20.07.2026, 14:24 Uhr
Der Vermögensverwalter Candriam sieht in europäischen Unternehmensanleihen hoher Qualität die attraktivste Spread-Opportunität im aktuellen Umfeld – und begründet dies mit einer Kombination aus strukturellem...
Trotz schwacher Konjunkturdaten und einer steigenden politischen Risikoprämie sieht Carmignac-Fondsmanager Yunfan Bao bei chinesischen Aktien aktuell mehr Aufwärts- als Abwärtspotenzial. Drei Faktoren bremsen den Markt derzeit – doch ebenso viele mögliche Auslöser könnten eine Trendwende einleiten.
Die jüngsten Detailhandelszahlen aus China zeichnen ein ernüchterndes Bild: Im Mai gingen die Umsätze im Einzelhandel zurück, nachdem sie im April noch um plus 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und im ersten Quartal um plus 2,4 Prozent gestiegen waren. Auf einem globalen Markt, der derzeit vom Ausbau der künstlichen Intelligenz geprägt ist, hinkt China damit hinterher, schreibt Yunfan Bao, Co-Fondsmanager bei Carmignac, in einem aktuellen Marktkommentar. Die unterdurchschnittliche Entwicklung führt er auf drei miteinander verknüpfte Faktoren zurück.
China bleibe eine Wirtschaft mit zwei Geschwindigkeiten, so Bao. Während einige Industriezweige weiterhin Marktanteile gewinnen, halten sich private Haushalte spürbar zurück. Besonders deutlich zeige sich die Schwäche bei Autos, Haushaltsgeräten, Möbeln und Baumaterialien – Segmente, die für den Index über konsumbezogene Titel und Transaktionsplattformen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.
Als zweiten Hemmfaktor nennt der Fondsmanager den erneuten Anstieg der Prämie für politische Risiken. Kartellrechtliche Untersuchungen gegen einzelne Transaktionsplattformen sowie die jüngste Verschärfung der Vorschriften für Auslandsinvestitionen und grenzüberschreitende Kapitalflüsse liessen Anleger einen höheren Abschlag fordern. Dies habe massgeblich zur Divergenz zwischen chinesischen Offshore-Aktien und inländischen A-Aktien beigetragen, wobei der MSCI China nach wie vor deutlich stärker auf Offshore-Unternehmen ausgerichtet sei.
Der dritte Bremsfaktor liegt laut Bao im Bereich der künstlichen Intelligenz: China habe sich am weltweiten KI-Ausbau bislang weniger stark beteiligen können, da der Zugang zu leistungsstarken Rechenkapazitäten weiterhin durch US-Exportkontrollen eingeschränkt sei. Auch die modernsten Chips unterlägen nach wie vor fallbezogenen Lizenz- und Sicherheitsanforderungen.
Auf dem aktuellen Kursniveau gehe die Risikobilanz aus seiner Sicht eher in Richtung Aufwärtspotenzial. Als ersten möglichen Auslöser nennt Bao eine deutlichere wirtschaftspolitische Kursänderung als Reaktion auf die schwachen Inlandsdaten – etwa eine stärkere fiskalische Expansion, direkte Konsumförderung oder Strukturreformen zur Wiederherstellung des Vertrauens der privaten Haushalte. Als Beispiel führt er die Reform des chinesischen Melderegisters Hukou an: Weil vielen Wanderarbeitern der Zugang zu städtischen öffentlichen Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum erschwert werde, blieben die Vorsorgeersparnisse auf hohem Niveau. Eine Lockerung dieser Beschränkungen könnte einen nachhaltigeren Konsum begünstigen.
Der zweite mögliche Auslöser betrifft den chinesischen Weg im Bereich der künstlichen Intelligenz. Trotz der Beschränkungen bei hochentwickelten Chips gewinne dieser Ansatz an Glaubwürdigkeit, da er weniger auf reine Rechenleistung als auf Modelleffizienz, Open-Source-Ökosysteme, die Substitution durch heimische Hardware und Innovationen auf Anwendungsebene setze. Weitere «DeepSeek-Momente» würden laut Bao die Annahme infrage stellen, wonach China im globalen KI-Zyklus strukturell im Rückstand liege.
Als dritten Wachstumsmotor nennt er die «physische KI» – Robotik, autonome Systeme und industrielle Automatisierung. In diesen Bereichen bleibe Chinas Fertigungstiefe, die Integration der Lieferketten sowie die Fähigkeit zur Kostensenkung ein entscheidender Vorteil.
Der chinesische Markt bleibe komplex und der Index könne weiterhin ungenau sein, so Bao. Hinter den Kulissen gebe es jedoch Unternehmen, die ihre Rentabilität steigern, die Aktionärsrenditen erhöhen und weltweit bedeutende Innovationen hervorbringen. Genau in einem solchen Umfeld könnten sich disziplinierte Selektivität und aktives Management auszahlen.
Als Beispiele nennt er CATL, den weltweit führenden Entwickler und Hersteller von Batterien für Elektrofahrzeuge, das sich zunehmend auch im Bereich der Energiespeichersysteme engagiere – ein Segment, das durch den steigenden Strombedarf von KI-Rechenzentren und Stromnetzen an Bedeutung gewinne. Als zweites Beispiel führt Bao Montage Technology an, einen führenden Anbieter spezialisierter Verbindungs-Chips, die Servern eine effizientere Datenverarbeitung und -übertragung ermöglichen. Das im Bereich der Speicher-Schnittstellenchips stark positionierte Unternehmen expandiere zunehmend in benachbarte Produktbereiche.
Der chinesische Aktienmarkt sollte daher nicht allein anhand seiner jüngsten unterdurchschnittlichen Wertentwicklung beurteilt werden, resümiert Bao. Es handle sich nach wie vor um einen anspruchsvollen Markt mit realen Risiken – aber auch um einen globalen Innovationsmotor. Gerade in einem von Skepsis geprägten Markt böten sich oft die grössten Chancen.