18.06.2026, 09:42 Uhr
Die Schweizerische Nationalbank hat an ihrer geldpolitischen Lagebeurteilung vom 18. Juni 2026 den SNB-Leitzins unverändert bei Null Prozent belassen. Der Entscheid war von den Märkten erwartet worden – und doch...
Die starken Lobbyorganisationen der US-Banken – ISDA, SIFMA und IIF – warnten am 18. Juni in einem gemeinsamen Schreiben, die vorliegenden FRTB-Vorschläge gefährdeten die Liquidität im US-Staatsanleihenmarkt. Die Lobbyschlacht um «Basel Endgame» geht weiter – und ihre Auswirkungen reichen bis nach Brüssel – und Bern.
Der grösste Lobbysieg der US-Bankenbranche seit der Finanzkrise von 2008 reicht Wall Street offenbar nicht. Nachdem die US-Notenbank und andere Aufseher ihre Pläne zur Umsetzung des globalen Regelwerks «Basel Endgame» unter massivem Branchendruck bereits deutlich verwässert haben – so dass die Kapitalanforderungen für amerikanische Grossbanken nun insgesamt sinken statt steigen dürften –, drängen die Banken auf weitere Zugeständnisse.
Am 18. Juni 2026, dem letzten Tag der Kommentarfrist, reichten das Institute of International Finance (IIF), die International Swaps and Derivatives Association (ISDA) und die Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA) gemeinsam ein Schreiben an die Federal Reserve, die FDIC und das OCC ein. Im Zentrum: der Marktrisikoabschnitt der Basel-Reformen, bekannt als «Fundamental Review of the Trading Book» (FRTB). Darüber berichtet unter anderem die «Financial Times».
Die Verbände beziffern den Kapitalanstieg für Handelsaktivitäten im Bereich Staatsanleihen und Repos auf 30 bis 89 Prozent – gestützt auf Daten von acht der grössten US-Institute. Das sei, so die Verbände, nicht ausreichend am wirtschaftlichen Risiko ausgerichtet.
Ein zentrales Streitthema ist die bevorstehende Umstellung auf obligatorisches zentrales Clearing für Transaktionen mit US-Staatsanleihen und Treasury-Repos. Durch das zentrale Clearing sinkt zwar der erforderliche Collateral-Einsatz der Marktteilnehmer – doch die Banken argumentieren, dass dies laut den Basel-Vorschlägen automatisch zu höheren Eigenkapitalanforderungen für das Kontrahentenausfallrisiko führe.
ISDA-Chef Scott O'Malia sagt es so: «Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, werden die Kapitalkosten für Liquiditätsgeber im Treasury-Markt steigen, gerade wenn der Markt auf obligatorisches Clearing umstellt.»
Die Verbände knüpfen ihre Argumentation eng an die Funktionsfähigkeit des 29'000-Milliarden-Dollar-Markts für US-Staatsanleihen. Das Argument der Bedrohung für die Treasury-Marktliquidität ist ein wiederkehrendes Motiv im Lobbying der Banken, das auf den Bedarf der USA trifft, in den kommenden Jahren sehr grosse Schuldenmengen zu emittieren.
Allerdings ist die empirische Basis dünner als die Rhetorik suggeriert: Frühere Regulierungsreformen haben die Bestände der Banken an Staatsanleihen in absoluten Zahlen nicht wesentlich verschoben. Die Bestände sind zwar gestiegen, machen aber immer noch nur rund 2 Prozent des gesamten Treasury-Marktes aus – weit unter dem Niveau von vor 2008. Die Fed zeigt sich denn auch skeptisch: Aufseher seien der Meinung, die neuen Anforderungen würden vor allem weniger liquide Assets betreffen und kaum Auswirkungen auf Treasuries haben.
Am 19. März 2026 veröffentlichten Fed, OCC und FDIC gemeinsam drei überarbeitete Regelwerksvorschläge, die das bestehende US-Kapitalrahmenwerk umfassend überarbeiten und – nach fast drei Jahren Kontroverse – die Basel-III-Endgame-Reformen des Basler Ausschusses von 2017 endlich umsetzen sollen. Laut Fed-Vizechefin Michelle Bowman zielt die Überarbeitung darauf ab, Überlappungen zu beseitigen und Kapital besser am zugrunde liegenden Risiko auszurichten. Die überarbeiteten Vorschläge markieren eine Abkehr vom «Gold Plating»-Ansatz von 2023 hin zu einem Rahmen, der mehr interne Modellierung erlaubt und die US-Marktliquidität fördert.
Das Gesamtpaket senkt die Kapitalanforderungen, reduziert Doppelspurigkeiten und verbessert die Wirtschaftlichkeit des klassischen Kreditgeschäfts. Goldman-Sachs-Chef David Solomon hatte sich früh im Jahr «ermutigt» von der neuen Haltung der Fed gezeigt.
Die Entwicklungen in Washington werden in London, Brüssel und Bern mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt – denn sie setzen die Wettbewerbsbedingungen global. Die Europäische Zentralbank und die Bank of England haben ihre Basel-III-Umsetzung ebenfalls verzögert und verweisen explizit auf die Untätigkeit der USA. CEPR
Die EU-Kommission hat als Reaktion auf drohende US-Kapitallockerungen einen temporären Multiplikator eingeführt, der den FRTB-bedingten Kapitalanstieg für Banken im Handelsbereich für bis zu drei Jahre neutralisiert. EU-Finanzmarktkommissarin Maria Luís Albuquerque hält indes am Grundsatz fest: «Die EU wird sich nicht an einem ‹Race to the Bottom› beteiligen» – sieht aber gleichzeitig Handlungsbedarf, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken zu sichern.
Im Vereinigten Königreich hat die Prudential Regulation Authority die Umsetzung neuer Handelsregeln auf den 1. Januar 2027 verschoben; europäische Grossbanken drängen ihrerseits auf einen weiteren Aufschub der FRTB-Einführung in der EU über 2026 hinaus.
Die laufende Debatte um «Basel Endgame» ist mehr als eine technische Regulierungsdiskussion. Für den Schweizer Finanzplatz ist sie besonders brisant – denn die Schweiz hat einen anderen Weg gewählt: Die FINMA und der Bundesrat haben die finalen Basel-III-Standards auf den 1. Januar 2025 vollumfänglich in Kraft gesetzt. Damit ist die Schweiz sämtlichen wichtigen Vergleichsfinanzplätzen vorgeprescht – während EU, UK und USA bremsten oder den Marktrisikoteil (FRTB) gezielt verzögerten.
Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) hatte diese Entscheidung deutlich kritisiert: «Die Umsetzung der neuen Vorschriften ist für die Banken mit hohen Kosten verbunden. Wenn die Schweiz die Regelung vor den Vergleichsfinanzplätzen – EU, UK, USA – umsetzt, bedeutet das einen Wettbewerbsnachteil.»
Besonders UBS ist davon direkt betroffen. Von den neuen Kapitalregeln für das Handelsgeschäft dürften insbesondere international tätige Banken wie UBS betroffen sein; auch für weitere Institute mit grösseren Handelsaktivitäten, darunter Privatbanken, könnten die schärferen Kapitalvorschriften eine bedeutende Rolle spielen.
Doch damit nicht genug: Auf die international bereits strengere Ausgangslage setzt der Bundesrat mit seiner Too-big-to-fail-Reform noch einen drauf. UBS hat sich klar gegen den geplanten vollständigen Abzug ausländischer Tochtergesellschaften vom harten Kernkapital (CET1) ausgesprochen und bezeichnet die Gesetzesänderung als «Schweizer Alleingang mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten». Auch die SBVg sieht darin einen «Maximalvorschlag und Schweizer Alleingang», der den Finanzplatz schwächen, die Kreditversorgung erschweren und Finanzdienstleistungen für Unternehmen verteuern würde. Economiesuisse fordert das Parlament auf, das «Schweizer Erfolgsmodell zu schützen» und eine «kluge Balance zwischen Finanzstabilität und Wettbewerbsfähigkeit» zu schaffen.
Die Schere öffnet sich also auf beiden Seiten: In Europa laufen Bemühungen, Bankregeln zu vereinfachen, um den Kapitalmarkt effizienter zu machen; in den USA bemüht sich die Trump-Regierung, die Finanzbranche durch weniger Regulierung zu stärken – während in der Schweiz mit der Inkraftsetzung des Basel-III-Regimes 2025 die Regeln nochmals verschärft wurden.
Die Ironie ist nicht zu übersehen: Die Schweiz – traditionell ein Laboratorium für stringente Bankenregulierung – riskiert, zum regulatorischen Aussenseiter zu werden, nicht weil sie zu lax ist, sondern weil sie zu früh und zu weit gegangen ist. Je mehr Washington die Kapitalschrauben lockert und je länger Brüssel und London zuwarten, desto grösser wird der Wettbewerbsnachteil für Schweizer Institute – allen voran für UBS als einzig verbliebene globale Grossbank des Landes.