Aufschwung mit kurzfristigem Inflationsschub kann weitergehen

Das globale Wachstum wird sich laut Invesco bis zum Ende des ersten Quartals 2022 weiter beschleunigen, verliert dann an Fahrt, bleibt aber über Trend. (Bild: Shutterstock.com/whiteMocca)
Das globale Wachstum wird sich laut Invesco bis zum Ende des ersten Quartals 2022 weiter beschleunigen, verliert dann an Fahrt, bleibt aber über Trend. (Bild: Shutterstock.com/whiteMocca)

Wir befinden uns nach Ansicht der globalen Marktstrategen von Invesco in der Frühphase des Konjunkturzyklus. Das BIP nähere sich zwar bereits rasch wieder dem Vorkrisenhoch – die Erfahrung vergangener Zyklen zeige jedoch, dass die Wirtschaft auch nach Erreichen früherer Höchststände noch längere Zeit weiter wachsen kann.

30.06.2021, 10:51 Uhr

Redaktion: rem

Um die vielen Eventualitäten zu erfassen, die im aktuellen Umfeld zu berücksichtigen sind, haben die Invesco-Experten in ihrem Halbjahresausblick ein Basisszenario mit einer ihrer Ansicht nach sehr hohen Eintrittswahrscheinlichkeit sowie zwei weitere, mögliche Szenarien formuliert. "Die Abbildung unserer drei Makroszenarien in einem Makro-Modell kann die taktische Vermögensaufteilung und Analysen aktueller Entwicklungen durch eine historische Perspektive unterstützen“, erklärt Henning Stein, Global Head of Thought Leadership bei Invesco.

In ihrem Basisszenario gehen die Invesco-Experten davon aus, dass sich das globale Wachstum mit dem Wiederhochfahren der Wirtschaft in allen Teilen der Welt bis zum Ende des ersten Quartals 2022 weiter beschleunigen wird, bevor es an Fahrt verliert, aber trotzdem deutlich über Trend bleibt. Mit dem Anstieg der Ausgaben dürfte auch die Inflation anspringen. Die Invesco-Experten rechnen jedoch nur mit einem kurzfristigen Inflationsschub, gefolgt von einer Mässigung auf ein Niveau, das zwar höher ist als vor der Pandemie, aber nicht so hoch, dass die Zentralbanken einschreiten müssten. Längerfristig gehen die Investmentexperten davon aus, dass die Inflation durch die demographische Entwicklung und Innovationen in Schach gehalten werden wird.

Unterschiedliche Wachstumsdynamik

Ein wesentlicher Faktor für ihre Beurteilung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds sind die enormen Stimulusmassnahmen, mit denen Regierungen und Zentralbanken auf die Krise reagiert haben. "Länder rund um die Welt haben grosse fiskalische Hilfspakete geschnürt, um ihre Wirtschaft durch die Krise zu bringen – ihr Volumen übersteigt alles während der globalen Finanzkrise Gesehene. Die regional unterschiedlich hoch ausfallenden Ausgaben lassen jedoch auch eine unterschiedliche Wachstumsdynamik erwarten", so Stein. Im Zuge der Wachstumserholung und der höheren Inflation nach dem Ende der pandemiebedingten Lockdowns dürften die Anleiherenditen steigen. Durch ihre Umstellung auf eine flexible Steuerung der Inflation rund um ein durchschnittliches Inflationsziel werde sich die US-Notenbank jedoch vermutlich mit Zinserhöhungen zurückhalten. Das sollte den Renditeanstieg begrenzen und die Erholungsphase verlängern. Gleichzeitig dürfte der US-Dollar dadurch kurzfristig unter Druck stehen, wovon Rohstoffe profitieren sollten.

Nach ihrer erfolgreichen Impfkampagne dürften die USA die weltweite Wachstumserholung anführen, während das Wachstum in China etwas an Dynamik verliert. Grossbritannien und die Eurozone werden der Erholung in den USA voraussichtlich rasch folgen, die Schwellenländer aufgrund ihrer schleppenderen Impffortschritte mit grösserer Verzögerung. Angesichts der Art dieser Krise und der Treiber dieses Aufschwungs – hochwirksame Impfstoffe, Nachholbedarf, erhöhte private Ersparnisse in mehreren Ländern, eine sehr akkommodierende Geldpolitik und erhebliche fiskalische Anreize – sollten letztlich alle Länder vom Aufschwung erfasst werden, wenn auch zeitlich versetzt. Erwähnenswert sei dabei, dass einige Industrieländer ihre fiskalischen Stimulusmassnahmen für eine nachhaltige, inklusivere und stärker am Kreislaufprinzip orientierte Neuausrichtung ihrer Wirtschaft nutzen möchten.

Nebenwerte und Value-Titel bevorzugt

Die Invesco-Experten rechnen mit einem Rückgang der Marktvolatilität in allen Anlageklassen und einer Outperformance zyklischerer Regionen, Branchen und Anlagestile. Die fiskal- und geldpolitischen Stimulusmassnahmen werden ihrer Meinung nach weiter für gute Unterstützung von Risikoanlagen sorgen und damit auch für eine Outperformance von Aktien gegenüber Anleihen. Im Aktienbereich bevorzugen die Invesco-Experten Nebenwerte und Value-Titel, da ihr Makro-Modell eine Outperformance der Faktoren "Size" und "Value" in Erholungsphasen signalisiert.

Vor dem Hintergrund des weltweiten Aufschwungs, lockerer Finanzierungsbedingungen und eines schwächeren Dollars werden Schwellenländeraktien ihrer Ansicht nach grösstenteils besser abschneiden als Industrieländeraktien. Aufgrund des unterschiedlichen Impftempos könne die Entwicklung allerdings von Region zu Region unterschiedlich ausfallen.

Von Kreditanlagen und Hochzinsanleihen wird eine bessere Performance erwartet als von Staatsanleihen. Die Fundamentaldaten sind positiv und stützen US-amerikanische und europäische Hochzinsanleihen. Die Spreads sind jedoch bereits extrem eng. Das begrenzt das Potenzial für eine weitere Spreadverengung und erhöht das Risiko einer möglichen Spreadausweitung. Bank Loans werden durch starke Kreditfundamentaldaten gestützt und könnten dank ihrer variablen Verzinsung von steigenden Zinsen profitieren.

Private-Market-Strategien gut aufgestellt

In ihrem Basisszenario halten die Invesco-Experten viele Private-Market-Strategien für gut aufgestellt, um von der weltweiten Wiedereröffnung der Wirtschaft zu profitieren. Durch Covid-bedingte Marktverwerfungen entstünden weiterhin interessante Anlagemöglichkeiten in ausgewählten Teilklassen des Private-Market-Universums, wie zum Beispiel in bestimmten Immobiliensektoren und bei Infrastrukturanlagen. Im Falle eines globalen Inflationsanstiegs würden die Anlageexperten variabel verzinsliche Privatkredite sowie Sachwerte mit häufig inflationsgeschützten Erträgen bevorzugen.

Nach Ansicht der Invesco-Strategen sind die "Tail Risks" – die Extremrisiken – aktuell grösser und greifbarer als in den meisten vergangenen Aufschwungphasen wie nach der globalen Finanzkrise. Die beiden wesentlichen Risiken, die ihrem Ausblick entgegenstehen könnten, sind einerseits ein erneutes Aufflammen der Pandemie mit Virusmutationen, gegen die die verfügbaren Impfstoffe keinen ausreichenden Schutz bieten, was eine vollständige Wiedereröffnung der Wirtschaft verhindern könnte, und andererseits eine hohe Inflation als Folge geldpolitischer Massnahmen.

Henning Stein, Global Head of Thought Leadership bei Invesco
Henning Stein, Global Head of Thought Leadership bei Invesco

Weitere Pandemie-Welle wäre weit weniger dramatisch

Eine Ausbreitung widerstandsfähigerer Virusmutanten hätte zwar negative Auswirkungen auf das globale Wachstum. Stein zufolge wären diese aber nicht annähernd so dramatisch wie in der ersten Covid-19-Welle, da die Volkswirtschaften gelernt hätten, mit Lockdowns und anderen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu leben. "Viele Aktivitäten sind ins Internet verlagert worden und bei vielen Dienstleistungen steht die vollständige Wiedereröffnung noch aus. Anstelle eines erneuten Einbruchs der Wirtschaft dürfte es nur zu einer Verlangsamung des Aufschwungs kommen, was vermutlich zusätzliche Unterstützung durch die Geld- und Fiskalpolitik erforderlich machen würde", meint er. "Aufgrund ihrer weniger gut ausgebauten Gesundheitsinfrastruktur und ihrer niedrigeren Impfquoten wären die Schwellenländer wahrscheinlich am stärksten betroffen."

In einem Szenario eines starken wirtschaftlichen Aufschwungs mit einem nachhaltigeren Anstieg der Inflation dürfte die Fed nach Ansicht der Invesco-Experten zunächst verzögert reagieren und bewusst "hinter der Kurve" bleiben. Wenn die Inflation deutlich über die Zielwerte der Zentralbanken hinausschiessen sollte, würden sich die Fed und andere Zentralbanken jedoch gezwungen sehen, die Geldpolitik aggressiver zu straffen, als von den Märkten derzeit erwartet wird. Dies würde das Wachstum bremsen und auch die Kapitalmärkte in Mitleidenschaft ziehen.

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