13.08.2026, 08:35 Uhr
Die Umsätze der KI-Branche von rund 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr stehen in einem eklatanten Missverhältnis zu Investitionen von 800 Milliarden US-Dollar allein im laufenden Jahr. Diese Rechnung gehe nicht auf,...
Zwischen Zollpolitik aus Washington, fragmentierten Binnenmärkten und einer historischen Reformwelle in Brüssel steht das europäische Gesundheitswesen an einem Wendepunkt. Ken Van Weyenberg, Head of Client Portfolio Management Equity, und Quentin Duquesne, European Equity Analyst – Fund Manager bei Candriam, analysieren, warum die Gesundheitssouveränität für Europa zur strategischen Priorität geworden ist – und wo sich daraus Anlagechancen ergeben.
Der Befund der Candriam-Analysten ist deutlich: Ein Grossteil der pharmazeutischen Wirkstoffe für den europäischen Markt wird heute ausserhalb der EU produziert – ein Erbe jahrzehntelanger Globalisierung, in deren Verlauf der Kontinent, einst weltweit führend in der Arzneimittelherstellung, seine Produktion schrittweise ausgelagert hat.
Die Covid-19-Pandemie legte die Folgen offen: Engpässe bei Antibiotika, Narkosemitteln und Intensivmedikamenten zeigten, dass Arzneimittelversorgung längst nicht mehr nur eine Frage der öffentlichen Gesundheit ist, sondern eine der strategischen Sicherheit. Der Krieg in der Ukraine und die geopolitischen Verwerfungen der vergangenen Jahre haben diese Verwundbarkeit weiter verschärft.
Zusätzlichen Druck erzeugt aktuell die US-Handelspolitik. Mit den im April 2026 eingeführten Section-232-Zöllen auf pharmazeutische Importe, einschliesslich Wirkstoffe, verfolgt Washington das Ziel, die heimische Produktion zu schützen und Fertigungskapazitäten in die USA zurückzuholen. Parallel dazu soll die sogenannte Meistbegünstigten-Nation-Preispolitik (MFN) US-Arzneimittelpreise an das niedrigere Preisniveau vergleichbarer Industrieländer angleichen – ohne Rücksicht auf strukturelle Unterschiede zwischen den Gesundheitssystemen diesseits und jenseits des Atlantiks.
Candriam weist darauf hin, dass höhere US-Preise keineswegs automatisch mehr Innovation bedeuten: Zwischen 2016 und 2020 flossen laut den Analysten branchenweit rund 577 Milliarden US-Dollar in Aktienrückkäufe und Dividenden – mehr als die 521 Milliarden US-Dollar, die im selben Zeitraum in Forschung und Entwicklung investiert wurden. Für Europa werfe diese Entwicklung grundsätzliche Fragen zur Souveränität des eigenen Gesundheitswesens auf, so der Marktkommentar.
Neben dem äusseren Druck sieht Candriam auch strukturelle Probleme im Inneren des europäischen Systems. Obwohl die EU-Mitgliedstaaten ihrer Bevölkerung nahezu flächendeckend Gesundheitsversorgung bereitstellen, belasten Budgetdefizite und wachsender Populismus die Finanzierung des Gesundheitswesens. Regulatorische Vorhaben wie die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) und die In-vitro-Diagnostika-Verordnung (IVDR) haben der Branche zwar mehr Sicherheit gebracht, gleichzeitig aber zu Verzögerungen bei Zertifizierungen und weniger Produkteinführungen geführt. Hinzu kommt die Fragmentierung des Binnenmarkts: Für einzelne Medikamente müssen Hersteller mit bis zu 27 nationalen Behörden separate Preis- und Erstattungsverhandlungen führen, um EU-weiten Marktzugang zu erreichen.
Aus Sicht von Candriam war die Phase von Ende 2025 bis Mitte 2026 die aktivste Periode der europäischen Gesundheitspolitik seit einer Generation. Innerhalb weniger Monate machte die EU parallel Fortschritte bei der Arzneimittelreform, der Versorgungssicherheit, der Medizinprodukteregulierung, der Biotechnologie und bei Gesundheitsdaten. Als bislang wichtigster Meilenstein gilt die im Mai 2026 erzielte vorläufige politische Einigung zwischen Europäischem Parlament und EU-Rat über das Gesetz über kritische Arzneimittel («Critical Medicines Act»).
Ziel ist es, Lieferengpässe zu verhindern, die Abhängigkeit von Drittstaaten zu reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Pharmaindustrie zu stärken – eines der industriellen Kraftzentren Europas, das laut Candriam direkt über 900'000 Menschen beschäftigt und jährlich einen Produktionswert von mehr als 400 Milliarden Euro erwirtschaftet, dessen globaler Anteil an Fertigung und F&E-Ausgaben gegenüber den USA und Teilen Asiens jedoch zurückgegangen ist.
Für Anleger leitet Candriam aus dem Streben nach technologischer und gesundheitlicher Autonomie mehrere Investmentthemen ab:
Trotz diesen verschiedenen Initiativen: Der Weg zu mehr Autonomie im europäischen Gesundheitswesen steht laut Candriam erst am Anfang, nimmt aber zunehmend Konturen an. Erstmals zeige sich ein klarer politischer Wille in der EU, kritische Abhängigkeiten abzubauen und regulatorische wie finanzielle Anreize an die veränderte geopolitische Lage anzupassen. Candriam sieht darin eine Entwicklung, die attraktive Anlagechancen für Investoren eröffnet, die auf die strukturelle Neuausrichtung des europäischen Gesundheitssektors setzen.