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EZB dreht erstmals seit 2023 wieder an der Zinsschraube – was heisst das für die SNB?

Der jüngste EZB-Entscheid verstärkt den Druck auf die SNB (Bild: Shutterstock / SNB)
Der jüngste EZB-Entscheid verstärkt den Druck auf die SNB (Bild: Shutterstock / SNB)

Die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Für Schweizer institutionelle Anleger ändert sich damit das Spielfeld: Die Zinsdifferenz zwischen Euroraum und Schweiz weitet sich aus, der Franken gerät unter Aufwertungsdruck, und die SNB steht vor einem neuen Dilemma.

12.06.2026, 07:17 Uhr
Anlagestrategie | Devisen

Redaktion: asc

Der EZB-Rat hat an seiner Sitzung vom 11. Juni 2026 den Einlagesatz von 2,00 auf 2,25 Prozent angehoben. Es ist die erste Zinsänderung seit einem Jahr und die erste Zinserhöhung seit September 2023. Ausschlaggebend war der starke Anstieg der Energiepreise: Die EZB hatte ihre Zinsen nach der Corona-Pandemie von minus 0,50 auf plus 4,00 Prozent erhöht und sie seit Juni 2024 wieder acht Mal gesenkt. Dass die geldpolitischen Zügel nun angezogen werden, liegt am starken Anstieg der Energiepreise im Gefolge des Iran-Kriegs und der damit einhergehenden Sperrung der Strasse von Hormus, wodurch die Öllieferungen weitgehend zum Erliegen kamen.

Das Dilemma: Stagflation im Euroraum

Die EZB hat am Donnerstag auch die neuen Projektionen vorgestellt: Die Inflation wird im laufenden Jahr 3,0 Prozent betragen, 2027 dann 2,3 Prozent und 2028 sinkt sie auf 2,0 Prozent. Das BIP-Wachstum wird 2026 nur 0,8 Prozent betragen. Die Notenbank schreibt, dass die weitere Entwicklung von Dauer und Ausmass des Energiepreisschocks abhänge und sie weiterhin datenabhängig entscheiden werde.

Diese Projektionen der EZB zeigen jedoch schon jetzt, wie schwierig die Lage ist. Für 2026 erwartet die Notenbank im Durchschnitt eine Inflation von 2,6 Prozent – damit liegt die Prognose weiter über dem Zielwert. Zugleich wird für die Wirtschaft im Euroraum nur ein schwaches Wachstum von 0,9 Prozent erwartet. «Der Krieg im Nahen Osten belastet die Konjunktur, und die Umfragen deuten auf eine Verlangsamung hin, insbesondere im Dienstleistungssektor», sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde an der Pressekonferenz. «Der Anstieg der Energiepreise wird die Inflation im Sommer weiter in die Höhe treiben und sie bis weit ins erste Halbjahr 2027 deutlich über dem Zielwert halten.»

Nächster Schritt bereits im Juli?

Die Märkte gehen davon aus, dass die EZB den Einlagesatz in zwei weiteren Schritten auf 2,75 Prozent anheben wird. Laut Bloomberg sind EZB-Ratsmitglieder nicht bereit, eine zweite Zinserhöhung bereits an der Juli-Sitzung auszuschliessen. Sollte sich die Lage bis dahin verbessern, könne die EZB die Zinsen im Juli stabil halten, betonten die mit den internen Gesprächen vertrauten Personen. Als wahrscheinlicherer Zeitpunkt für einen zweiten Schritt gilt derzeit die September-Sitzung, wenn neue Quartalsprognosen vorliegen.

Die Märkte preisen bereits zwei weitere Erhöhungen des Einlagesatzes ein, was diesen auf 2,75 Prozent brächte. «Eine zweite Zinserhöhung nach dem heutigen Entscheid, entweder im Juli oder im September, ist wahrscheinlicher geworden», schreibt denn auch Carsten Brzeski, globaler Chefvolkswirt von ING, in einer Kundenmitteilung.

Ausblick: SNB entscheidet bereits nächste Woche

Der unmittelbare Fokus verlagert sich nun nach Zürich: Die SNB hält ihre Lagebeurteilung bereits am 18. Juni – eine Woche nach dem EZB-Entscheid. Das Timing könnte kaum brisanter sein. Während die EZB die Zinsen erhöht, deuten die Schweizer Fundamentaldaten in die entgegengesetzte Richtung: Die Inflation lag im Mai bei lediglich 1,2 Prozent, das BIP-Wachstum im ersten Quartal bei nur 0,5 Prozent. Einzelne Marktteilnehmer schliessen eine SNB-Senkung nicht aus.

Das würde die Zinsdifferenz CHF/EUR auf über 225 Basispunkte ausweiten – und den Franken unter erheblichen Aufwertungsdruck setzen. Für Schweizer institutionelle Anleger ist die SNB-Sitzung vom 18. Juni damit der nächste entscheidende Fixpunkt: Zürich und Frankfurt driften geldpolitisch weiter auseinander.

Implikationen für Schweizer institutionelle Anleger

  • Euro-Anleihen werden attraktiver. Mit einem Einlagesatz von 2,25 Prozent und einem möglichen weiteren Schritt auf 2,50 Prozent bieten Euro-Staatsanleihen und Investment-Grade-Unternehmensanleihen wieder reale Renditen. Für Schweizer Pensionskassen und Versicherer, die im ALM-Kontext nach Durationsassets suchen, eröffnet das neue Opportunitäten – sofern das Währungsrisiko adäquat abgesichert wird.
  • Hedging-Kosten steigen. Die Ausweitung der Zinsdifferenz CHF/EUR erhöht jedoch gleichzeitig die Kosten für Währungsabsicherungen auf Euro-Anlagen. Institutionelle Anleger müssen bei der strategischen Allokation sorgfältig kalkulieren, ob die Mehrrendite die höheren Hedgingkosten noch rechtfertigt.
  • Risikoassets im Euroraum unter Druck. Kurzfristig dürfte der höhere Inflationsdruck dazu führen, dass die SNB ihren Leitzins unverändert belässt. Mittelfristig dürften jedoch die Sorgen vor einem Wachstumseinbruch und der nachlassende Preisdruck überwiegen. Schweizer Portfoliomanager sollten hochverschuldete Euro-Emittenten und illiquide Segmente im Euroraum kritisch prüfen – die Zinslast steigt, das Wachstum bleibt schwach.
  • Safe-Haven-Flows begünstigen Schweizer Anlagen. Phasen erhöhter Unsicherheit im Euroraum – wie derzeit durch Iran-Krieg und Stagflationsrisiko ausgelöst – stärken typischerweise die Attraktivität des Franken und Schweizer Anlagen als sicherer Hafen. Das ist für Schweizer Anleger in CHF-denominierten Obligationen und Immobilien grundsätzlich positiv.
  • Hypothekar- und Immobilienmarkt. Im Einklang mit dem Leitzinsentscheid der SNB haben sich Geldmarkthypotheken (SARON-Hypotheken) kaum verändert. Demgegenüber sind die Zinssätze für Festhypotheken über sämtliche Laufzeiten hinweg gestiegen – getrieben durch die gestiegenen Swap-Sätze. Dieser Trend dürfte anhalten, solange die EZB ihren restriktiven Kurs beibehält.
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