Japan ist zurück – der «Takaichi Trade» hat es in sich

«Takaichi Trade» hat es in sich: Wie nachhaltig ist der Boom der japanischen Aktien? (Bild: Shutterstock)
«Takaichi Trade» hat es in sich: Wie nachhaltig ist der Boom der japanischen Aktien? (Bild: Shutterstock)

Am 21. Oktober 2025 wurde Sanae Takaichi als erste Frau zur Premierministerin Japans gewählt. Seitdem hat der Nikkei 225 von 49'316 auf 66'116 Punkte zugelegt, ein Plus von 34,1 Prozent. Der breiter gefasste TOPIX gewann 24,1 Prozent und steht heute bei 4'033 Punkten. Was steht hinter dem Boom und was heisst dies für Anleger?

22.07.2026, 10:00 Uhr

Redaktion: asc

Die ehrliche Antwort lautet: es gibt nicht einen einzelnen Faktor, sondern das seltene Zusammentreffen von sechs sich gegenseitig verstärkenden Kräften – und die Erkenntnis globaler Investoren, dass Japan strukturell ein anderes Land geworden ist als das, das sie jahrzehntelang ignoriert hatten.

Zunächst der Rückblick: Bereits bevor Takaichi offiziell ihr Amt antrat, reagierte der Markt: Als sie am 6. Oktober 2025 die LDP-Führungswahl gewann, legte der Nikkei an einem einzigen Tag um 4,75 Prozent zu. Der sogenannte «Takaichi Trade» war geboren – die Erwartung expansiver Fiskalpolitik, koordinierter Industriestrategie und einer BoJ, die man nicht zu früh in die Enge treiben würde.

Diese Erwartungen wurden rasch konkretisiert. Schon einen Tag nach Amtsantritt berichtete Reuters, die neue Regierung plane ein Konjunkturpaket, das das vorherige von 13,9 Billionen Yen übertreffen solle. Im November 2025 genehmigte das Kabinett ein Stimuluspaket von 21,3 Billionen Yen, davon 17,7 Billionen Yen General-Account-Ausgaben und 2,7 Billionen Yen Steuerreduktionen. Im Dezember folgte ein Zusatzbudget von 18,3 Billionen Yen – das größte Stimuluspaket seit der Pandemie, finanziert überwiegend durch neue Schulden.

Der entscheidende Botschaft für Aktieninvestoren war dabei weniger die exakte Haushaltsmechanik als das politische Signal: Japan bricht mit der Unterinvestitionslogik der vergangenen Jahrzehnte. Im Juni 2026 kommunizierte die Regierung Pläne für 370 Billionen Yen öffentliche und private Investitionen bis 2040 in 17 strategischen Sektoren – Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Raumfahrt, Verteidigung, Energie. Der Markt las dies als Einladung zur Neupositionierung in einer Volkswirtschaft, die ihre Wachstumsstory neu schreibt.

Den politischen Rückenwind verstärkte Takaichis fulminanter Wahlsieg im Februar 2026: Die LDP gewann 316 von 465 Sitzen im Unterhaus, und der Nikkei stieg am Wahltag um 3,9 Prozent. Das Mandat war eindeutig.

Die Bank of Japan: Graduell, aber nicht zahm

Der zweite Treiber war das Verhalten der Zentralbank – präziser gesagt, das, was sie nicht tat. Takaichi hatte noch vor Amtsantritt klargemacht, dass voreilige Zinserhöhungen fehl am Platz seien, solange die Inflation stärker von Rohstoffpreisen als von robuster Binnennachfrage getrieben werde. Die BoJ hielt ihren Leitzins im Oktober 2025 zunächst unverändert, obwohl zwei Ausschussmitglieder eine Erhöhung gefordert hatten.

Danach normalisierte die BoJ zwar – aber in einer Dosierung, die Aktien zunächst nicht abwürgte. Im Dezember 2025 hob sie den Leitzins auf 0,75 Prozent an, im Juni 2026 auf 1,0 Prozent, den höchsten Stand seit 1995. Entscheidend war jedoch, dass sie dabei keine aggressive Straffungsserie ankündigte und ihre Anleihekäufe bei rund 2 Billionen Yen pro Monat stabilisierte. Für Banken und Versicherungen waren höhere Zinsen positiv – die Bewertungsanker für Wachstumstitel und KI-Aktien wurden aber nicht sofort weggezogen.

James Klempster, stellvertretender Leiter des Multi-Asset-Bereichs bei Liontrust Asset Management, benennt diesen Zusammenhang präzise: «Die Tatsache, dass nach einem jahrzehntelangen deflationären Umfeld nun wieder Inflation in Japan herrscht, wirkt sich ebenfalls positiv auf die Wirtschaft aus, da sie den Konsum ankurbelt.» Gleichzeitig warnt er vor der Kehrseite: «Sollte sie jedoch zu stark ansteigen, besteht die Möglichkeit, dass die Bank of Japan gezwungen sein wird, eine strengere Haltung einzunehmen, um sie einzudämmen.»

Der Yen: Transmissionsriemen und Risikofaktor

Kein Faktor hat die Rally stärker geprägt als die Schwäche des Yen – und kein Faktor macht sie auch anfälliger. Am 22. Juli 2026 fiel der Yen auf 163,24 je US-Dollar, den schwächsten Stand seit Ende 1986. Japans Finanzministerin Satsuki Katayama drohte daraufhin mit «entschlossenem Handeln» am Devisenmarkt.

Für Exporteure und Unternehmen mit hohem Auslandsanteil ist ein schwacher Yen ein direkter Gewinntreiber: Umsätze in US-Dollar oder Euro wachsen bei Umrechnung in Yen automatisch. Das erklärt die klassische inverse Beziehung, die Klempster beschreibt: «Wenn sich der Yen gegenüber dem US-Dollar einem 40-Jahres-Tief nähert, wirkt sich das in der Regel positiv auf Unternehmen aus, da ihre in Yen preisgekennzeichneten Waren für Käufer aus dem Ausland günstiger werden.»

Doch die Medaille hat zwei Seiten. Eine Umfrage unter japanischen Unternehmen ergab im Juli 2026, dass mehr als die Hälfte den schwachen Yen inzwischen als negativ für die eigenen Gewinne einstuft – weil Energieimporte, Rohstoffe und Vorleistungen teurer werden. Für den breiten Markt, besonders für kleinere Binnenwirtschaftsunternehmen, kehrt sich der Yen-Vorteil damit um. Und wenn importierte Inflation die Reallohnzuwächse überholt, leidet der Konsum – jener Faktor, dem die japanische Wirtschaft seit zwei Jahren ihre zaghafte Erholung verdankt.

Corporate Governance: Der nachhaltigste Treiber

Während Fiskalpolitik und Währung zyklisch sind, ist der strukturell bedeutendste Treiber der Rally das gewandelte Selbstbild japanischer Unternehmen gegenüber ihren Aktionären. Die Tokyo Stock Exchange hatte 2023 von börsennotierten Gesellschaften verlangt, Pläne zur wertorientierten Unternehmensführung offenzulegen. Bis 2026 hatten 92 Prozent der Prime-Market-Unternehmen entsprechende Konzepte vorgelegt.

Der Effekt ist messbar: Aktienrückkäufe erreichen Rekordniveau – von April bis Dezember des Fiskaljahres 2025 wurden Rückkäufe im Wert von 14,2 Billionen Yen angekündigt. Die Liquiditätsreserven japanischer Unternehmen belaufen sich auf rund 1,8 Billionen US-Dollar; neue Corporate-Governance-Code-Änderungen sollen diesen Cash-Berg effizienter nutzbar machen – für Ausschüttungen, Akquisitionen oder Wachstumsinvestitionen.

Klempster sieht hier den tiefer liegenden Kern der Japan-Story: «Strukturelle positive Faktoren, darunter eine bessere Unternehmensführung, Reflation und steigende Aktionärsrenditen, werden nach wie vor unterschätzt.» Er verweist auf das Fundament, das Shinzo Abe mit seinen «Drei-Pfeilen»-Reformen legte: «Man kann mit Fug und Recht sagen, dass sie den Grundstein für bessere Aussichten sowohl für die japanische Wirtschaft als auch für den Aktienmarkt gelegt haben.»

Das Vertrauen globaler Ankerinvestoren hat diese Wahrnehmung zusätzlich zementiert. Warren Buffetts Berkshire Hathaway hat seine Beteiligungen an den fünf großen japanischen Handelshäusern – darunter Mitsui mit nunmehr 9,82 Prozent – wiederholt aufgestockt. Im März 2026 kam eine strategische Partnerschaft mit Tokio Marine hinzu. Die Botschaft dahinter ist für institutionelle Investoren weltweit kaum zu überhören: Wenn Buffett Japan als «forever hold» bezeichnet, verändert das die Grundkonstellation.

KI und Halbleiter: Der Turbo im Nikkei

Der Nikkei 225 übertraf den TOPIX im Berichtszeitraum um rund 10 Prozentpunkte. Der Unterschied erklärt sich nicht durch die Wirtschaftspolitik, sondern durch die Indexzusammensetzung: Chipbezogene Titel wie Tokyo Electron, Advantest und Kioxia machen rund ein Viertel des Nikkei-Werts aus; zusammen mit Murata, Sony und Kyocera sind es etwa 35 Prozent. Dazu kommt SoftBank, das im Juni 2026 Toyota als wertvollstes japanisches Unternehmen überholte – an einem Tag, an dem der breitere TOPIX leicht nachgab.

Die globale KI-Investitionswelle hat Japan in eine privilegierte Position gebracht: als Lieferant hochpräziser Fertigungsausrüstung für Chipproduktion, als Heimat von Zulieferern entlang der gesamten Halbleiterkette und – über SoftBank – als Kapitalkanal in globale KI-Infrastruktur. Japan ist, wie Klempster es formuliert, «gut positioniert, um langfristig von der Einführung künstlicher Intelligenz zu profitieren».

Diese Konzentration ist allerdings eine zweischneidige Waffe. Als Mitte Juli 2026 ein globaler Tech-Ausverkauf die Chip-Sektoren traf, rutschte der Nikkei innerhalb weniger Tage in eine Korrekturzone – während der TOPIX deutlich stabiler blieb. Wer Japan über den Nikkei spielt, trägt damit implizit ein erhebliches KI-Sektorrisiko.

Ausländische Investoren: Rekordzuflüsse als Selbstverstärker

Die Rally wurde nicht nur von inländischen Faktoren getrieben, sondern massiv durch ausländisches Kapital beschleunigt. Bis Ende Mai 2026 hatten ausländische Investoren japanische Aktien acht Wochen in Folge gekauft und seit Jahresbeginn netto rund 11,7 Billionen Yen investiert – verglichen mit 742 Milliarden Yen im gleichen Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr 2026 erreichten die Nettozuflüsse mit 9,7 Billionen Yen einen historischen Rekord.

Die Sell-Side verstärkte diese Dynamik. JPMorgan erhöhte im April 2026 sein Nikkei-Jahresziel auf 70'000, Goldman Sachs hob sein TOPIX-Ziel auf 4'400 an, Morgan Stanley stufte Japan als Kernbestandteil asiatischer Portfolios ein. Diese Zielanpassungen schufen ihrerseits Kaufdruck bei Mandaten, die indexnah investieren.

Risiken: Was die Rally gefährden kann

Japan-Bullen sollten vier Risiken im Blick behalten, die das Bild trüben könnten.

  • Das erste und unmittelbarste ist das Zinsrisiko der BoJ. Mit Leitzins bei 1,0 Prozent und weiterer Straffung in Aussicht steigen die realen Finanzierungskosten für hoch bewertete Wachstumstitel. Gleichzeitig kletterten zehnjährige JGB-Renditen auf Mehrjahreshochs, und der 10J-2J-Spread erreichte mit 143 Basispunkten den höchsten Stand seit 2004 – ein Signal, dass der Bondmarkt zunehmend zwischen Konjunkturoptimismus und Fiskalskepsis vermittelt.
  • Das zweite Risiko ist die JGB-Risikoprämie und die Haushaltsdisziplin. Takaichis erstes wirtschaftspolitisches Grundsatzdokument – veröffentlicht im Juli 2026 – schwächte die Formulierungen zur Budgetkonsolidierung ab. Bondinvestoren quittierten dies mit höheren Risikoprämien. Staatanleihen und Aktien können nicht dauerhaft in verschiedene Richtungen laufen, wenn der Finanzierungsbedarf des Staates steigt.
  • Drittes Risiko ist der Yen selbst. Bei 163 je US-Dollar droht Intervention und zugleich steigt der Inflationsdruck. Mehr als die Hälfte der befragten japanischen Unternehmen bezeichnet den schwachen Yen bereits als Belastung. Eine scharfe Yen-Erholung – durch BoJ-Überraschung oder Intervention – würde Exportgewinnschätzungen und Nikkei-Bewertungen gleichzeitig belasten.
  • Viertes ist die KI-Konzentration im Nikkei: Die Outperformance gegenüber dem TOPIX hängt an einer Handvoll Titeln. Ein globaler Stimmungswechsel gegenüber KI-Investments oder ein Enttäuschungsmoment bei den Halbleiterherstellern kann diese Konvergenz rasch umkehren.

Fazit: Ein anderes Japan – mit neuem Risikokalender

Japan hat sich seit dem Amtsantritt von Premierministerin Takaichi als Anlagemarkt neu definiert. Das Land preist heute nicht mehr den alten «Deflationsrabatt», sondern eine Kombination aus nominalem Wachstum, aktionärsfreundlichen Unternehmen und strategischen Investitionsversprechen. Nikkei und TOPIX reflektieren dies mit Rekordwerten, die den Blasenrekord von 1989 längst hinter sich gelassen haben.

Klempster fasst die mittelfristige Perspektive nüchtern und konstruktiv zugleich zusammen: «Auf kurze Sicht ist es möglich, dass die derzeitige starke Aufwärtsbewegung am japanischen Markt angesichts ihres atemlosen Tempos eine Pause einlegen wird. Dies wäre in vielerlei Hinsicht eine gesunde Entwicklung.» Doch er hält an der strukturellen These fest: «Wenn die Reformen der dritten Säule fortgesetzt werden und der Yen weiterhin schwach bleibt, können japanische Exporte wettbewerbsfähig bleiben.»

Der Grenznutzen neuer Positivnachrichten ist nach einem 34-Prozent-Anstieg in neun Monaten naturgemäß geringer. Weitere Gewinne erfordern nun Gewinnwachstum, ROE-Verbesserungen und eine kontrollierte Normalisierung von BoJ, Yen und Staatsanleihen. Japan ist kein einfaches Buy-and-hold mehr – aber es ist wieder ein Markt, der auf dem Radar bleiben muss.

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