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Candriam: Europas Verteidigungsaufrüstung wird zum strukturellen Anlagethema

Ken Van Weyenberg ist Head of Client Portfolio Management Equity bei Candriam (Bild: Candriam)
Ken Van Weyenberg ist Head of Client Portfolio Management Equity bei Candriam (Bild: Candriam)

Der belgische Vermögensverwalter Candriam stuft die europäische Verteidigungsaufrüstung in einer aktuellen Analyse nicht mehr als vorübergehenden Ausgabenschub ein, sondern als strukturelle, jahrzehntelange industriepolitische Verpflichtung.

17.09.2026, 11:29 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Die Candriam-Expertren Ken Van Weyenberg, Head of Client Portfolio Management Equity, und Quentin Duquesne, European Equity Analyst argumentieren in Ihrer Studie, dass die russische Invasion in der Ukraine die jahrzehntelange Annahme zerstört habe, europäische Verteidigungsbudgets seien eine Art Friedensdividende, die anderswo investiert werden könne. Verstärkt worden sei dieser Wandel durch eine weniger verlässliche transatlantische Sicherheitspartnerschaft sowie durch die wachsende strategische Bedeutung von Cyber, Drohnen und Weltraum.

Als Wendepunkt identifiziert Candriam den NATO-Gipfel im türkischen Ankara vom Juli 2026: Dort habe sich der Fokus von politischen Zusagen hin zur konkreten Umsetzung verschoben. Die NATO-Ausgaben hätten lange unter der 2-Prozent-BIP-Richtlinie gelegen und diese Schwelle laut Candriam erst 2025 überschritten.

Was Candriam an Zahlen liefert

Die Studie stützt ihre These mit einer Reihe konkreter Grössenordnungen:

  • Bis 2035 sollen die NATO-Gesamtausgaben für Verteidigung und sicherheitsrelevante Bereiche auf 5 Prozent des BIP steigen – 3,5 Prozent für den militärischen Kernbereich, 1,5 Prozent für Resilienzfelder wie Cybersicherheit und Infrastruktur.
  • Am Ankara-Gipfel seien Neubeschaffungen im Wert von über 50 Milliarden US-Dollar sowie 40 Milliarden US-Dollar an Investitionen in die Drohnenabwehr angekündigt worden, dazu 70 Milliarden Euro an Militärhilfe für die Ukraine für 2026–2027.
  • Das EU-Paket «Readiness 2030/ReArm Europe» solle bis zu 800 Milliarden Euro an zusätzlichen Verteidigungsinvestitionen mobilisieren.
  • Die EU-Kreditfazilität SAFE stelle 150 Milliarden Euro für gemeinsame Beschaffungen bereit, wobei kreditfinanzierte Verträge mindestens 65 Prozent ihrer Komponenten aus der EU, der Ukraine oder den EWR-/EFTA-Staaten beziehen müssten.
  • Der Umsatz der grössten börsennotierten europäischen Rüstungskonzerne («Primes») sei seit 2021 im Schnitt um 57 Prozent gestiegen.

Umsetzung statt Finanzierung als eigentlicher Engpass

Bemerkenswert an der Candriam-Analyse ist die Verschiebung der Risikoeinschätzung: Nicht die Finanzierung oder die politische Nachfrage seien der limitierende Faktor, sondern die industrielle Ausführung – Teile, Arbeitskräfte und Fabrikkapazitäten. Als Belege führen die Autoren das ins Stocken geratene deutsch-französische Kampfjet-Programm FCAS sowie die annullierte deutsche Fregattenbestellung an. Daraus leitet Candriam eine differenzierte Anlageschlussfolgerung ab: Nicht die pauschale Sektorwette zähle, sondern die Fundamentalanalyse einzelner Unternehmen mit glaubwürdigen Produktionsplänen und überschaubarem Programmrisiko.

Candriams Botschaft an Anlegerinnen und Anleger lautet damit: Die politische Grosswetterlage begünstigt den Sektor zwar strukturell und über mehrere Jahrzehnte, doch Selektivität bleibt entscheidend. Die beiden Autoren warnen jedoch ausdrücklich davor, allein auf höhere Ausgabenziele zu setzen. Entscheidend sei vielmehr, welche Unternehmen ihre Auftragsbestände tatsächlich in profitables Wachstum umsetzen können.

Zivile Luftfahrt und Weltraum als weitere Autonomiefelder

Und hier weitet Candriam den Autonomiebegriff aus dem engeren Verteidigungssektor hinaus auf zwei weitere Bereiche:

  • In der zivilen Luftfahrt verweist die Studie auf einen Auftragsbestand von über 16'000 Verkehrsflugzeugen – umgerechnet rund zwölf Produktionsjahre – und auf die Schlüsselrolle des Triebwerk-Joint-Ventures CFM International (Safran/GE Aerospace), das über 60 Prozent der weltweiten Schmalrumpfflotte antreibe, einschliesslich der chinesischen C919.
  • Im Weltraumsegment sieht Candriam mit Programmen wie Galileo, Copernicus und der geplanten Kommunikationskonstellation IRIS² eine zunehmend strategische Infrastruktur entstehen. Als robuster stuft die Studie jene Unternehmen ein, die sowohl staatliche als auch kommerzielle Kunden bedienen und damit von einzelnen Förderprogrammen unabhängiger sind.
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