Steigende Langfristrenditen: Neuberger Berman mahnt Aktienanleger zur Vorsicht

Das Comeback der Zins-Diskussionen ist Gesprächsstoff: Was heisst das für Investoren? (Bild: Adobe Stock)
Das Comeback der Zins-Diskussionen ist Gesprächsstoff: Was heisst das für Investoren? (Bild: Adobe Stock)

Monatelang drehten sich die Anlegergespräche um Geopolitik, KI und Private Credit – kaum um Anleihen. Vergangene Woche änderte sich das schlagartig mit dem Comeback der Zins-Diskussion. Für die Neuberger-Berman-CIOs Joseph V. Amato und Ashok Bhatia ist der Renditesprung eine Mahnung.

29.05.2026, 10:38 Uhr
Aktien | Anlagestrategie | Obligationen

Redaktion: asc

In den vergangenen Monaten prägte der Nahen Osten, den Boom der KI-Investitionen sowie die Chancen und Risiken von Private Credit die Diskussionen. Vergangene Woche kippte dieses Bild: Aus Furcht vor einer höheren Inflation infolge des Nahostkriegs zogen die Staatsanleihenrenditen in den meisten Industrieländern laufzeitübergreifend an.

Besonders deutlich fiel der Anstieg in den USA aus. Sowohl die nominale als auch die reale 30-jährige Rendite erreichten laut Amato und Bhatia Niveaus wie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr; die zwei- und zehnjährigen Sätze kletterten auf den höchsten Stand seit Anfang 2025. Auch in Japan legten die Renditen kräftig zu – im zehn- und dreissigjährigen Bereich auf Werte wie zuletzt in den späten 1990er-Jahren.

Solche Bewegungen bleiben nicht ohne Folgen. Höhere Langfristrenditen wirken direkt auf die Aktienbewertungen. Wie schmerzhaft das sein kann, zeigte sich 2022, als die massiven Zinserhöhungen der Fed die Langfristrenditen nach oben trieben und eine heftige Korrektur auslösten – besonders bei Wachstumsaktien mit langer Duration und niedriger Dividendenrendite. 2026 sei zwar nicht 2022, betonen die beiden CIOs. Doch weil die US-Aktien nur knapp unter ihren Allzeithochs notierten und die Renditen weiter stiegen, sei das Korrekturrisiko ernst zu nehmen.

Vorsichtiger Optimismus bei Aktien

Seit Anfang April haben die Aktienindizes massiv zugelegt – allerdings getragen von wenigen Titeln. Vor allem die Gewinne der Halbleiterwerte trieben den S&P 500 von Rekord zu Rekord. Für zusätzliche Fantasie sorgt die Börsengang-Pipeline: SpaceX, Anthropic und OpenAI dürften 2026 an die Börse kommen und zusammen bis zu 3 Billionen US-Dollar oder mehr auf die Waage bringen.

Mit den insgesamt guten Erstquartalszahlen wurde die Rally breiter. Die Umsätze der S&P-500-Unternehmen stiegen um 11 Prozent, die Gewinne je Aktie um 22 Prozent – was das Vertrauen in KI-Investitionen weiter stärkte. Gerade wegen der hohen Gewinne sehen Amato und Bhatia bei Aktien noch Potenzial; in der Vergangenheit hätten Haussen auch nach «irrationalen Übertreibungen» oft noch Monate oder Jahre angehalten.

Kurzfristig mahnen sie dennoch zur Vorsicht. Die Marktbreite sei aussergewöhnlich niedrig: Per 21. Mai hätten nur 22 Prozent der S&P-500-Titel in den vorangegangenen 30 Tagen besser abgeschnitten als der Index – ein 30-Jahres-Tief –, während die Momentumindikatoren extrem gestiegen seien. Deutlich höhere Langfristzinsen könnten in diesem Umfeld eine Korrektur einleiten.

Inflationserwartungen und Realzinsen im Fokus

Warum steigen die Renditen überhaupt? Amato und Bhatia führen den Anstieg auf höhere Inflationserwartungen und höhere Realrenditen zurück. Rechnete der Markt langfristig früher mit rund 2,25 Prozent US-Inflation, sind es nun 2,5 Prozent. Beim Thema Teuerung geben sie sich gleichwohl zuversichtlich: Steigende Energiepreise dürften die Kerninflation nur wenig anheizen.

Wichtiger seien die Realzinsen – und hier wirkten zwei Kräfte. Zum einen scheine der Markt davon auszugehen, dass KI ein strukturell höheres Wirtschaftswachstum und damit einen höheren neutralen Realzins nach sich ziehe. Weil KI enorm kapitalintensiv sei, falle der neutrale Zins nicht, sondern steige. Zum anderen sei die Kreditnachfrage stark gestiegen: Die KI-Hyperscaler begeben grosse Mengen an Investment-Grade-Anleihen, Asset-Backed Securities und Private Capital. Zusammen mit der zunehmenden staatlichen Kreditaufnahme könnten die höheren Realzinsen schlicht den schärferen Wettbewerb um Kapital widerspiegeln.

Daraus könne ein Teufelskreis entstehen: Höhere Zinsen bedeuten höhere künftige Staatsausgaben – und Zweifel an den Staatsfinanzen könnten die Zinsen weiter nach oben treiben.

Das eigentliche Risiko

Bleibe es bei dieser Konstellation, müssten weder die höhere Breakeven-Inflation noch die höheren Realrenditen den Aktien zwangsläufig schaden, so die beiden CIOs. Eine leicht höhere Inflation sei sogar tendenziell positiv, und steigende Realzinsen könnten lediglich nachvollziehen, was die Kurse längst abbildeten: den vor allem dank KI guten Wachstumsausblick.

Ein Risiko dürfe man jedoch nicht ausser Acht lassen. Misstrauen die Anleger den Langläufern und schiessen die Langfristrenditen deshalb in die Höhe, kann das drastische Folgen für Aktien haben. Der US-Haushaltsausblick hilft dabei nicht: Zölle müssten zurückgezahlt werden, die Verteidigungsausgaben stiegen, und kurzfristig wachse das Defizit. Eine Schuldenquote von 120 Prozent des BIP sei zwar noch nicht kritisch – die Richtung aber bereite Sorgen.

Entscheidend bleibe das Wachstum: Lasse die Konjunktur deutlich nach, verschlechterten sich die Staatsfinanzen weiter. Weniger Wachstum bei höheren Zinsen sei ein echtes Risiko – und kein triviales Extremszenario. Das Fazit von Amato und Bhatia: Die Zinsentwicklung sei zuletzt von anderen Themen überlagert worden. Aus dem Blick verlieren sollte man sie deshalb nicht.

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