23.07.2026, 19:11 Uhr
Neuberger-CIO Shannon Saccocia warnt: Der Markt blendet Nahost-Eskalation, Inflationsrückgang und Fed-Unsicherheit aus und konzentriert sich fast ausschliesslich auf die Unternehmensgewinne. Enttäuschungen könnten...
Die grossen Aktienindizes markieren 2026 einen Rekord nach dem anderen – und ausgerechnet in dieser Phase wächst unter Investmentprofis das Unbehagen. Der Widerspruch hat einen Namen: Volatilitätsparadox. Je ruhiger die Kurse steigen, desto lauter werden die Warnungen vor genau dieser Ruhe.
Am 22. Mai 2026 schloss der Volatilitätsindex VIX bei 16,70 Punkten – ein Niveau, das gemeinhin als «entspannt» gilt. Am selben Tag erreichte der S&P 500 mit 7'517,12 Punkten ein neues Allzeithoch, während auch der Dow Jones mit 50'579,70 Zählern eine neue Bestmarke setzte. Tiefe Furcht-Werte und Rekordstände gleichzeitig: Für viele Anlegerinnen und Anleger ist das ein Zeichen von Stärke. Für einen wachsenden Teil der professionellen Investoren ist es das Gegenteil.
Wie sorglos die Stimmung an den Märkten tatsächlich ist, zeigt sich besonders deutlich im Kreditmarkt. High-Yield-Anleihen handeln mit Risikoaufschlägen von unter 300 Basispunkten gegenüber Staatsanleihen – ein aussergewöhnlich tiefes Niveau, das darauf hindeutet, dass Risiko am Markt kaum mehr eingepreist wird. Brisant: 2026 ist ein US-Zwischenwahljahr, und solche Jahre gelten historisch als die volatilste und zugleich schwächste Phase innerhalb des vierjährigen Wahlzyklus, wie Auswertungen des «Stock Trader's Almanac» seit Jahrzehnten dokumentieren.
Auch am Optionsmarkt öffnet sich eine Schere zur scheinbaren Ruhe des VIX. Anfang Juli 2026 berichtete Bloomberg von einer deutlich steigenden Nachfrage nach Put-Optionen, mit denen sich institutionelle Investoren gegen eine Korrektur absichern – während der VIX selbst weiterhin unter der Marke von 20 Punkten notierte. Historisch betrachtet ging eine steigende Absicherungsnachfrage häufig einer Zunahme der Marktschwankungen voraus, auch wenn der breite Aktienmarkt zunächst noch gelassen wirkte.
Die Einschätzungen der Beobachter fallen unterschiedlich aus, mehrheitlich aber vorsichtig bis warnend:
Der theoretische Unterbau für das Phänomen stammt vom US-Ökonomen Hyman Minsky. Seine finanzielle Instabilitätshypothese besagt, dass Wirtschaftsakteure, die ein niedriges finanzielles Risiko beobachten, dazu verleitet werden, mehr Risiko einzugehen – was wiederum eine Krise auslösen kann. Daraus stammt Minskys vielzitiertes Diktum: «Stabilität ist destabilisierend.»
Lange blieb diese These vor allem eine narrative Beobachtung. Das hat sich geändert: Eine Untersuchung auf Basis von 200 Jahren historischer Marktdaten liefert nach Angaben der Autoren die erste empirische Bestätigung dafür, dass tiefe Volatilität die Wahrscheinlichkeit einer künftigen Finanzkrise erhöht, indem sie Risikobereitschaft fördert. Eine Zusammenfassung der London School of Economics präzisiert den Befund: Tiefe Volatilität erhöht die Wahrscheinlichkeit sowohl einer Banken- als auch einer Börsenkrise – besonders ausgeprägt, wenn die Ruhephase fünf Jahre oder länger anhält.
Auch die US-Notenbank hat sich mit dem Mechanismus befasst. Eine Fed-Analyse beschreibt den Ablauf so: Marktteilnehmer beobachten eine tiefere Volatilität als erwartet, das schürt Optimismus und höhere Risikobereitschaft – sichtbar etwa in grosszügigerer und riskanterer Kreditvergabe. Erst mit erheblicher Zeitverzögerung kommt es zu Ausfällen und in der Folge zu einer Krise. Hohe Volatilität hingegen ist meist bereits Resultat einer Krise und kommt damit als Warnsignal zu spät. Verwandt ist das Konzept des «Volatility Paradox» der Ökonomen Markus Brunnermeier und Yuliy Sannikov, auf das die Fed-Analyse ebenfalls verweist.
Bereits 2014 hatte die damalige Fed-Vorsitzende Janet Yellen öffentlich vor genau diesem Mechanismus gewarnt: «Volatility in markets is at low levels, both actual and expected... to the extent that low levels of volatility may induce risk-taking behavior is a concern to me and to the Committee.» Über ein Jahrzehnt später hat die Beobachtung an Aktualität nichts eingebüsst.
Für Anlegerinnen und Anleger ergibt sich aus alledem keine eindeutige Handlungsanweisung – wohl aber ein Muster: Ein tiefer VIX allein ist kein verlässlicher Gradmesser für tatsächliche Marktrisiken. Kreditspreads, Optionsmarkt-Positionierung und Indexkonzentration liefern derzeit ein deutlich vorsichtigeres Bild als der vielbeachtete Furcht-Index. Die Forschung rund um Minsky liefert dafür die Erklärung: Gerade weil die Ruhe so lange anhält, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann durch genau jenes Verhalten untergraben wird, das sie hervorgebracht hat – steigende Risikobereitschaft in Zeiten scheinbarer Sicherheit.