Krieg, Öl und Stagflation: Flossbach von Storch warnt vor dauerhaftem Kapitalmarktschock

Flossbach von Storch warnt im aktuellen Kapitalmarktbericht vor dauerhaftem Kapitalmarktschock (Bild: Shutterstock)
Flossbach von Storch warnt im aktuellen Kapitalmarktbericht vor dauerhaftem Kapitalmarktschock (Bild: Shutterstock)

Der Iran-Konflikt hat die Kapitalmärkte im ersten Quartal 2026 in eine neue Dimension der Unsicherheit geführt. Zu diesem Schluss kommt Flossbach von Storch in seinem Kapitalmarktbericht zum ersten Quartal 2026, der am 7. April in Köln veröffentlicht wurde. Die Autoren Dr. Bert Flossbach und Dr. Tobias Schafföner zeichnen das Bild einer Weltlage, in der geopolitische Risiken erstmals seit Jahren wieder nachhaltige Spuren an den Börsen hinterlassen könnten.

17.04.2026, 10:25 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Das erste Quartal begann noch vergleichsweise ruhig. Das eigentliche Erdbeben kam im März: Der Krieg zwischen den USA und Israel einerseits sowie dem Iran andererseits, verbunden mit der iranischen Blockade der Strasse von Hormus, liess die anfängliche Gelassenheit der Märkte rasch schwinden.

Die Folgen für die Versorgungsketten waren unmittelbar: Öl, Gas, Petrochemikalien, Ammoniak, Schwefel, Aluminium und Helium – allesamt in den Golfanrainerstaaten produziert – wurden knapp und teurer. An den Rentenmärkten stiegen die Renditen, selbst Staatsanleihen verloren. Der S&P 500 beendete das Quartal mit einem Minus von rund vier Prozent, der DAX mit minus sieben Prozent. Gold hingegen legte trotz heftiger Zwischenschwankungen um 8,1 Prozent zu.

Trump zwischen Durchhalteparolen und Verhandlungszwang

Flossbach von Storch widmet im aktuellen Kapitalmarktbericht dem US-Präsidenten eine ungewöhnlich direkte Analyse. Dessen Fernsehansprache vom 1. April – «kein Aprilscherz», wie die Autoren lakonisch anmerken – habe vor allem Widersprüche offenbart: Einerseits behauptete Trump, den Iran militärisch besiegt zu haben; andererseits kündigte er weitere, härtere Angriffe an. Den Regimewechsel in Teheran bezeichnete er als vollzogen – tatsächlich wurde Chamenei Senior durch Chamenei Junior ersetzt, das religiöse Regime besteht fort.

Besonders brisant ist die Analyse im Licht von Trumps eigenem Buch «The Art of the Deal»: Der Präsident, der Verhandlungsstärke als oberstes Gebot predigt, verhandle gegenwärtig aus einer Position sichtbarer Schwäche. Die iranische Führung, so Flossbach von Storch, wisse genau, wo sie Trump treffen könne – «an den US-Tankstellen, Supermärkten und Aktienbörsen». Die Uhr ticke, denn am 3. November stehen die Zwischenwahlen an. Trumps Netto-Zustimmungswerte befinden sich laut aggregierten Umfragedaten von Gallup, Quinnipiac, Ipsos und YouGov auf absolutem Tiefstand.

Stagflationsgespenst der 1970er

Besondere Aufmerksamkeit widmen die Autoren der Inflationsdynamik. In der Eurozone stieg die Verbraucherpreisinflation im März auf 2,5 Prozent, nach 1,9 Prozent im Februar – getrieben von Energiepreisen, die gegenüber dem Vormonat um 6,8 Prozent anzogen. Die EZB hat drei Szenarien entwickelt: Im Basisszenario steigt die Inflation kurz auf drei Prozent und normalisiert sich wieder. Im «Adverse Scenario» kommt es zu einem Inflationsbuckel von vier Prozent. Das «Severe Scenario» – ein Einbruch der Öl- und Gasexporte aus dem Persischen Golf um 60 Prozent im zweiten Quartal 2026 – könnte die Inflation über längere Zeit auf vier bis sechs Prozent treiben.

Das Wort Stagflation fällt explizit. Die Autoren erinnern an den Jom-Kippur-Krieg 1973, der den Ölpreis innerhalb von drei Monaten vervierfachte und eine Dekade wirtschaftlicher Turbulenzen einleitete. Der aktuelle Schock sei zwar nicht mit jenem vergleichbar – dazu müsste WTI auf 240 Dollar steigen –, doch die Inflationserwartungen könnten sich bereits bei moderaterem Preisanstieg verfestigen und die Notenbanken zu Zinserhöhungen zwingen, die eine ohnehin schwächelnde Konjunktur weiter belasten würden.

Tech-Rotation und das Cashflow-Paradox

Im Anlageteil fällt der Blick auf eine bemerkenswerte Marktstruktur: Analysten haben ihre S&P-500-Gewinnschätzungen für 2026 trotz Kriegslage auf 20 Prozent Wachstum erhöht – getrieben fast ausschliesslich vom Technologiesektor. Allein Nvidia könnte fast ein Fünftel des gesamten erwarteten Gewinnzuwachses des US-Marktes beisteuern, eine historisch einmalige Konzentration.

Gleichzeitig zeigt sich ein strukturelles Problem: Die massiven KI-Investitionen der grossen Hyperscaler drücken den freien Cashflow erheblich. Als Extrembeispiel nennt der Bericht Meta: Bei erwarteten Gewinnen von rund 85 Milliarden Dollar und Investitionen in Höhe der Hälfte des Umsatzes würden unter Berücksichtigung aktienbasierter Vergütung netto 30 Milliarden Dollar abfliessen – das Unternehmen «verliert» operativ Geld. Die Folge: Softwareaktien haben seit Oktober rund 25 Prozent verloren, während Halbleitertitel in 15 Monaten rund 50 Prozent zulegten.

Demgegenüber stellen Flossbach von Storch Unternehmen wie BMW und Mercedes ins Rampenlicht: Beide haben in den vergangenen zehn Jahren kumulierte freie Cashflows erwirtschaftet, die ihre aktuellen Börsenwerte übersteigen – ein Wert, der vom Markt derzeit kaum honoriert wird.

Fazit: Diversifikation statt Szenariowetten

Die Schlussfolgerung der Autoren ist nüchtern: Eine Anlagestrategie auf ein einzelnes Szenario aufzubauen, erscheine angesichts der Lage riskant. Anleihen höchster Bonität bieten bei aktuellen Renditeniveaus wieder einen gewissen Puffer – sofern die Inflation nicht auf postpandemische Niveaus zurückkehrt. Gold bleibt trotz heftiger Preisschwankungen ein sinnvoller Stabilitätsanker. Aktien von Unternehmen mit nachhaltiger Ertragsstärke, die in den vergangenen Monaten unter dem allgemeinen Pessimismus gelitten haben, weisen unterdessen Bewertungen auf, die das Erholungspotenzial erhöhen.

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