10.08.2026, 08:58 Uhr
Die derzeitige Aktien-Rally verläuft alles andere als einheitlich. Während die US-Börsen und der DAX neue Bestmarken markierten und auch der Schweizer Leitindex SMI seine Erholung fortsetzte, zeigte sich in Asien...
Ein halbes Jahr nach dem grossen Boom zeigt sich: Die meisten Lokalwährungsanleihen der Schwellenländer trotzen dem Inflationsschock. Die grosse Story wird jedoch komplizierter, als es der Jahresanfangs-Optimismus vermuten liess.
Zu Jahresbeginn 2026 überschlugen sich die Prognosen: Asset Manager rund um den Globus riefen Emerging-Market-Lokalwährungsanleihen zur Top-Sektorpräferenz aus. Hohe Realrenditen, sinkende Inflation, ein erwartungsgemäss schwächerer Dollar – die Story schien rund. Ein halbes Jahr später lohnt sich die nüchterne Bestandsaufnahme: Wie hat sich die Anlageklasse tatsächlich geschlagen, und was ist von der Euphorie übriggeblieben?
Wer auf einen linearen Höhenflug gesetzt hatte, wurde im ersten Quartal ausgebremst. Der JP Morgan GBI-EM Global Diversified Index schloss mit minus 2,25 Prozent in US-Dollar. Der Haupttreiber der Verluste waren nicht etwa die Anleihen selbst, sondern die Währungskomponente: 13 von 19 Indexwährungen werteten gegenüber dem Dollar ab, was FX-Verluste zwischen 1,46 Prozent und 3,42 Prozent verursachte.
Die Gründe lagen ausserhalb der Schwellenländer selbst: Dollar-Stärke durch Safe-Haven-Nachfrage, eine Neubewertung der Fed-Erwartungen und eskalierende US-Iran-Spannungen im Nahen Osten drückten auf die Stimmung. Auch die Anleihekomponente selbst blieb mit minus 0,84 Prozent im Minus, da ölpreisbedingte Inflationsrisiken und höhere Term-Prämien die lokalen Renditekurven nach oben verschoben.
Der erste Reality Check also: Der Jahresstart lieferte keine Bestätigung der Konsensmeinung, sondern einen handfesten Dämpfer.
Im zweiten Quartal drehte das Bild. Engere Spreads und eine verbesserte Marktstimmung trieben die Performance – wenngleich die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten der dominierende Unsicherheitsfaktor blieben. Die Erholung bestätigt tendenziell die längerfristige These der Asset Manager, relativiert aber auch den Eindruck eines geradlinigen «Sure Thing»: Wer im ersten Quartal ausgestiegen wäre, hätte die Gegenbewegung verpasst.
Hier liegt der Kern des «Reality Checks» – und er fällt überraschend positiv aus. In 23 Schwellenländern mit verfügbaren Daten für Mai 2026 stieg die Inflation im Schnitt lediglich um 1,2 Prozentpunkte. Zum Vergleich: Beim Ölschock 2022 waren es 3,2 Prozentpunkte. Das ist ein fundamentaler Unterschied, der sich direkt aus zwei strukturellen Verbesserungen ableitet:
Erstens hat sich die Dollarabhängigkeit spürbar reduziert. Über 90 Prozent aller Schwellenländer-Anleihen werden mittlerweile in Lokalwährung emittiert – ein historischer Fortschritt gegenüber früheren Krisenzyklen, in denen Fremdwährungsschulden ganze Volkswirtschaften in die Knie zwingen konnten. Hinzu kommen breiter diversifizierte Währungsreserven und flexiblere Wechselkursregime, die Schocks besser abfedern.
Zweitens hat sich die geldpolitische Glaubwürdigkeit vieler Notenbanken in den Schwellenländern verbessert, kombiniert mit einer geringeren Ölintensität der Volkswirtschaften. Das Ergebnis: Positive Realzinsen in vielen Ländern, rückläufige Inflation und Fundamentaldaten, die laut Weltbank strukturell stärker sind als in früheren Stresszyklen.
Gleichzeitig bremst die globale Gemengelage das Wachstum: Die Weltbank erwartet für die Schwellen- und Entwicklungsländer (EMDEs) 2026 nur noch 3,6 Prozent Wachstum – 0,4 Prozentpunkte unter den Januar-Projektionen. Konflikte, höhere Energiepreise, straffere Geldpolitik und schwächerer globaler Handel hinterlassen Spuren.
Die grossen Häuser halten trotz des holprigen Starts mehrheitlich an ihrer positiven Einschätzung fest – differenzieren aber deutlich stärker als noch zu Jahresbeginn.
Morgan Stanley bezeichnet den Ausblick weiterhin als «hell und konstruktiv», gestützt auf robuste Nachfrage nach Nicht-Dollar-Assets und Realrenditen, die jene der Industrieländer weiter übertreffen.
State Street hält an der These der «Enduring Strength» fest und sieht in Brasilien, Kolumbien, Südafrika und Ungarn 12-Monats-Renditen von über 10 Prozent als erreichbar – eine Einschätzung, die Schroders nahezu deckungsgleich teilt.
J.P. Morgan bleibt konstruktiv mit positiver Beta-Neigung, kalkuliert im Zentralszenario mit Renditen zwischen 9 und 12 Prozent, wahrscheinlichkeitsgewichtet aber vorsichtiger mit rund 6 Prozent. Bezeichnend: Die Strategie setzt inzwischen auf selektive statt breite Durationspositionierung – ein Zeichen dafür, dass Differenzierung nach Länderrisiko wichtiger geworden ist als der pauschale EM-Trade.
Invesco sieht in Lokalwährungsanleihen weiterhin die attraktivste mittelfristige Opportunität, warnt aber explizit vor höherer währungsbedingter Volatilität – ein Eingeständnis, dass das Q1-Muster kein Einzelfall bleiben muss.
Neuberger liefert die nüchternste Einordnung: Bei einer nominalen Rendite von rund 6 Prozent auf Indexniveau – etwa 3 Prozent Pickup gegenüber einem Euro-Aggregate-Bond-Index – bleiben FX-Volatilität, Zinsrisiko sowie Kredit- und politisches Risiko die zentralen Unsicherheitsfaktoren.
Der Konsens mehrerer Häuser konzentriert sich auf eine überschaubare Gruppe: Brasilien, Südafrika, Kolumbien und Ungarn tauchen in nahezu jeder Top-Pick-Liste auf. AllianzGI ergänzt die Türkei sowie, im höheren Risiko-Rendite-Segment, Ägypten und Pakistan.
Gleichzeitig zeigt die Refinanzierungslandschaft die Kehrseite der Medaille: 23 Schwellen- und Frontier-Länder müssen zwischen Q2 2026 und Q1 2027 kombiniert 1,4 Billionen Dollar an Staatsanleihen refinanzieren – zu deutlich höheren Zinsen als bei der ursprünglichen Emission. Der IWF identifiziert 8 bis 12 Länder mit möglichem Restrukturierungsbedarf, darunter Pakistan, Ägypten, Ghana, Sambia, Sri Lanka, Äthiopien und Kenia. Die Botschaft ist eindeutig: Länderselektion ist 2026 kein «Nice-to-have» mehr, sondern zwingend.
Ein Detail, das die «Reality Check»-Perspektive besonders relevant macht: Laut State Street Institutional Investor Indicators sind institutionelle Anleger zu Jahresbeginn 2026 in EM-FX, Lokalwährungs-Staatsanleihen und EM-Aktien nach wie vor mit Underweight-Positionen unterwegs. Trotz der Fundamentaldaten-Story ist der grosse Rotationsschritt in die Anlageklasse also noch nicht vollzogen – was gleichzeitig als potenzielles Aufwärtspotenzial gelesen werden kann, sollte sich die Positionierung normalisieren.
Der Reality Check fällt also gemischt, aber tendenziell bestätigend aus. Die grosse Story vom Jahresanfang – strukturell resilientere Schwellenländer dank geringerer Dollarabhängigkeit und moderaterer Inflationsreaktion – hat sich empirisch bestätigt, insbesondere im Vergleich zum Inflationsschock 2022. Der geradlinige Optimismus der Konsensprognosen wurde jedoch im ersten Quartal von der Marktrealität eingeholt: FX-Volatilität, geopolitische Risiken rund um den Nahost-Konflikt und ein unsicherer Fed-Pfad bleiben die entscheidenden kurzfristigen Störfaktoren.
Für institutionelle Investoren lautet die Konsens-Botschaft der Asset Manager unverändert: Übergewichtung von EM-Lokalwährungsanleihen bleibt gerechtfertigt – aber nur mit aktivem Risikomanagement und einer klaren Fokussierung auf Länder mit soliden Fundamentaldaten und glaubwürdiger Geldpolitik. Die Zeiten des pauschalen EM-Beta-Trades sind vorbei; 2026 ist das Jahr der selektiven Länderwette.