23.07.2026, 19:03 Uhr
Wenn Anleger in die Ferien fahren, verabschiedet sich mit ihnen oft auch die Marktliquidität. Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committee bei Carmignac, warnt deshalb in einer aktuellen Einschätzung vor...
Neuberger-CIO Shannon Saccocia warnt: Der Markt blendet Nahost-Eskalation, Inflationsrückgang und Fed-Unsicherheit aus und konzentriert sich fast ausschliesslich auf die Unternehmensgewinne. Enttäuschungen könnten teuer werden.
Die Nachrichtenlage wäre eigentlich dicht: eine neue Eskalation im Nahen Osten, ein deutlicher Inflationsrückgang in den USA und ein neuer, schwerer einzuschätzender Notenbankchef. Doch an den Aktienmärkten zählt derzeit fast nur eines – die Unternehmensgewinne. Das schreibt Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer – Wealth bei Neuberger, in ihrem aktuellen «CIO Weekly».
Laut Saccocia rechnen Analysten damit, dass die Gewinne der S&P-500-Unternehmen im 2. Quartal um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen – das stärkste Wachstum seit rund vier Jahren. Im Medianwert falle der Anstieg mit 8 Prozent deutlich bescheidener aus. Die Differenz gehe vor allem auf das Konto einiger weniger Technologiekonzerne und Speicherchiphersteller.
Diese schmale Basis mache den Markt anfällig für Fehleinschätzungen, warnt die CIO. Werde das Gewinnwachstum nur von wenigen Unternehmen getragen, könne bereits eine einzelne Enttäuschung oder ein Anzeichen dafür, dass die übrigen Firmen nicht aufholen, die Rally ins Wanken bringen – zumal diese ausschliesslich auf steigenden Gewinnen und nicht auf steigenden Bewertungen beruhe. Auffällig sei zudem, dass die für die Jahresmitte üblichen Portfolioumschichtungen institutioneller Investoren diesmal moderater ausgefallen seien als sonst – ein weiteres Indiz dafür, wie stark Anleger weiterhin auf steigende Gewinne setzten.
Wie ausgeprägt diese Asymmetrie bereits ist, habe sich laut Saccocia bereits gezeigt. Die grossen US-Banken hätten sehr solide Quartalszahlen vorgelegt, ohne dass der Markt nennenswert reagiert habe. Ganz anders bei IBM: Die Warnung des Technologie- und Consultingkonzerns, wonach Umsatz und Gewinn die Erwartungen verfehlen könnten, habe die Aktie um fast 25 Prozent einbrechen lassen – der grösste Tagesverlust der Firmengeschichte.
Für Saccocia ist genau dieser Kontrast die eigentliche Geschichte der laufenden Berichtssaison: Gute Zahlen ändern kaum etwas an der Marktstimmung, während eine einzige Enttäuschung eine heftige Reaktion auslösen kann. Da die Erwartungen in dieser Berichtssaison praktisch täglich weiter steigen, entstehe eine schwierige Ausgangslage – das kommende Quartal könnte entsprechend anspruchsvoll werden.
Nach Einschätzung der Neuberger-Strategin kommt es in einem derart unausgewogenen Umfeld nicht nur auf die Stärke der Gewinne an, sondern auch auf deren Breite. Die Hyperscaler und Speicherchiphersteller, die im 2. Quartal die Gewinnentwicklung dominierten, zeigten bereits erste Schwächesignale – insbesondere bei den Speicherchipherstellern seien die Kursschwankungen zuletzt gross gewesen. Setze sich dieser Trend fort, könnten Anleger wieder verstärkt in die sogenannten Magnificent Seven umschichten, was die ohnehin hohe Marktkonzentration weiter verschärfen würde – aus Sicht von Saccocia die falsche Richtung.
Damit die Gewinne auch in der zweiten Jahreshälfte auf einer soliden Basis stünden, müsse sich die Marktbreite deutlich über die Hyperscaler und angrenzende KI-Sektoren wie Hardware und Rechenzentren hinaus ausdehnen. Bleibe dies aus, könnte selbst ein insgesamt kräftiges Gewinnwachstum die Anlegerinnen und Anleger nicht überzeugen.
Gewinne allein seien zudem nicht alles, gibt die CIO zu bedenken. Selbst wenn die Berichtssaison die Erwartungen erfülle, stünden nun acht traditionell volatile Wochen bevor, in denen die Kurse erfahrungsgemäss stark auf Notenbankäusserungen reagierten. Jüngste Wortmeldungen der Fed-Vertreter Lisa Cook, Christopher Waller und John Williams hätten bereits gezeigt, wo die Risiken liegen; die Finanzierungsbedingungen hätten sich zuletzt leicht verschärft. Die Unternehmensgewinne dürften die Märkte zwar noch durch den Juli tragen, doch in der zweiten Jahreshälfte könnte ein veränderter Ton der US-Notenbank zum zentralen Risikofaktor werden.
Neuberger hatte in seinem jüngsten Asset Allocation Outlook unter dem Titel «Bei einem breiteren KI-Zyklus investiert bleiben» bereits über eine anhaltende Übergewichtung internationaler Aktien sowie amerikanischer Large Caps berichtet – begründet mit einer breiter abgestützten Gewinnentwicklung.
Saccocia empfiehlt, investiert, zugleich aber selektiver zu bleiben. Eine Kernposition in US-Large-Caps erachtet sie weiterhin als sinnvoll. Sie rät jedoch dazu, Positionen zunehmend in Sektoren umzuschichten, die von einem breiteren Gewinnmomentum profitieren dürften – etwa Industrie-, Versorger- und Infrastrukturwerte, die ebenfalls vom KI-Boom profitieren –, statt sich allein auf die Gewinner des vergangenen Quartals zu konzentrieren.
Mit dem 20-Fachen der erwarteten Gewinne seien die Bewertungen angesichts des kräftigen Gewinnwachstums zwar noch nicht überzogen, räumt Saccocia ein. Für Enttäuschungen bleibe aber kaum Spielraum. Es könnte bald nicht mehr genügen, wenn die Gewinne die Erwartungen lediglich erfüllen – sie müssten auch bei einer breiteren Zahl von Unternehmen zulegen und nicht nur bei den wenigen Mega Caps, bei denen sich bereits erste Schwächezeichen zeigten. Ihr Fazit: Gut könnte bald nicht mehr gut genug sein. Das laufende Quartal sei jenes, in dem der KI-Boom und die darauf aufbauende Rally mehr liefern müssten als eine überzeugende Geschichte – jetzt seien Beweise gefragt.