"Man kann sich Silber als 'Gold auf Steroiden' vorstellen"

Chris Mahoney, Portfoliomanager des Merian Gold & Silver Fund (Merian Global Investors).
Chris Mahoney, Portfoliomanager des Merian Gold & Silver Fund (Merian Global Investors).

Chris Mahoney, Portfoliomanager, der Merian Gold & Silver Fund, Merian Global Investors, spricht im Interview über die Attraktivität von Silber und die Rolle von Gold im aktuellen Tiefzinsumfeld.

06.12.2019, 13:00 Uhr

Redaktion:

Was macht Gold im Segment der Edelmetalle so einzigartig und wodurch lässt sich die Goldrally erklären?

Chris Mahoney: Gold und Silber werden oft missverstanden. Sie sind nicht, wie von einigen angenommen, einfach nur Rohstoffe, sondern Währungen, jedoch unpolitische, unabhängig von Regierungen oder Zentralbanken. Zudem können sie als alternative Anlage, die grösstenteils nicht direkt mit den Aktien- und Anleihenmärkten korreliert, in Zeiten hoher Marktvolatilität zur Portfolio-Stabilität beitragen.

Derzeit wird dem Silberpreis grosse Aufmerksamkeit geschenkt. Worauf ist seine aktuelle Attraktivität zurückzuführen?

Wie der Goldpreis wird auch der Silberpreis durch die Entwicklung der Realzinsen gesteuert. In Bullenmärkten für Währungsmetalle übertrifft die Wertsteigerung von Silber oft die von Gold. Grund dafür ist der kleinere Markt für Silberinvestitionen mit begrenzter Beteiligung. Das liegt teilweise daran, dass Silber in den meisten Vergleichsindizes nicht vorkommt. Wenn somit Kapital in die Anlageklasse fliesst, wird die Wirkung verstärkt – man kann sich Silber als "Gold mit Hebelwirkung" oder "Gold auf Steroiden" vorstellen.

Ist der jüngste Anstieg des Silberpreises nicht übertrieben?

Silber ist traditionell billig im Vergleich zu Gold. Das Gold-Silber-Verhältnis, also der Massstab für die relativen Preise von Gold und Silber, beträgt per 11. November dieses Jahres 86,4 und ist damit deutlich höher als sein Durchschnittswert von 64 im Verlauf der letzten 20 Jahre. Am 10. November ist Silber 187% von seinem bisherigen Höchststand entfernt, während Gold mit Stand 11. November nur 30% von seinem Rekordhoch weg ist.

In der Vergangenheit wurde Gold oft als sicherer Hafen genutzt, wenn die Sparer in einigen Ländern befürchteten, dass ihre Ersparnisse in Zeiten starker Preissteigerungen sinken würden. Welchen Zusammenhang können wir heute zwischen Inflation und Goldpreis herstellen?

Der vorrangige Impulsgeber für den Goldpreis ist der Realzinssatz, sprich Nominalsatz minus Inflationsrate, sodass es einen indirekten Zusammenhang zwischen Inflation und Goldpreis gibt. Unter sonst gleichen Bedingungen resultiert eine höhere Inflation in einem höheren Goldpreis. Da die Inflation jedoch derzeit gemässigt und stabil ist, lässt sich die jüngste Rallye im Goldpreis auf Bewegungen im Nominalzinssatz zurückführen. Insbesondere der US-Dollar-Goldpreis hat vom Wechsel der US Federal Reserve hin zu einer lockereren Geldmarktpolitik profitiert. Die Senkung des Leitzinses durch die Fed im Kontext niedriger Inflation führte zur Verringerung der Realzinssätze. Wenn die Realzinssätze fallen, werden Barmittel, Einlagenkonten und die meisten verzinslichen Wertpapiere weniger attraktiv. Anders als Fiat-Währungen verliert Gold im Laufe der Zeit nicht an Kaufkraft.

Was erklärt den Appetit der Zentralbanken nach dem Edelmetall?

Zentralbanken wissen, dass Gold reales Geld ist und im Laufe der Zeit keine Kaufkraft einbüsst, wohingegen die von Regierungen und Institutionen herausgegebenen Schuldpapiere und Fiat-Währungen beständig an Wert verlieren.

Wie sollten Gold und Silber am besten in steigenden und fallenden Märkten allokiert werden?

Anders als bei Direktinvestitionen in Gold, bei denen man rein mit Währung handelt –das heisst ein Delta von eins zu Gold, haben Goldminenbetreiber Operational Gearing. Das bedeutet, dass sie höhere Wertsteigerungen als die Gold- und Silberpreise erreichen können. Darum erhöhen wir in einem Gold-Bullenmarkt unsere Investitionsallokation in Minenbetreiber. In einem Bärenmarkt hingegen würden wir unsere Direktallokation in Gold erhöhen, da es weniger volatil ist.

Die Zukunftsaussichten von Minenbetreibern sind abhängig von drei Faktoren. Nach Wichtigkeit aufgeführt die Entwicklung der Gold- und Silberpreise, die vorherrschende Kostenlage – besonders in Bezug auf Humankapital und Sachkapital – sowie die Bereitschaft von Anlegern zu Investitionen im Sektor.

Das Rekordhoch von 1'896 US-Dollar im Jahr 2011 ist zurzeit lediglich 30% entfernt, und der Preis könnte sich im kommenden Jahr sehr wohl in Richtung 2'000 Dollar bewegen. Zukünftig werden die Zentralbanken meiner Ansicht nach eine sogar noch zurückhaltendere Geldpolitik verfolgen, was wiederum Nominalsätze nach unten drücken und sich positiv auf den Goldpreis auswirken würde. Das wiederum nützt den Betreibern von Goldminen.

Wiederholt sich die Geschichte, wenn wir uns die lockere Geldpolitik der Zentralbanken anschauen?

Die vergangenen sieben Jahre voller Diskussionen über höhere Zinssätze und weniger Zentralbank-Schulden waren, wie Goldinvestoren warnten, ein kurzzeitiges Phänomen im Verlauf einer immer lockereren Geldpolitik. Die niedrigen Zinsen der Fed kommen Gold- und Silber-Investoren zugute, da sie von der negativen Entwicklung für Papiergeld und der positiven Entwicklung von "Realgeld" ohne Risikogewichtung profitieren werden.

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