Was bedeutet die Euro-Schwäche für den Schweizer Franken?

Nach einer Phase der Schwäche, hat der Franken gegenüber dem Euro wieder angezogen (Bild: Adobe Stock)
Nach einer Phase der Schwäche, hat der Franken gegenüber dem Euro wieder angezogen (Bild: Adobe Stock)

Der Euro fällt auf ein 17-Monats-Tief zum Dollar, und gegenüber dem Franken hat er so stark verloren wie seit Jahren nicht mehr an einem Tag. Die Märkte zweifeln, dass Paris seine Staatsfinanzen in den Griff bekommt. Für die Schweiz bringt das ein bekanntes Muster zurück.

05.10.2026, 07:45 Uhr

Redaktion: asc

Im asiatischen Handel vom Montag fiel der Euro bis auf 1,1161 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 2025. Gegenüber dem Dollar hat er zuvor vier Wochen in Folge verloren. Hinter dem Rückgang steckt mehr als die übliche Zinsdifferenz zu den USA: Im Euro steckt wieder eine europäische Risikoprämie.

Ausgangspunkt ist der französische Staatsanleihenmarkt. Die Rendite zehnjähriger OAT stieg vergangene Woche auf rund 4,95 Prozent, den höchsten Wert seit 2002. Der Abstand zur Bundesanleihe weitete sich innerhalb einer Woche um 34 Basispunkte aus. Laut Reuters war das der grösste Wochenanstieg seit 17 Jahren. Zu Jahresbeginn lag dieser Spread noch bei rund 55 Basispunkten.

Vergangene Woche legte die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu ihren Haushaltsentwurf für 2027 vor. Er sieht Einsparungen von rund 54 Milliarden Euro vor, das Defizit soll von 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung auf rund 5 Prozent sinken. Die Staatsverschuldung liegt bei knapp 120 Prozent des BIP. Die Abstimmung in der Nationalversammlung ist für den 17. November angesetzt. Die Märkte bezweifeln, dass das in drei Blöcke gespaltene Parlament den Sparkurs mitträgt, zumal im April 2027 die Präsidentschaftswahl ansteht.

Der Druck bleibt nicht auf Frankreich beschränkt. Zeitweise standen auch italienische, belgische und griechische Staatsanleihen unter Druck, während Anleger in Bundesanleihen flüchteten. Das erinnert an die Eurokrise. Anders als 2011/12 verfügt die EZB heute aber mit dem Transmission Protection Instrument (TPI) über ein Werkzeug gegen ungeordnete Spread-Ausweitungen.

Der Franken als Krisenwährung

Am Devisenmarkt spiegelt EUR/CHF die europäischen Risiken direkter als EUR/USD. Gegenüber dem Dollar drücken der Zinsvorsprung der USA und die Erwartung einer weiterhin straffen Fed auf den Euro. Daran änderte auch der schwächere US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag wenig. Gegenüber dem Franken zeigt sich dagegen fast ausschliesslich das Misstrauen in den Euroraum.

Die Schweiz bietet, was Anleger in solchen Phasen suchen: eine tiefe Staatsverschuldung, die Schuldenbremse, institutionelle Stabilität und eine Teuerung unter 1 Prozent. «In einer Welt, in der die Anleiherenditen deutlich steigen, gibt es nicht mehr viele Märkte, in denen man sich verstecken kann», zitiert cash.ch einen Marktbeobachter. Die Commerzbank sieht für den Franken weiteres Aufwertungspotenzial: Selbst wenn sich die Lage in den kommenden Wochen beruhige, dürften die Zweifel an der Tragfähigkeit der Staatsschulden bleiben.

Den Jahrestiefststand von 0,9190 vom 3. Juli hat EUR/CHF noch nicht erreicht. Der Abstand ist aber klein geworden.

Was das für die SNB heisst

Für die Nationalbank kommt die Aufwertung zur Unzeit. In ihrer Lagebeurteilung vom 24. September rechnet sie für 2026 mit einer Inflation von 0,7 Prozent und für 2027 mit 0,8 Prozent. Der Anstieg geht vor allem auf höhere Energiepreise zurück. Ein stärkerer Franken verbilligt Importe und drückt die Teuerung wieder Richtung Null.

Die SNB beliess den Leitzins bei 0 Prozent und erklärte, sie sei «bereit, am Devisenmarkt aktiv zu sein, um angemessene monetäre Bedingungen zu gewährleisten». Im zweiten Quartal kaufte sie Devisen für 1,4 Milliarden Franken. Gegen eine von Frankreich ausgelöste Fluchtbewegung bleiben Interventionen ihr wahrscheinlichstes Mittel, denn für negative Zinsen ist die Hürde hoch. Die Ausgangslage spricht für die SNB: Die EZB hat ihren Einlagesatz im September auf 2,5 Prozent angehoben, und der Zinsabstand zum Euroraum ist so gross wie seit Jahren nicht mehr. Ohne die Frankreich-Krise würde diese Differenz eher den Euro stützen.

Das Dilemma der EZB

Die EZB steckt in einer Zwickmühle. Mit einer Inflation von 3,8 Prozent im September spricht wenig für ein rasches Ende der Zinserhöhungen. Höhere Zinsen verteuern aber den Schuldendienst Frankreichs und Italiens und können die Fragmentierung verschärfen. Das TPI ist für ungerechtfertigte Marktbewegungen gedacht. Bei hausgemachten Haushaltsproblemen wäre ein Einsatz für Frankreich politisch heikel. Der Markt versteht das: Eine Notenbank, deren Spielraum von nationalen Haushaltsrisiken abhängt, stützt ihre Währung nicht automatisch.

Einordnung für Schweizer Anleger

Zunächst freuen können sich alle, die derzeit die Herbstferien geniessen. Auch die Importe in die Schweiz werden tendenziell nicht teurer. Umgekehrt leidet hierzulande die Exportwirtschaft und der Tourismus. Für Schweizer Small und Mid Caps wiegt das schwerer als für global aufgestellte Grosskonzerne.

Aus sicht der Anleger ist klar: Die Aufwertung des Frankens frisst Erträge auf europäischen Aktien und Anleihen. Wegen der Zinsdifferenz von rund 2,5 Prozentpunkten zwischen Euro und Franken ist die Währungsabsicherung teuer. Ein Teil der Mehrrendite von Euro-Obligationen geht dabei verloren. Bei Schweizer Obligationen ist weiterhin klar: Trotz tiefer Renditen bleiben sie ein Liquiditäts- und Stabilitätsbaustein, gerade in einer Phase steigender Renditen im Ausland.

Der wichtigste Frühindikator ist der Spread zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen. Sinkt er deutlich unter die jüngsten Höchststände, dürfte sich auch EUR/CHF erholen. Weitet er sich aus und greift die Unruhe auf Italien, Belgien oder Spanien über, dürfte der Franken weiter zulegen. Dann stellt sich die Frage, wie entschlossen die SNB dagegenhält. Kurzfristig bleibt die Risikobilanz für den Euro negativ. Eine technische Erholung nach dem starken Rückgang ist möglich. Eine nachhaltige Wende braucht aber einen Haushalt, den Frankreichs Parlament auch beschliesst. Ob es dazu kommt, zeigt sich spätestens am 17. November.

Alle Artikel anzeigen

Diese Website verwendet Cookies, um Ihnen eine bestmögliche Nutzung zu ermöglichen. Mit der Annahme der Cookies bestätigen Sie, dass Sie ein professioneller Anleger mit Sitz in der Schweiz sind.> Datenschutzerklärung