28.11.2024, 12:36 Uhr
Insgesamt elf Bundesstaaten haben laut «FT» eine Klage gegen die Asset Manager Blackrock, Vanguard und State Street eingereicht. Sie sollen mit nachhaltigen Investments die Kohlepreise in die Höhe getrieben haben,...
Der globale ETF-Markt nähert sich der Marke von 22 Billionen Dollar. Laut dem neuen «2026 Global ETF Outlook» von State Street reicht Wachstum allein künftig nicht mehr aus: Infrastruktur, Kapazität und Vertriebsmechanik entscheiden, welche Anbieter und Strategien den Sprung schaffen. In Europa zeigt das erste Quartal 2026 bereits, wie stark die Dynamik ist – und wohin sich das Kapital verschiebt.
Die ETF-Branche tritt aus Sicht von State Street in eine neue Phase ein. Nach mehr als einem Jahrzehnt rascher Expansion seien ETFs nicht mehr lediglich ein effizienter Mantel für Anlagestrategien, sondern entwickelten sich zu einem zentralen Baustein der Marktinfrastruktur. Im Titel des «2026 Global ETF Outlook» fasst der weltweit führende ETF-Dienstleister diese Entwicklung mit der Formel «From Wrapper to Backbone» zusammen.
Der Befund stützt sich auf Rekordzahlen des Vorjahres: Ende 2025 lag das global in ETFs verwaltete Vermögen bei 19,85 Billionen US-Dollar, ein Plus von 4,9 Billionen gegenüber 2024. Die Netto-Neuzuflüsse erreichten mit 2,4 Billionen Dollar einen historischen Höchststand, 26 Prozent über dem bisherigen Rekord von 2024. Mit 2795 Produkten wurden zudem so viele neue ETFs aufgelegt wie nie zuvor.
Der Treiber dieser Dynamik sind aktive ETFs. Sie verzeichneten 2025 weltweit Zuflüsse von 638 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 70 Prozent gegenüber dem bisherigen Rekord. Allein in den USA überstiegen die Zuflüsse in aktive Produkte mit 515 Milliarden Dollar die gesamten Mittelzuflüsse in passive ETFs von 2023. Besonders stark fiel das Wachstum bei aktiv gemanagten Anleihen-ETFs aus: Sie legten um 46 Prozent zu und sammelten 459 Milliarden Dollar ein.
Jörg Ambrosius, Leiter des Bereichs Investment Services bei State Street, ordnet die Entwicklung so ein: «Das Wachstum der ETFs hat einen Punkt erreicht, an dem die Dimensionen die Diskussion verändern. Der Markt wächst zwar weiterhin, doch der Erfolg hängt zunehmend davon ab, ob Unternehmen in der Lage sind, in grossem Massstab zu agieren, Komplexität zu bewältigen und konsistent zu handeln, da ETFs eine immer grössere Rolle im Finanzsystem einnehmen.»
Für den europäischen Markt prognostiziert State Street ein Wachstum um mehr als 25 Prozent auf vier Billionen US-Dollar bis Ende 2026, bei Nettozuflüssen von über 500 Milliarden Dollar. Die aktuelle Marktentwicklung stützt diese Prognose deutlich: Laut Fidelity International sammelten europäische ETFs und ETCs allein in den ersten beiden Monaten 2026 bereits 93,5 Milliarden Euro ein und übertrafen damit das gesamte erste Quartal 2025. Der europäische Gesamtmarkt bewegt sich auf die Schwelle von drei Billionen Euro zu.
Auffällig ist eine markante geografische Rotation: Während US-Large-Cap-Growth-ETFs im Februar 2026 Abflüsse von 1,1 Milliarden Euro verzeichneten, sammelten Schwellenländer-ETFs 9,7 Milliarden Euro und europäische Aktien-ETFs 8,6 Milliarden Euro ein. Europäische Anleger lösen sich schrittweise von ihrer starken US-Fokussierung.
Aktive ETFs überholten in Europa erstmals passive Aktien-ETFs bei den Neuauflagen – ein symbolischer Wendepunkt für eine Industrie, die lange durch Indexreplikation definiert war. Laut Deutsche Börse entfielen in den ersten beiden Monaten 2026 mehr als 40 Prozent der Neuauflagen auf aktive Strategien. State Street erwartet, dass aktive Fonds 2026 die Mehrheit aller Produkt-Launches stellen werden.
Parallel verschiebt sich die Anlegerbasis. Die Zahl der ETF-Anleger in Europa stieg von 19,3 Millionen (2022) auf 32,8 Millionen im Jahr 2025 – ein Plus von 69 Prozent in drei Jahren. 25 Prozent aller europäischen Anleger halten mittlerweile ETFs. Besonders stark wuchs die Gruppe der 25- bis 34-Jährigen (+52 Prozent) und der Frauen (+60 Prozent). In Deutschland stuft das Deutsche Aktieninstitut ETFs und Fonds inzwischen als «Rückgrat» der Aktienanlage ein, Sparpläne als dominanten Einstieg für jüngere Anleger.
Dieser Wandel wird von der EU regulatorisch flankiert: Die politische Einigung über die Retail Investment Strategy (RIS) auf Parlamentsebene sowie nationale Investitionspläne adressieren genau jene Probleme – hohe Kosten, mangelnde Transparenz, Interessenkonflikte – bei denen ETFs strukturelle Vorteile ausspielen können.
Neue Bruchstellen
Mit der Ausweitung auf immer komplexere Strategien – von Multi-Coin-Crypto-ETFs über Private-Market-ähnliche Produkte bis zu Pre-IPO-Engagements – tauchen neue Friktionen auf. State Street identifiziert drei zentrale Spannungsfelder für 2026:
Besonders die von der US-Börsenaufsicht SEC im November 2025 genehmigten ETF-Anteilsklassen stellen die Branche vor die Frage, wie sich unterschiedliche Preismodelle für Fondsklassen mit bestehenden Distributionsvergütungen in Einklang bringen lassen.
Jeff Sardinha, Leiter ETF Solutions Nordamerika bei State Street, sieht darin auch Chancen: «Erfreulich ist, wie anpassungsfähig sich das ETF-Modell erwiesen hat. Emittenten finden immer wieder neue Wege, ETFs über verschiedene Anlageklassen und Regionen hinweg einzusetzen, und diese Flexibilität eröffnet Chancen, die es noch vor wenigen Jahren nicht gab.»
Auch regional verschieben sich die Gewichte. In der APAC-Region überstieg das ETF-Vermögen 2025 die Marke von zwei Billionen US-Dollar. China überholte mit über 850 Milliarden Dollar Japan als grösster APAC-Markt. Australien wuchs auf über 320 Milliarden Australische Dollar, Südkorea auf rund 150 Milliarden US-Dollar, wobei dort aktive ETFs bereits 33 Prozent des Marktes ausmachen. Taiwan stagnierte mit Nettozuflüssen von 23 Milliarden US-Dollar auf einem Drittel des Vorjahresniveaus – ein Hinweis darauf, dass die Wachstumskurve auch in Asien nicht überall linear verläuft.
Für 2026 erwarten die State-Street-Strategen in den USA weitere 2,1 Billionen Dollar an Nettozuflüssen, den ersten ETF mit einem verwalteten Vermögen von einer Billion Dollar sowie 100 Fondsumwandlungen von Mutual Funds in ETFs. Das zentrale Narrativ bleibt: Die Wachstumsgeschichte der ETFs geht weiter – aber die Gewinner der kommenden Jahre werden nicht über Produktideen allein ermittelt, sondern über die Fähigkeit, Infrastruktur, Regulatorik und Distribution im Massstab zu beherrschen.