"Die Berücksichtigung von ESG-Aspekten wird eindeutig zum Muss"

Rainer Baumann, Head of Investments bei RobecoSAM
Rainer Baumann, Head of Investments bei RobecoSAM

ESG-Konzepte etablieren sich zunehmend in den Portfolios der meisten Anleger. Rainer Baumann, Head of Investments bei RobecoSAM, erörtert, was dies in Zukunft für Aktienanlagen bedeutet.

15.10.2019, 10:48 Uhr

Redaktion: rem

Herr Baumann, wie stellen Sie sicher, dass ein Aktienfonds die Kriterien des nachhaltigen Anlegens erfüllt?
Rainer Baumann:
Bei RobecoSAM sind ESG-Kriterien systematisch und in vollem Umfang in sämtliche Anlageentscheidungen integriert. Schliesslich ist nachhaltiges Anlegen oder "Sustainable Investing" (SI) schon seit Tag eins unserer Gründung unser Schwerpunkt. Seither haben wir uns mit nichts anderem beschäftigt.

Worauf stützen Sie sich?

Neben unserer Expertise in thematischen Nachhaltigkeitsstrategien stützen wir uns dabei auch auf unsere umfassende, über 20 Jahre entwickelte Datenbank von Nachhaltigkeitsinformationen. Sie basiert auf der jährlichen Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen (Corporate Sustainability Assessment, CSA). Unsere Analysten können für über 4700 Unternehmen Informationen über eine Vielzahl von Kriterien in den drei Dimensionen E (Environmental – Umwelt), S (Social – Soziales) und G (Governance) abrufen. Insgesamt haben sie Zugang zu 600 Datenpunkten je Unternehmen, die finanziell wesentliche ESG-Aspekte abdecken. Diese Datenpunkte fliessen in eine Gesamtnote für Nachhaltigkeit ein, die als Fundament für den Aufbau unseres Anlageuniversums dient. Alle Unternehmen, welche die festgelegten ESG-Mindestschwellenwerte nicht erfüllen, werden ausgeschlossen.

Verwenden Sie noch weitere Informationen für die Analyse eines Unternehmens?

Überdies werden Nachhaltigkeitsinformationen für die systematische Fundamentalanalyse eines Unternehmens verwendet. Anhand eines intern entwickelten Wesentlichkeitsrahmens, welcher die aus finanzieller Sicht wichtigsten ESG-Kriterien je Sektor umfasst, werden die Geschäftsmodelle der Unternehmen im Detail bewertet. Diese Ergebnisse kombinieren wir mit traditionellem finanziellem Research und entwickeln auf diese Weise ein umfassendes Verständnis des Unternehmens, das als Grundlage für fundiertere Anlageentscheidungen dient. Der Portfolioaufbau basiert auf integrierten Anlageempfehlungen, die unternehmensspezifische finanzielle und nichtfinanzielle Faktoren berücksichtigen.

Nehmen Sie darüber hinaus Bewertungen vor?

Eine weitere Disziplin, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist Data Engineering, das bei RobecoSAM eine zentrale Rolle spielt. Mithilfe statistischer Methoden und Modelle können wir Basisdaten in sogenannte «Smart ESG Scores» umwandeln. Dies ermöglicht einen besseren Vergleich zwischen Regionen und Grössenklassen (Small Caps ggü. Large Caps) und stärkt das erwartete finanzielle Signal.
Neben den allgemeinen ESG-Kriterien berechnen wir auch konkrete Daten über die Umweltbilanz von Unternehmen – Wasser, Energieverbrauch, Abfallaufkommen und Treibhausgasemissionen. Anhand des CSA können wir zudem weitere ESG-Werte genauer eingrenzen, die auf sehr konkrete Kriterien fokussieren, beispielsweise den RobecoSAM Gender Equality Score. Zusätzlich zu all dem nehmen wir im Rahmen unserer Aktienstrategien aktiv an Generalversammlungsabstimmungen teil und führen einen ständigen Dialog mit Unternehmen.

Werden einige bestehende Aktienfonds aufgrund regulatorischer Entwicklungen im Bereich ESG/Nachhaltigkeit in Zukunft unter Druck geraten?

Angesichts verschiedener Bestrebungen auf nationaler und internationaler Ebene ist für ESG-Anlagen eine Verschärfung des regulatorischen Umfelds zu erwarten. Dies gilt auch für Bereiche wie Transparenz, Taxonomie und Anlagerichtlinien. Wir gehen davon aus, dass institutionelle Anleger zunehmend auf ESG-Label zurückgreifen werden, um weithin anerkannte Standards zu erfüllen. Schon jetzt beobachten wir, dass institutionelle Anleger ebenso wie Wholesale-Plattformen von externen Anlageverwaltern fordern, ESG-Aspekte zwingend in den Anlageprozess zu integrieren, bestimmte Mindestausschlusskriterien anzuwenden oder durchwegs den Dialog mit Unternehmen zu suchen. Die Berücksichtigung von ESG-Aspekten wird eindeutig zum Muss. Diesbezüglich ist RobecoSAM sehr gut aufgestellt, da wir schon seit vielen Jahren auf diesem Gebiet aktiv sind und über die Erfahrung und das Instrumentarium verfügen, um ESG-Konzepte umfassend in unseren Aktienportfolios anzuwenden.

Nimmt der Druck im Zusammenhang mit Entkabonisierung und Klimawandel zu?

Absolut! Die Messung der Umweltbilanz eines Portfolios und/oder die Bewirtschaftung des Portfolios im Hinblick auf bestimmte Emissionsziele wird von institutionellen, aber auch zunehmend von privaten Anlegern ebenfalls immer stärker gefordert. Diese Entwicklung hat bereits vor einigen Jahren begonnen, aber dann nach dem Pariser Klimaschutzübereinkommen deutlich an Dynamik gewonnen.

Sehen Sie Gelegenheiten für die Entwicklung neuer Arten von Aktienfonds, also zum Beispiel von Fonds, welche die zunehmende Nachfrage von Anlegern nach kohlenstoffneutralen Anlagen decken oder Lösungen für das Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) der Vereinten Nationen fördern?

SDG-Anlagen können als Weiterentwicklung von SI-Anlagen betrachtet werden. Traditionelle ESG-Daten und -Anlagen fokussierten hauptsächlich auf Unternehmen, die hohe Standards in ihren Geschäftsprozessen verankert haben. Impact Investing hingegen konzentriert sich auf Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen auf Sozial- und Umweltziele ausgerichtet sind, wie sie beispielsweise in den Zielen für nachhaltige Entwicklung formuliert wurden. Solche Produkte werden in Zukunft an Beliebtheit gewinnen, da inzwischen allgemein anerkannt wird, dass SI/Impact Investing von Natur aus der finanziellen Performance nicht schadet. Auch die zunehmende Professionalisierung der Verwalter nachhaltiger Anlagelösungen wird dazu beitragen.

Wie ist RobecoSAM hier positioniert?

RobecoSAM ist bereits seit 1995 im SI Investing aktiv. Ende 2017 haben wir im Einklang mit unserer langjährigen Anlagearchitektur eine eigene Impact-Strategie lanciert. Die RobecoSAM Global SDG Equities-Strategie investiert bewusst ausschliesslich in Unternehmen, die Lösungen für globale Herausforderungen bieten und merklich zum Erreichen der Ziele für nachhaltige Entwicklung beitragen. Wir sind überzeugt davon, dass diese Unternehmen auf lange Sicht eine Outperformance erzielen werden. Deshalb haben wir diese Win-Win-Win-Chance für Gesellschaft, Anleger und Unternehmen geschaffen, die aus unserer Sicht Wegbereiter der Ziele für nachhaltige Entwicklung sind.

Was bringt SDG Investing den Anlegern?

Durch die Anwendung von SDG Investing auf börsenkotierte Wertpapiere steigt das Kapital, das Unternehmen mit der Expertise, Grösse und Technologie zufliesst, um die Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft deutlich voranzutreiben. Anlagen in die Ziele für nachhaltige Entwicklung sind sozial unerlässlich und wirtschaftlich notwendig. Für Anleger, die eine positive, messbare Wirkung und zugleich konkurrenzfähige Erträge erzielen wollen, sind sie zudem eine Chance in Milliardenhöhe.

Ist es einfacher, neue Aktienfonds aufzulegen, bei denen ESG-Faktoren in den Anlageprozess eingebettet sind, als den Anlageprozess bestehender Fonds zu ändern?

Insgesamt ist festzustellen, dass die Anlegergemeinschaft und zunehmend auch die breite Öffentlichkeit die Notwendigkeit verstehen, ESG-Anlageprozesse anzuwenden. Die Kenntnis verschiedener SI-Konzepte wie negatives Screening/Ausschluss von Unternehmen, Best-in-Class, normenbasiertes Screening, Integration von ESG-Faktoren, thematische Nachhaltigkeitsanlagen, Impact Investing, Engagement/Dialog mit Unternehmen und aktive Aktionärsbeteiligung hat allgemein deutlich zugenommen. Deshalb ist es zuletzt deutlich einfacher geworden, den Anlageprozess bestehender Fonds zu ändern und sie in mehr oder weniger stark an ESG orientierte Produkte umzuwandeln.

Was sind die Gründe für die wachsende Akzeptanz?

Hauptgrund für die wachsende Akzeptanz ist, dass mittlerweile zahlreiche Studien veröffentlicht wurden, die nachweisen, dass die Integration von ESG-Kriterien sich nicht zwangsläufig negativ auf die finanziellen Erträge auswirkt. Diese Wahrnehmung war über Jahrzehnte weit verbreitet, doch allmählich tritt hier eine Wende ein. Angesichts der gewaltigen Herausforderungen, denen wir uns durch Megatrends wie Klimawandel oder demografische Entwicklungen ausgesetzt sehen, ist offenkundig geworden, dass Unternehmen, die innovative Lösungen anbieten und nachhaltig bewirtschaftet werden, einen erheblichen Wettbewerbsvorteil aufweisen. Die breite Öffentlichkeit und die Anleger müssen jetzt nur noch eines verstehen: Bei den erwähnten SI-Konzepten handelt es sich lediglich um Tools. Sie sind per se keine Anlagestrategien. Es sind nach wie vor talentierte Anlageverwalter notwendig, die sie genau verstehen und die notwendige Kompetenz aufweisen. Jeder Anleger kann diese Tools in jeder bestehenden Anlageklasse, Vermögensallokation und Strategie, für jedes denkbare Risiko-Rendite-Profil und in einer Vielzahl möglicher Kombinationen anwenden. Anleger können die Vorteile und die Anwendung von ESG-Konzepten in allen erdenklichen Formen, Grössen und Varianten ausnutzen.

Können die Anleger das überhaupt nachvollziehen?

Wir haben es mehrfach erlebt, dass Anleger uns fragen: "Nun gut, ich verstehe die Vorteile von ESG. Aber wenn ich ESG nun in meiner strategischen und taktischen Vermögensallokation berücksichtigen möchte, muss ich dann alles über Bord werfen, was ich in den letzten Jahren getan habe?" Ich beantworte diese Frage immer mit Nein. Anleger können an ihren bestehenden Anlagen und Strategien festhalten. ESG-Konzepte lassen sich dennoch auf einfache Weise anwenden, ohne unmittelbare Störungen im Portfolio zu verursachen. Sie bieten eine Lösung für drei Grundanliegen, die wir in allen Ausschreibungen feststellen, an denen wir teilnehmen: Die Anleger möchten intelligent investieren und das Risiko-Rendite-Profil eines Portfolios durch die Anwendung und Integration finanziell wesentlicher ESG-Daten verbessern. Sie möchten nachts ruhig schlafen können und Anlagen in Bereichen mit kontroversen Produkten oder Geschäftsgebaren vermeiden. Schliesslich möchten sie Veränderungen bewirken und so investieren, dass sie eine sozioökonomische Wirkung erzielen, und dabei gleichzeitig konkurrenzfähige Erträge erwirtschaften. Diese drei Anliegen können in allen bestehenden Anlageklassen und Vermögensallokationen und für jedes erdenkliche Risiko-Rendite-Profil mit jedem denkbaren Wirkungsausmass erfüllt werden.

Was bedeutet dies konkret?

Im Wesentlichen bedeutet dies, ESG-Konzepte allgemein zu etablieren. Dies kann geschehen, ohne dass alle Entscheidungen, die Anleger in ihrer strategischen und taktischen Vermögensallokation bisher getroffen haben, oder alles, auf das sie sich in ihrer Anlagepolitik und ihren Anlageprozessen festgelegt haben, über Bord geworfen werden muss. Im Gegenteil: Die Anwendung von ESG-Konzepten kann Anlegern helfen, das Potenzial ihrer Anlagepolitik und ihrer Anlageprozesse voll auszuschöpfen. Indem wir ESG überall anwenden, reparieren wir das finanzielle System, ohne es zu unterbrechen. Natürlich besteht immer noch Raum für neue, innovative Produkte, die auf bestimmte Anlageziele ausgerichtet sind. Unabhängig von ihrer ESG-Gesamtstrategie stehen Anlegern für Bereiche, die nicht mit einer angemessenen internen Expertise und verfügbaren Produkten abgedeckt werden können, die Produkte zur Verfügung, die von spezialisierten Anlageverwaltern wie RobecoSAM bereitgestellt werden.

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