22.07.2026, 10:00 Uhr
Am 21. Oktober 2025 wurde Sanae Takaichi als erste Frau zur Premierministerin Japans gewählt. Seitdem hat der Nikkei 225 von 49'316 auf 66'116 Punkte zugelegt, ein Plus von 34,1 Prozent. Der breiter gefasste TOPIX...
Silber hat in den letzten sechs Monaten eine Achterbahnfahrt hinter sich, die selbst hartgesottene Rohstoffanleger ins Schwitzen bringt. Vom Allzeithoch bei 115,50 Dollar Anfang Januar auf heute 59,73 Dollar – ein Einbruch von über 50 Prozent. Und doch halten viele Analysten genau jetzt an ihren bullischen Langfristzielen fest.
Wer Silber nur auf Jahressicht betrachtet, sieht immer noch ein Plus von rund 50 Prozent. Wer auf die letzten sechs Monate schaut, erblickt ein Blutbad. Das Metall hat Gold in beide Richtungen überholt – nach oben im Rekordlauf 2025, nach unten im Absturz 2026. Gold verlor vom März-Hoch bei 5.366 Dollar «nur» rund 25 Prozent und notiert heute bei 4.124 Dollar. Silber hingegen halbierte sich vom Januar-Peak.
Das Gold-Silber-Verhältnis erzählt die ganze Geschichte: Im Sommer 2025 lag es bei rund 60 – Silber war historisch teuer relativ zu Gold. Im Januar 2026, auf dem Silber-Hoch, kollabierte das Ratio auf sein Jahrzehnt-Tief. Seitdem ist es wieder auf rund 69 gestiegen, nahe am langjährigen Durchschnitt. Silber ist also nicht mehr «überbewertet" gegenüber Gold – und für antizyklische Investoren ist genau das interessant.
Der Absturz hat mehrere klar identifizierbare Auslöser, von denen keiner allein die volle Erklärung liefert – in der Kombination aber haben sie eine Lawine ausgelöst.
Hier liegt der eigentliche Kern der Geschichte – und warum Silber trotz des Crashs auf den Radarschirmen institutioneller Investoren bleibt.
Das World Silver Survey 2026 dokumentiert das sechste aufeinanderfolgende Jahr eines physischen Angebotsdefizits. Die Minenproduktion kommt mit der industriellen Nachfrage schlicht nicht mit. Und diese Nachfrage ist nicht konjunkturzyklisch – sie ist strukturell, getrieben von drei Megatrends:
Photovoltaik. Ein Solarpanel braucht rund 20 Gramm Silber. Mit dem globalen Boom bei der Solarinstallation – allein in China wurden 2025 rekordverdächtige Kapazitäten zugebaut – wächst die Silbernachfrage aus diesem Segment jährlich um rund 14 Prozent. Silber ist chemisch schlicht nicht ersetzbar für die leitenden Verbindungen in Solarzellen.
Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Jedes Elektroauto enthält mehr Silber als ein Verbrenner. Mit dem weltweiten Ausbau der Ladeinfrastruktur kommt ein weiterer Nachfragestrom hinzu. Die E-Mobilität gilt als einer der am stärksten unterschätzten Silberverbraucher des Jahrzehnts.
KI-Rechenzentren. Hier liegt der am wenigsten diskutierte Treiber – weshalb der Titel «vergessenes KI-Metall» nicht übertrieben ist. Silber ist ein überlegener elektrischer Leiter und kommt in Hochleistungsservern, Kühlsystemen und Verbindungstechnologien zum Einsatz. Mit dem globalen Ausbau der KI-Infrastruktur wächst auch dieser Bedarf kontinuierlich.
Auf der Angebotsseite gibt es kaum Entlastung: Grosse neue Minenprojekte haben Vorlaufzeiten von 10 bis 15 Jahren. Die Investitionen der letzten Jahrzehnte waren zu gering, um die Lücke zu füllen. Das Defizit ist kein Einmal-Ereignis, sondern ein strukturelles Phänomen.
Die Prognosespanne ist ungewöhnlich weit – ein Zeichen für die hohe Unsicherheit im aktuellen Marktumfeld.
J.P. Morgan hatte vor dem Einbruch noch 81 Dollar als Jahresdurchschnitt 2026 prognostiziert. HSBC hob seine Schätzungen zuletzt auf 75 Dollar für 2026 und 68 Dollar für 2027 an – trotzdem mit dem Hinweis auf «begrenztes kurzfristiges Aufwärtspotenzial». Die Reuters-Analystenumfrage vom Februar hatte einen Konsensus von 79 Dollar ermittelt, deutlich höher als noch im Herbst 2025.
Bullische Häuser wie AuAG Funds halten an Kursen über 100 Dollar für 2026 fest und verweisen auf die Kombination aus Angebotsdefizit, rückläufigem Gold-Silber-Ratio und wachsender Industrienachfrage. Im Bear-Case-Szenario werden 44 Dollar genannt – das wäre ein weiterer Rückgang von rund 26 Prozent.
Die Mehrheitsmeinung der Analysten lautet: Der Ausverkauf ist technisch bedingt, nicht fundamental. Das Defizit bleibt. Die Nachfragetreiber bleiben. Wer auf sinkende Realzinsen in H2 2026 wettet und das Indien-Thema als temporären Schock einordnet, sieht Silber nahe dem aktuellen Niveau als attraktiv.
Fairerweise muss man auch die Gegenargumente nennen. Eine länger restriktive Fed, ein dauerhaft stärkerer Dollar und eine anhaltende wirtschaftliche Abschwächung in China – dem weltgrössten Industriemetall-Verbraucher – könnten die Nachfrageannahmen kippen. Das Indien-Kapitel ist noch nicht geschrieben: Bleiben die Importrestriktionen dauerhaft, fehlt eine wesentliche Quelle physischer Absorption. Und die hohe Volatilität von Silber macht es zu einem schwierigen Asset für risikoscheue Anleger – ein weiterer 25-Prozent-Einbruch liegt historisch immer in Reichweite.
Silber notiert heute bei knapp 60 Dollar – halbiert gegenüber seinem Allzeithoch, aber immer noch 50 Prozent über dem Niveau von vor einem Jahr. Die Marktstruktur, die den historischen Bullenmarkt 2025 befeuert hat, ist intakt: wachsende Industrienachfrage, strukturelles Angebotsdefizit, Zentralbankdiversifikation weg vom Dollar.
Was sich verändert hat, ist die kurzfristige technische und regulatorische Lage – Fed-Erwartungen, Margin-Druck, Indien-Restriktionen. Für langfristig orientierte Anleger, die an die Energie- und KI-Infrastruktur-Story glauben, könnte der aktuelle Kursrückgang genau das sein, was Kontrainvestoren suchen: ein fundamental gesundes Asset, das aus technischen Gründen unter Druck geraten ist.