Renditeschock in Tokio und Washington: Was heisst das für institutionelle Anleger?

In Japan und den USA wächst die Sorge um die Überschuldung: Entsprechend nervös reagieren die Anleihen-Märkte (Bild, KI-Collage: Adobe Stock)
In Japan und den USA wächst die Sorge um die Überschuldung: Entsprechend nervös reagieren die Anleihen-Märkte (Bild, KI-Collage: Adobe Stock)

Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen ist am Montag auf knapp drei Prozent und damit auf den höchsten Stand seit rund dreissig Jahren geklettert. Nur wenige Tage zuvor erreichte die Rendite dreissigjähriger US-Staatsanleihen mit über fünf Prozent den höchsten Stand seit einem Vierteljahrhundert. Wie sind die Zeichen zu werten?

18.08.2026, 07:10 Uhr

Redaktion: asc

Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen wächst in beiden Industrienationen die Sorge, dass steigende Inflation und eine ausufernde Staatsverschuldung die Finanzierung der Schulden zunehmend erschweren. Aus diesem Grund wird es als ein Warnsignal gewertet, das weit über Japan und die USA hinausreicht.

Die Fakten: Rekordhohe Renditen am langen Ende in Japan und in den USA

Der japanische Anleihemarkt, jahrzehntelang die wohl ruhigste Ecke der globalen Finanzwelt, gerät zunehmend in Bewegung. Am Montag stieg die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen (JGB) im Tagesverlauf auf 2,93 Prozent, den höchsten Stand seit September 1996. Die Rendite dreissigjähriger Titel kletterte auf 4,07 Prozent und nähert sich damit ihrem im Mai erreichten Rekordhoch, während zwanzigjährige Anleihen mit 3,82 Prozent ebenfalls auf ein Mehrjahrzehnte-Hoch stiegen.

Ausgelöst wurde die jüngste Bewegung nicht durch überraschend starke Konjunkturdaten – im Gegenteil: Japans Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal aufs Jahr hochgerechnet nur um 1,1 Prozent und damit deutlich weniger als die von Ökonomen erwarteten zwei Prozent. Die Kombination aus schwachem Wachstum und steigenden Renditen zeigt laut Marktbeobachtern, was den japanischen Anleihemarkt derzeit tatsächlich bewegt: nicht die Konjunktur, sondern Inflation und Wechselkurs. Der BIP-Deflator legte im Jahresvergleich um 2,6 Prozent zu. Anleger rechnen zunehmend damit, dass die Bank of Japan ihren Leitzins – mit einem Prozent bereits auf einem Dreissigjahreshoch – spätestens im September weiter anhebt, um die Inflation zu dämpfen und den Yen zu stützen, der Ende Juli auf den schwächsten Stand seit rund vier Jahrzehnten gefallen war.

Hinzu kommt ein zweiter, strukturellerer Faktor: die japanischen Staatsfinanzen. Ministerpräsidentin Sanae Takaichi will bis 2040 Investitionen von umgerechnet rund 2,29 Billionen Dollar mobilisieren – bei einer Staatsverschuldung, die bereits mehr als 200 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Mehr Ausgaben bedeuten mehr Anleiheemissionen, während die Bank of Japan, über Jahre der mit Abstand grösste Käufer japanischer Staatsanleihen, ihre Bestände gleichzeitig abbaut. Die grössten japanischen Lebensversicherer – Nippon Life, Dai-ichi Life, Sumitomo Life und Meiji Yasuda – sitzen laut Bloomberg per Ende Juni bereits auf nicht realisierten Verlusten von umgerechnet rund 96 Milliarden Dollar auf inländische Staatsanleihen.

USA: Höchste Finanzierungskosten seit einem Vierteljahrhundert

Ganz ähnlich präsentiert sich das Bild in den USA. Bei einer Auktion dreissigjähriger Treasuries am 13. August verlangten Investoren eine Rendite von 5,216 Prozent – den höchsten Stand seit 2001. Bereits Ende Juli hatte die Rendite dreissigjähriger US-Staatsanleihen mit 5,27 Prozent ein Mehrjahrzehnte-Hoch markiert, nachdem sie im Mai erstmals seit 2007 wieder über fünf Prozent gestiegen war. Auch hier sind es zwei Faktoren, die sich überlagern: hartnäckige Inflationssorgen sowie wachsende Zweifel an der Tragfähigkeit der US-Staatsverschuldung, die sich per Ende Juli auf rund 39,8 Billionen Dollar belief. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Fiskaljahres beliefen sich die Zinszahlungen auf die Staatsschuld auf 857 Milliarden Dollar – mehr, als die US-Regierung im gleichen Zeitraum für Medicare oder das Militär ausgab.

Ein globales Warnsignal: «Schuldenmachen» wird zum Problem

Dass zwei der grössten und liquidesten Anleihemärkte der Welt gleichzeitig historische Renditeniveaus erreichen, lässt sich laut Bloomberg-Kommentatoren nicht mehr als isoliertes Länderphänomen abtun. Über Jahrzehnte habe insbesondere der Fall Japan – tiefe Zinsen trotz einer Verschuldung von über 200 Prozent der Wirtschaftsleistung – als Beleg dafür gegolten, dass hohe Staatsschulden in entwickelten Volkswirtschaften kein Problem darstellen. Diese Annahme gerät nun ins Wanken, da auch in Japan die Renditen infolge steigender Inflation und wachsender Zweifel an der fiskalischen Nachhaltigkeit deutlich anziehen. Auch an anderen langlaufenden Staatsanleihemärkten – etwa in Grossbritannien, Deutschland und Australien – war zuletzt erhöhter Verkaufsdruck zu beobachten.

Bedeutung für institutionelle Investoren

Für Pensionskassen und andere institutionelle Investoren mit langem Anlagehorizont sind die Entwicklungen ambivalent. Einerseits bieten höhere Renditen bei Staatsanleihen wieder attraktivere laufende Erträge nach Jahren des Null- und Negativzinsumfelds. Andererseits belasten steigende Renditen die Bewertung bestehender Anleihebestände sowie – über höhere Diskontierungssätze künftiger Cashflows – auch Aktienbewertungen. Zudem zeigt der Fall der japanischen Lebensversicherer, wie schnell sich Buchverluste bei einer raschen Zinswende aufbauen können. Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, dürfte die Frage der Schuldentragfähigkeit grosser Industrienationen zu einem zentralen Thema für die Portfoliokonstruktion institutioneller Anleger werden – nicht nur in Japan und den USA, sondern mit Blick auf ähnlich verschuldete Länder in Europa.

Warum das Thema auch für die Schweiz relevant ist

Auf den ersten Blick liesse sich einwenden, dass die Schweiz von alldem kaum betroffen sein dürfte: Die Inflation lag im Juli bei lediglich 0,4 Prozent, die SNB hält ihren Leitzins seit Juni 2025 bei null Prozent, und von einer «explodierenden» Staatsverschuldung ist hierzulande nichts zu sehen. Dennoch berührt die Entwicklung die Schweiz gleich auf mehreren Kanälen – gerade weil die Inflationslage hier so ruhig ist.

  • Erstens der Frankenkanal. Steigende Zweifel an der Schuldentragfähigkeit grosser Industrienationen befeuern tendenziell die Nachfrage nach «sicheren Häfen» – und der Franken zählt traditionell dazu, neben Gold und, je nach Krisenart, dem Dollar. Eine erneute Fluchtbewegung in den Franken würde die ohnehin schon deutliche Aufwertung der vergangenen Jahre verschärfen und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Exportindustrien wie Uhren, Pharma und Maschinenbau weiter unter Druck setzen. Die SNB hat wiederholt betont, im Fall einer «raschen und übermässigen» Aufwertung am Devisenmarkt zu intervenieren – im Extremfall auch mit einer Rückkehr zu Negativzinsen. Ein globaler Vertrauensverlust in Staatsanleihen ist damit für die SNB tendenziell ein grösseres Risiko als ein vorübergehender Inflationsschub.
  • Zweitens der Portfoliokanal. Schweizer Pensionskassen und andere institutionelle Investoren halten einen erheblichen Teil ihrer Anlagen in ausländischen Obligationen und Aktien, teils währungsgesichert, teils nicht. Steigen die Renditen zehn- und dreissigjähriger JGB und Treasuries weiter, sinken die Kurswerte der entsprechenden Bestände – unabhängig davon, wie tief die Inflation in Franken ist. Auch bei Aktien wirkt ein höheres globales Zinsniveau über den Diskontierungssatz künftiger Gewinne dämpfend auf Bewertungen, auch auf Schweizer Titel, die international mitbepreist werden. Die Volatilität an den Zinsmärkten kann sich zudem auf die Absicherungskosten (Hedging) für Fremdwährungspositionen auswirken.
  • Drittens der Systemkanal. Sollten sich die Sorgen um die Schuldentragfähigkeit Japans oder der USA zu einer breiteren Vertrauenskrise auswachsen – etwa durch eine weitere schwache Anleiheauktion oder eine Herabstufung der Bonität –, wären Ansteckungseffekte auf andere Anleihemärkte, Kreditrisikoprämien und Aktienmärkte wahrscheinlich, wie es Bloomberg bereits im Mai 2026 mit Blick auf gleichzeitigen Verkaufsdruck bei britischen, deutschen und australischen Langläufern beschrieben hat. Auch Schweizer Bundesobligationen sind von einem solchen globalen «Term-Premium»-Schock nicht vollständig entkoppelt: Bereits jetzt hat der Ölpreisanstieg im Frühjahr 2026 zu einem leichten Wiederanstieg des CHF-Renditeniveaus geführt, wie Marktbeobachter festhalten.
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