10.06.2026, 05:15 Uhr
Die durch den Iran-Konflikt ausgelöste Neubewertung am kurzen Ende der Zinskurve hat die All-in-Renditen kurzlaufender Unternehmensanleihen deutlich angehoben. Für TwentyFour Asset Management, die auf...
Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte ihren Einlagensatz am Donnerstag um 25 Basispunkte auf 2,25% anheben. Das ist für die Märkte längst keine Überraschung mehr. Die eigentliche Frage lautet, wie weit die EZB noch gehen kann, wie Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committees bei Carmignac, sagt.
Das Bild, das die aktuellen Daten zeichnen, lässt dem EZB-Rat am Donnerstag wenig Spielraum für Zurückhaltung. Die Kerninflation liegt bei über 2,5 Prozent, die Gesamtinflation bei 3,2 Prozent. Die Erzeugerpreise im verarbeitenden Gewerbe steigen im Jahresvergleich um rund 6 Prozent, die Dienstleistungsinflation verharrt bei 3,5 Prozent. Hinzu kommen erneute Belastungen in den Lieferketten. Gleichzeitig haben die jüngsten EZB-Umfragen einen Anstieg der Inflationserwartungen bei Haushalten und Unternehmen registriert.
Für Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committees bei Carmignac, ist das ein klares Signal: «Die Argumente für eine vorsorgliche Zinserhöhung haben sich seit der April-Sitzung eher verstärkt als geschwächt.»
Das Wirtschaftswachstum schwächt sich ab. Straffere Finanzierungsbedingungen, eine lahmende Auslandsnachfrage und ein gedämpftes Verbrauchervertrauen belasten das Umfeld. Carmignac erwartet, dass die EZB ihre Wachstumsprognosen nach unten anpassen wird.
Doch die Abschwächung reicht nicht aus, um die Inflationssorgen des EZB-Rats zu zerstreuen. Thozet verweist auf eine strukturelle Verschiebung: Inflationserwartungen reagieren nach den wiederholten Preisschocks der vergangenen Jahre schneller auf neue Überraschungen nach oben – und normalisieren sich langsamer. Das erhöht das Risiko einer dauerhaft weniger fest verankerten Inflationserwartung.
Daraus leitet der Carmignac-Experte eine klare Konsequenz ab: Die EZB muss kurzfristig schwächeres Wachstum akzeptieren, um einem noch restriktiveren geldpolitischen Umfeld zu einem späteren Zeitpunkt zuvorzukommen. Anders als die US-Notenbank Fed verfolgt die EZB kein Doppelmandat – Preisstabilität hat Vorrang.
Entscheidender als die Zinsentscheidung selbst werden am Donnerstag die aktualisierten Projektionen sein. Carmignac erwartet nach oben korrigierte Inflationsprojektionen – was implizit den Weg für weitere Zinsschritte ebnen würde.
Das Basisszenario des Pariser Vermögensverwalters sieht zwei weitere Erhöhungen bis Ende Sommer vor. Da die Märkte für 2026 bereits nahezu drei zusätzliche Zinsschritte eingepreist haben, dürfte ein erheblicher Teil des Straffungszyklus in kurzlaufenden europäischen Staatsanleihen bereits berücksichtigt sein.
Carmignac sieht darin eine Anlageopportunität. Der Rückgang der Ölpreise auf unter 100 US-Dollar je Barrel hat die marktbasierten Inflationserwartungen zuletzt gedrückt – eine Anpassung, die Thozet als verfrüht bewertet. Das Risiko einer Ausweitung des geopolitischen Konflikts über den Sommer hinaus, kombiniert mit erneuten Lieferkettenstörungen und einer hartnäckigeren Inflationsdynamik, werde seiner Einschätzung nach weiterhin unterschätzt.
«Die Märkte haben die Zinsgeschichte weitgehend eingepreist, nicht jedoch die Inflationsgeschichte», so Thozet. Diese Diskrepanz schaffe Chancen an den europäischen Staatsanleihenmärkten – insbesondere am kurzen Ende der Zinskurve.