliches Ergebnis exponentieller Nachfrage.»
Treiber sind die KI-Investitionen der Hyperscaler. Die Capex-Pläne der MAG-7-Unternehmen – Apple, Microsoft, Alphabet, Nvidia, Amazon, Meta und Tesla – steigen 2026 laut Analystenkonsens um mehr als 50 Prozent. Ein einziger HBM-Stack für einen Nvidia-GPU verbraucht laut Micron rund die dreifache Wafer-Kapazität von Standard-DRAM pro Gigabyte. Jeder Wafer, der in einen KI-Beschleuniger fliesst, fehlt bei der nächsten Smartphone-Charge. Oder er wird weder in die Automobilindustrie geliefert noch in der Unterhaltungsindustrie verarbeitet. Wafer werden die Grundplatten zur Herstllung Bau von Chips genannt.
Die Folge dieser starken Nachfrage ist eine strukturelle Umverteilung des globalen Silizium-Pools. SK Hynix meldete bereits im Oktober, dass die HBM-, DRAM- und NAND-Kapazitäten für 2026 «im Wesentlichen ausverkauft» seien. Micron hat das Konsumenten-Memory-Segment ganz verlassen. Tarun Pathak von Counterpoint Research bringt die Dynamik auf den Punkt: «Viele dieser Speicherhersteller sagen den Smartphone-Anbietern, sie sollen sich hinter den Hyperscalern anstellen.»
Gartner erwartet für 2026 einen Anstieg der jährlichen DRAM-Preise um 125 Prozent, bei NAND-Flash sogar um 234 Prozent. Der weltweite Halbleiterumsatz soll 2026 auf 1,3 Billionen Dollar steigen – ein Plus von 64 Prozent gegenüber 2025 und das stärkste Wachstum seit über zwei Jahrzehnten. Counterpoint Research bestätigt für das erste Quartal 2026 quartalsweise Preissprünge von 80 bis 90 Prozent über praktisch alle Speichersegmente hinweg.
Was das real bedeutet, zeigt HP in seinem jüngsten Quartalsbericht: Der Speicheranteil an den Herstellungskosten eines PCs ist innerhalb weniger Monate von 15 bis 18 auf 35 Prozent gestiegen. Speicher ist damit zum grössten Einzelkostenblock der PC-Produktion geworden. Gartner rechnet bis Ende 2026 mit einer kombinierten DRAM/SSD-Preissteigerung von 130 Prozent, was die Verkaufspreise von PCs um 17 Prozent und jene von Smartphones um 13 Prozent in die Höhe treiben dürfte. Die globalen PC-Auslieferungen sollen 2026 um 10,4 Prozent einbrechen, die Smartphone-Verkäufe um 8,4 Prozent – der steilste Rückgang seit über einem Jahrzehnt.
Rajeev Rajput, Senior Principal Analyst bei Gartner, ordnet die Konsequenzen so ein: «Memflation wird die Nicht-KI-Nachfrage bis 2028 zerstören oder zumindest verzögern.»
Während die Speicherchips von asiatischen AI-Käufen leergefegt werden, läuft im Hintergrund eine zweite Verknappungswelle. Das ifo-Institut meldete für Oktober 2025, dass 10,4 Prozent der deutschen Hersteller elektronischer und optischer Produkte über Materialknappheit klagen – im April waren es noch 3,8 Prozent. In der November-Umfrage hatte sich der industrieweite Anteil der Unternehmen mit Beschaffungsproblemen bereits verdoppelt. ifo-Experte Klaus Wohlrabe nennt als Ursache die chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden: «Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen und verschärfen, wird das auch das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.» Nach Berechnungen des Berliner Mercator Center for China Studies bezieht die deutsche Industrie 95 Prozent ihrer Seltenen Erden aus China. Hinzu kommt der ungelöste Streit um den niederländisch-chinesischen Halbleiterhersteller Nexperia.
Für die Schweiz wirkt der Effekt zweistufig: einerseits über importierte Vorleistungen aus dem deutschen Maschinen- und Elektroniksektor, andererseits direkt über die Konsumentenelektronik. BAK Economics hat seine Inflationsprognose für 2026 jüngst von 0,3 auf 0,6 Prozent angehoben – zwar primär begründet mit den Energiepreisen, doch die Chip-Komponente ist im Hintergrund mitgewachsen.
BlackRock hat aus der Diagnose eine Positionierung abgeleitet, die einige Aufmerksamkeit verdient. Im Tactical Opportunities Fund hält der Vermögensverwalter explizit Short-Positionen auf globale Staatsanleihen – mit dem Argument, dass die Chipflation als Upstream-Rohstoff-Inflation auf die Güterpreise durchschlagen werde. Gleichzeitig setzt BlackRock auf die Aktien- und Anleihenmärkte des asiatischen Halbleiter-Gürtels: Japan, Südkorea und Taiwan profitieren als Produktionszentrum von einer markanten Verbesserung ihrer Terms of Trade. Allein Südkorea produziert rund 75 Prozent des globalen DRAM-Angebots.
Die meisten Analysten – Gartner, IDC, Counterpoint, TrendForce – konvergieren auf eine Aussage: Vor dem zweiten Halbjahr 2027 ist keine substanzielle Entspannung zu erwarten. Eine neue Fab (Fabrication Plant) braucht 10 bis 20 Milliarden Dollar Investitionsvolumen und zwei bis drei Jahre Bauzeit. Die zusätzlichen Kapazitäten von Micron in Idaho oder Samsung in der P4-Erweiterung kommen frühestens 2027 in die Volumenproduktion – und davon ist ein Grossteil bereits für HBM und KI-Anwendungen reserviert. Intel-CEO Lip-Bu Tan formuliert es nüchtern: «No relief until 2028.»
Gartner mahnt CIOs und Beschaffungsverantwortliche, keine Lieferverträge mit ungünstigen Preisklauseln über 2027 hinaus abzuschliessen. Für Anleger lautet die Botschaft anders: Chipflation ist keine theoretische Gefahr mehr, sondern eine messbare Variable im Inflationsausblick – mit Konsequenzen für Zinsstrategien, Sektorallokationen und die Frage, wie lange das KI-Investitionsthema seine eigene Profitabilität noch tragen kann.