05.08.2026, 09:40 Uhr
Zwei Anlageklassen, zwei unterschiedliche Einschätzungen derselben Nachrichtenlage. Während S&P 500 und Dow Jones Anfang August auf neue Rekordstände klettern, bleibt die Stimmung an den Anleihenmärkten deutlich...
Die derzeitige Aktien-Rally verläuft alles andere als einheitlich. Während die US-Börsen und der DAX neue Bestmarken markierten und auch der Schweizer Leitindex SMI seine Erholung fortsetzte, zeigte sich in Asien ein deutlich durchzogeneres Bild. Auch für professionelle Anleger gilt daher: Rekordstände sind kein Ersatz für Titel- und Marktselektion.
Der Schweizer Aktienmarkt zeigte sich zuletzt ausgesprochen robust. Der SMI legte am 7. August um 0,61 Prozent auf 14'551,56 Punkte zu und verzeichnete damit den vierten Gewinntag in Folge. Das erst kürzlich markierte Rekordhoch von 14'656 Punkten rückte damit wieder in Reichweite. Unterstützt wurde die Bewegung von den jüngsten Deeskalations-Signalen im Nahostkonflikt, die sich auch an anderen internationalen Handelsplätzen positiv auf die Stimmung auswirkten.
Bewegung brachte zudem eine Welle an Halbjahreszahlen: Mit Swisscom, Swiss Re und Zurich legten gleich drei SMI-Schwergewichte ihre Ergebnisse vor. Swisscom war dabei mit einem Kursplus von 4,0 Prozent grösster Gewinner unter den Blue Chips – Analysten lobten insbesondere das robuste Schweizer Kerngeschäft sowie die zügig voranschreitende Integration von Vodafone Italia. Auf der Verliererseite stand zuletzt Amrize, das nach durchzogenen Zahlen und einer im Jahresverlauf zurückgenommenen Gewinnprognose deutlich unter Druck geriet. Bemerkenswert ist zudem eine Rotation innerhalb des Index: Titel wie Partners Group, Geberit, Logitech und Alcon – nach wie vor die grössten Verlierer im bisherigen Jahresverlauf – gehörten an einzelnen Handelstagen zu den stärksten Gewinnern, was auf eine beginnende Gegenbewegung bei zuvor abgestraften Werten hindeutet.
Auch andere europäischen Börsen setzen ihre Rekordjagd fort – allerdings auf einem Fundament, das brüchiger ist, als der Indexstand vermuten lässt. Der DAX schloss am 7. August bei 26'319 Punkten, nachdem er intraday bis auf 26'445 Punkte gestiegen war. Auf Wochensicht resultierte damit ein Plus von 2,7 Prozent. Seit Jahresbeginn steht der deutsche Leitindex knapp 7 Prozent im Plus – eine Zahl, die im internationalen Vergleich deutlich verblasst: Der S&P 500 legte im gleichen Zeitraum um 12 Prozent zu, der österreichische ATX gar um 25 Prozent.
An der Wall Street sorgte ausgerechnet eine schwache Konjunkturmeldung für Rekordstände. Der überraschende Rückgang der US-Beschäftigung im Juli liess die Markterwartung einer restriktiveren Fed-Politik weiter sinken und beflügelte die Kurse. Der S&P 500 kletterte um 0,62 Prozent auf einen Schlussrekord von 7'757,64 Punkten, der Nasdaq Composite legte um 1,30 Prozent auf 26'690,62 Punkte zu, und der Dow Jones stieg um 0,28 Prozent auf 54'036,93 Punkte – ein Niveau, das der Index zuvor erstmals in seiner Geschichte überschritten hatte. Auf Wochensicht resultierte für den S&P 500 ein Plus von 3,58 Prozent und für den Nasdaq gar von 5,19 Prozent – die stärksten Wochengewinne seit Monaten.
Getragen wurde die Rally von Technologie- und Softwarewerten sowie von einer aussergewöhnlich starken Berichtssaison: Mehr als 85 Prozent der bislang berichtenden S&P-500-Unternehmen übertrafen die Gewinnerwartungen. Einzelne Titel stachen besonders hervor – Atlassian schoss nach robusten Quartalszahlen um 35 Prozent nach oben, Twilio gewann 25 Prozent, während Airbnb nach einem Gewinnüberraschung zulegte und Trade Desk nach enttäuschenden Zahlen abrutschte. Nur die Sektoren Kommunikationsdienste und Energie schlossen im Minus. Begleitet wurde die Aktienrally von einem Anstieg des Goldpreises auf 4'339,11 US-Dollar sowie einem leicht rückläufigen Zehnjahres-Treasury-Rendite von 4,65 Prozent – beides Indizien für sinkende Zinserwartungen.
Anders als in den USA und Europa fiel die Reaktion in Asien verhaltener aus. Der japanische Nikkei 225 schloss am 7. August leicht im Minus, da KI-nahe Aktien vor der Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten nachgaben – dies nach einer wochenlangen, ausgeprägten Rekordserie im Sommer. Das Bild bestätigt eine Beobachtung, die sich bereits an anderen Handelsplätzen zeigte: Selbst in einem insgesamt freundlichen globalen Marktumfeld bleibt gerade der KI-getriebene Technologiesektor anfällig für kurzfristige Gewinnmitnahmen, sobald makroökonomische Daten anstehen.
Drei Faktoren prägen das aktuelle Marktbild über alle Regionen hinweg.
Hinzu kommt die anhaltende KI-Fantasie: J.P.-Morgan-AM-Stratege David Lebovitz verweist auf starke Hyperscaler-Zahlen und ein Gewinnwachstum von rund 30 Prozent – selbst ohne Beteiligungserträge. Entscheidend sei, dass sich die KI-Nachfrage zunehmend auf Industrie und Realwirtschaft ausweite, was die Story tragfähiger mache als ein reiner Tech-Hype.
Der Rekordstand vieler Indizes verdeckt eine ausgesprochen uneinheitliche Marktbreite. Laut Raiffeisen Schweiz liegen die deutschen Autowerte Mercedes-Benz, Volkswagen und BMW zwischen 20 und 40 Prozent im Minus – ein deutliches Zeichen, dass nicht der gesamte Markt von der Hausse profitiert. Auch am SMI zeigt sich diese Selektivität mit dem Kurseinbruch bei Amrize und der anhaltenden Jahresschwäche bei Partners Group. Das CIO Office von Raiffeisen Schweiz bringt es auf den Punkt: Rekordniveau und relative Schwäche können gleichzeitig wahr sein, der Indexstand darf nicht mit der Qualität des gesamten Marktes verwechselt werden.
Aus Sicht von J.P. Morgan Asset Management stützen die Hyperscaler-Ergebnisse den positiven Gewinnausblick; das Haus bleibt in seinen Portfolios «pro risk» positioniert, da sich die KI-Story zunehmend verbreitere und dadurch an Langlebigkeit gewinne. Allerdings verschiebt sich der Fokus zunehmend von pauschalem Tech-Beta hin zu gezielter Titelselektion.
Vorsichtiger klingt die LBBW: Im August stünden Anleger zwischen KI-Hoffnungen, Zinsängsten, Kriegssorgen und der Furcht vor einer KI-Blase – eine mögliche Konsolidierung über den Sommer sei nicht auszuschliessen. Dieser Gegenpol zum Risk-on-Narrativ mahnt zu Risiko- und Bewertungsdisziplin, gerade auf erhöhtem Kursniveau.
Bloomberg fokussiert denn auch auf die Qualität der US-Gewinne und die Frage, ob KI-Investitionen tatsächlich Kapitalrenditen erzeugen – Lebovitz warnt implizit davor, die Finanzierung der KI-Infrastruktur einseitig über Fremdkapital abzuwickeln; steigende Credit Spreads wären hier ein relevantes Warnsignal.
Die aktuelle Aktien-Rally ist ein globales, aber kein homogenes Phänomen. Während S&P 500, Nasdaq, Dow Jones und SMI neue Bestmarken markieren oder sich diesen nähern, bleibt der DAX im internationalen Vergleich ein Nachzügler und zeigt Japans Nikkei erste Ermüdungserscheinungen bei KI-Werten. Nachlassende Energie- und Zinsängste, eine robuste Berichtssaison und anhaltende KI-Fantasie treiben die Kurse – doch deutsche Autowerte und einzelne Schweizer Schwergewichte wie Amrize bleiben deutlich unter Druck. Für institutionelle Anleger bedeutet dies: Indexstände sind kein Ersatz für Titelselektion und regionale Differenzierung.