28.04.2026, 07:29 Uhr
Der Schweizer Fondsmarkt ist im 1. Quartal 2026 auf 1742 Milliarden Franken gewachsen. Trotz Netto-Neugeldzuflüssen von rund 17,7 Milliarden Franken zehrte die Marktkorrektur im März die Performance des...
Der Asset-Management-Markt wächst stark. Doch er steht vor einer strukturellen Neuordnung von Kapitalflüssen, Vertriebsmodellen und Technologieeinsatz. Das zeigt der Global Asset Management Report der Boston Consulting Group (BCG).
Der globale Asset-Management-Markt wächst und wächst. 2025 hat er die Marke von 147 Billionen US-Dollar erreicht. Die Schweiz ist hier keine Ausnahme. Sie bleibt mit 2,5 Billionen Dollar verwalteten Vermögen der sechstgrösste Asset-Management-Markt Europas. Das Wachstum von 5 Prozent fiel etwas tiefer aus als der europäische Durchschnitt von 7 Prozent. Institutionelle Investorinnen und Investoren bleiben mit einem Anteil von 75 Prozent an den verwalteten Vermögen die dominierende Kundengruppe – ein Strukturmerkmal, das den hiesigen Markt deutlich von angelsächsisch geprägten Märkten unterscheidet. Im Retail-Segment, das in der Schweiz zu 85 Prozent aus Anlagefonds und ETFs besteht, verzeichnete die Branche zweistellige Zuwachsraten. Das wird aus dem Global Asset Management Report der Boston Consulting Group (BCG) deutlich.
Der Befund der Studie mit dem Titel «An Imperative for Growth» ist global wie regional unbequem: Über 80 Prozent des globalen Umsatzwachstums 2025 gingen auf positive Marktentwicklungen zurück. Nettozuflüsse trugen lediglich 2 Prozent bei, während Veränderungen im Produktmix und anhaltender Gebührendruck zusammen 3 Prozentpunkte kosteten. Die Margen der Asset-Management-Unternehmen blieben mit über 30 Prozent zwar stabil. Doch dieser Wert hat sich seit 2010 kaum bewegt, obwohl sich die verwalteten Vermögen seither verdreifacht haben.
«Die vergangenen Jahre haben von starken Märkten gelebt – das wird so nicht bleiben. Entscheidend ist künftig nicht mehr das Wachstum des Marktes, sondern die Fähigkeit, Kapital aktiv zu gewinnen», lässt sich Johannes Burkhardt, Partner bei BCG und Co-Autor der Studie, zitieren.
Hinter den vermeintlich stabilen Margen verbirgt sich eine Schere, die sich seit Jahren öffnet: Zwischen 2010 und 2025 sind die Umsätze der Branche jährlich um 5,1 Prozent gewachsen, die Kosten jedoch um 5,4 Prozent. Hinzu kommt der strukturelle Druck auf die Managementgebühren, im institutionellen Geschäft sind diese seit 2010 durchschnittlich um 3 Prozent pro Jahr gesunken. Mehr Volumen führt damit nicht mehr automatisch zu höherer Profitabilität, eine zentrale Botschaft des Reports.
Die Autoren identifizieren drei langfristige Verschiebungen, die das Marktumfeld verändern. Zwischen 2020 und 2025 stammten 61 Prozent des globalen AuM-Wachstums von privaten Anlegern. Den stärksten regionalen Zuwachs verzeichnete der Asien-Pazifik-Raum mit rund 9 Prozent jährlich, getragen von substanziellen Nettozuflüssen.
Erstens steht ein Generationenwechsel an: Allein in den USA werden bis 2048 Vermögenswerte von rund 124 Billionen Dollar an eine digital geprägte Anlegergeneration übertragen. 30 Prozent der Generation Z beginnen im frühen Erwachsenenalter mit dem Investieren – gegenüber lediglich 6 Prozent bei den Babyboomern. Diese Anlegerinnen und Anleger werden über Vergleichsplattformen, soziale Medien und YouTube erreicht, also über Kanäle, in denen die Asset-Management-Industrie kaum präsent ist. In Europa überschritten die verwalteten Vermögen sogenannter Neobroker bereits 2023 die Marke von 150 Milliarden Euro.
Zweitens transformieren sich die Altersvorsorgesysteme. Der Übergang von leistungs- zu beitragsorientierten Modellen verlagert Kapital von wenigen institutionellen Mandaten hin zu Millionen von Einzelkonten. Das niederländische Beispiel illustriert die Dimension: Mit dem «Future Pensions Act» muss das mit 1,8 Billionen Euro grösste Pensionssystem der EU bis 2028 von Defined Benefit auf Defined Contribution umgestellt werden, der Grossteil davon bereits 2026 und 2027.
Für die Schweiz hat die Studie hier eine doppelte Botschaft. Die hiesige Vorsorge zählt mit einer Pensionsvermögen-zu-BIP-Quote von 167 Prozent zur globalen Spitzengruppe – noch vor den USA (153 Prozent) und den Niederlanden (151 Prozent). Gleichzeitig steigt das Altenquotientenverhältnis bis 2050 von 22,8 auf 53,3, was den demografischen Druck auf das System erhöht. Anders als viele europäische Nachbarländer, die noch im niedrigen zweistelligen Bereich der Vorsorgequote liegen, kann die Schweiz aus einem tiefen Kapitalstock heraus agieren – muss aber Antworten auf Decumulation, individuelle Beratungsbedürfnisse und Private-Markets-Allokationen in Vorsorgegefässen finden.
Drittens verändern geopolitische Unsicherheiten die Kapitalallokation. Eine in der Studie zitierte Umfrage von Natixis Investment Managers zeigt, dass 63 Prozent der globalen Investoren der Auffassung sind, dass die Politisierung US-amerikanischer Institutionen den Investmentcase der USA schwäche. Knapp die Hälfte will geografisch breiter diversifizieren – bevorzugte Zielregionen sind Europa (46 Prozent), Asien-Pazifik (44 Prozent) und Schwellenländer Asiens (42 Prozent).
Der Wettbewerb innerhalb der Branche entwickelt sich heterogen. Bei passiven Produkten wie ETFs und Indexfonds vereinen die zehn grössten US-Anbieter seit 2015 mehr als 90 Prozent der Nettozuflüsse auf sich. In den Private Markets bündeln sich die Mittel ebenfalls bei wenigen grossen Häusern: Die Top 50 der Private-Equity-Firmen sammelten 2024 laut Preqin 37 Prozent des globalen Kapitals ein – verglichen mit einem Zehnjahresschnitt von 22 Prozent.
Bei aktiven Strategien zeichnet sich ein gegenläufiges Bild ab. In den USA ist der Anteil der zehn grössten aktiven Manager an den Nettozuflüssen von 63 Prozent (2015) auf 56 Prozent (2025) gefallen. In Europa und im asiatisch-pazifischen Raum nimmt die Konzentration sowohl im aktiven als auch im passiven Segment ab – ein Hinweis auf zunehmend kompetitive Märkte, was insbesondere für mittelgrosse Schweizer Anbieter relevant ist.
Eine zentrale These der Studie: Produktqualität allein reicht nicht mehr aus, um Kapitalzuflüsse zu sichern. «Wer die neuen Kapitalquellen und Zugangswege nicht systematisch adressiert, wird langfristig Marktanteile verlieren», erklärt Studienautor Burkhardt. Plattformen, digitale Anbieter und andere Intermediäre übernähmen zunehmend die Rolle von Gatekeepern und entschieden, welche Produkte Sichtbarkeit erhielten.
Asset- und Wealth-Management wachsen dabei enger zusammen: Asset-Manager rücken näher an den Endkunden, während Vermögensverwalter eigene Investmentkompetenzen aufbauen. Die meisten Vertriebsmodelle der Branche seien laut BCG bislang stark fragmentiert, wenig datengetrieben und nur begrenzt skalierbar. Empfohlen wird ein systematisches Vertriebsmodell mit klarer Segmentierung, differenzierten Coverage-Tiers und einer integrierten CRM- und Datenbasis.
Eine spezifische Wachstumsoption sieht die Studie im Geschäft mit Versicherungen, insbesondere im Bereich Private Credit. Versicherer verfügten häufig nicht über die Kapazitäten, Private Credit eigenständig zu skalieren – ein potenzielles Einfallstor für Asset Manager über Sub-Advisory-Mandate, Joint Ventures oder Captive-Plattformen. Für den Schweizer Markt mit seinem hohen Anteil an institutionellen Vermögen und einer starken Versicherungsindustrie ist dieser Hebel besonders relevant.
Den dritten strategischen Schwerpunkt setzt der Report bei der künstlichen Intelligenz. BCG schätzt das Kostensenkungspotenzial über drei bis fünf Jahre auf 25 bis 35 Prozent. Die Research-Abdeckung lasse sich um den Faktor zwei bis fünf erweitern, die Klientenabdeckung pro Relationship Manager um den Faktor drei bis fünf. Im Investment Research könnten Sharpe Ratios um 5 bis 20 Prozent verbessert werden, in den Investment Operations seien Effizienzgewinne von rund 40 Prozent realistisch.
Allerdings hinkt die Branche bei der KI-Reife laut der BCG-Studie «Build for the Future 2026» Banken, Fintechs und Versicherern hinterher. Viele Häuser befänden sich noch in der Pilotphase. «Künstliche Intelligenz wird zum entscheidenden Hebel – aber nur für diejenigen, die ihr Geschäftsmodell konsequent darauf ausrichten. Wer Distribution und Technologie zusammen denkt, kann Wachstum künftig deutlich skalieren», so Burkhardt.
Für die hiesige Branche ergibt sich aus dem Report ein differenziertes Bild. Mit ihrer starken institutionellen Basis, dem hoch kapitalisierten Vorsorgesystem und einer global ausgerichteten Wealth-Management-Industrie verfügt die Schweiz über strukturelle Ausgangsvorteile. Gleichzeitig ist sie überdurchschnittlich exponiert gegenüber den drei zentralen Verschiebungen: dem Generationenwechsel im Wealth-Geschäft, dem demografischen Druck auf die zweite und dritte Säule sowie der geopolitischen Neuverteilung grenzüberschreitender Kapitalflüsse. Asset Manager, die in den kommenden Jahren konsequent in skalierbare Vertriebsmodelle, Private-Markets-Kapazitäten für Versicherungen und Pensionskassen sowie in die KI-gestützte Operating-Architektur investieren, dürften die strukturelle Neuordnung als Chance nutzen können. Der Bericht macht deutlich, dass passives Mitschwimmen mit den Märkten künftig nicht mehr genügt, um Marktanteile zu halten.