28.04.2026, 07:43 Uhr
Der Asset-Management-Markt wächst stark. Doch er steht vor einer strukturellen Neuordnung von Kapitalflüssen, Vertriebsmodellen und Technologieeinsatz. Das zeigt der Global Asset Management Report der Boston...
Ein neues Whitepaper des Fondsdatenanbieters FE fundinfo warnt vor einer sich öffnenden Technologielücke zwischen grossen und kleinen Vermögensverwaltern. Die Kernthese – Distribution und Technologie entscheiden künftig über Erfolg – ist durch Daten der Boston Consulting Group und akademische Forschung breit abgestützt. Doch was heisst das für die Branche?
Die Botschaft von FE fundinfo ist unmissverständlich: Wer bei der Digitalisierung von Gebühren- und Vertriebsprozessen nicht nachzieht, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Grosse Asset Manager hätten in den vergangenen Jahren massiv in die digitale Transformation investiert – automatisierte Retrozessionsberechnung, Echtzeit-Distributionsanalytik und Cloud-basierte Compliance gehören dort heute zum Standard. Kleinere und mittlere Häuser könnten diesen Investitionsaufwand oft nicht stemmen. Die vom Datenanbieter empfohlene Lösung liegt nahe: Auslagerung der nicht-differenzierenden Middle- und Backoffice-Aufgaben an spezialisierte Plattformen.
Dass dieser Befund mehr ist als Eigenwerbung, zeigt der Blick auf die unabhängige Datenlage. Laut dem «Global Asset Management Report 2026» der Boston Consulting Group erreichten die global verwalteten Vermögen 2025 mit 147 Billionen Dollar einen Rekordwert. Doch über 80 Prozent des Umsatzwachstums der Branche stammten allein aus der Marktperformance, nicht aus Nettozuflüssen oder operativer Stärke.
Noch deutlicher wird das Problem bei den Margen. Seit 2010 hat sich das verwaltete Vermögen nahezu verdreifacht – die Gewinnmargen der Branche verharren laut BCG dennoch unverändert bei rund 30 Prozent. Der Grund ist eine negative operative Hebelwirkung: Die Kosten sind schneller gestiegen als die Erträge. Die Annahme, dass Grösse automatisch zu höherer Profitabilität führt, gerät damit ins Wanken – ein Befund, der besonders kleinere Häuser trifft, die weder über Skaleneffekte noch über die nötigen Technologiebudgets verfügen.
Der entscheidende Wettbewerbsfaktor verschiebt sich. Die Fondsproduktion werde zunehmend zur Massenware, während die Kontrolle über die Distribution über den Erfolg entscheide, hält BCG fest. Der Zugang zu Plattformen, Beratern und institutionellen Kanälen diktiert, welche Häuser Mittelzuflüsse einsammeln. «Distribution entscheidet heute, wer gewinnt», formuliert es BCG-Mitautor Johannes Burkhardt zugespitzt.
Wie stark sich diese Konzentration bereits auswirkt, zeigt ein Beispiel: Bei US-Passivfonds haben die zehn grössten Anbieter über das vergangene Jahrzehnt mehr als 90 Prozent der Nettozuflüsse auf sich vereint. Genau in diesem Umfeld steigen laut FE fundinfo die Kosten für digitales Marketing und Fondsvertrieb um 15 bis 30 Prozent – der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Anleger wird teurer.
Als Ausweg gilt vielen die künstliche Intelligenz. BCG schätzt, dass Asset Manager ihre Kosten durch den Einsatz von KI über drei bis fünf Jahre um 25 bis 35 Prozent senken könnten. KI erlaube es, Geschäftsabläufe zu skalieren, ohne den Personalbestand proportional aufzustocken – was die Wachstumsökonomik der Branche grundlegend verändere.
Der Haken: Die meisten Häuser stecken noch in einer frühen Phase der Einführung und experimentieren mit Pilotprojekten, statt ihre Betriebsmodelle konsequent umzubauen. Wer das versäume, riskiere, gegenüber KI-nativen Wettbewerbern zurückzufallen. Damit verschärft ausgerechnet die vermeintliche Entlastungstechnologie den Druck auf jene Häuser, die den Umbau nicht finanzieren können.
Bemerkenswert ist, dass kleinere Manager ihre operativen Nachteile auf der Performance-Seite offenbar wettmachen. Eine vom Group of Boutique Asset Managers (GBAM) finanzierte Studie von Professor Andrew Clare (Bayes Business School) untersuchte über 780 Fonds aus 120 Fondsgruppen über den Zeitraum 2000 bis 2019. Das Ergebnis: Boutique-Manager schlagen ihre grösseren Konkurrenten konsistent – besonders in den Segmenten europäische Mid- und Small Caps sowie Schwellenländer-Aktien.
Die Grössenordnung dieser Outperformance fällt allerdings moderater aus, als sie in der Vermarktung mitunter erscheint: Je nach Modell beträgt der Vorsprung 0,23 bis 0,56 Prozent pro Jahr nach Gebühren beziehungsweise 0,52 bis 0,82 Prozent vor Gebühren. Eine zweite, qualitative Folgestudie aus dem Jahr 2025 identifizierte vier Erfolgsfaktoren: Unabhängigkeit, Fokus, Interessensgleichheit mit den Kunden und Entscheidungsagilität. GBAM-Chairman Tim Warrington kritisiert, dass Boutiquen auf vielen Plattformen unterrepräsentiert blieben – oft, weil Auswahlkriterien wie Mindestvolumina oder Markenbekanntheit kleinere Häuser systematisch benachteiligten.
Die strukturelle These von FE fundinfo – wachsende Technologielücke, steigender Distributionsdruck, Kostenklemme bei den Kleinen – ist durch BCG und die akademische Forschung solide belegt. Zwei Zahlen verdienen jedoch ein kritisches Auge. Erstens: Die im Whitepaper genannte Einsparung von 50 bis 70 Prozent in den Gebühren- und Vertriebsprozessen durch den Wechsel auf cloudbasierte Plattformen stammt ausschliesslich von FE fundinfo selbst. Eine unabhängige Bestätigung dieser Grössenordnung liegt nicht vor – sie ist als Anbieterangabe einzuordnen. Zweitens: Die teils kolportierte Boutique-Outperformance von ein bis zweieinhalb Prozent überzeichnet die peer-reviewten Befunde deutlich, die im Bereich von weniger als einem Prozent liegen.
Die Stossrichtung des Whitepapers bleibt davon unberührt: Für kleinere Schweizer Vermögensverwalter wird die Frage, welche Prozesse sie selbst betreiben und welche sie auslagern, zur strategischen Weichenstellung. Der Wettbewerb verlagert sich von der Performance zur Infrastruktur – und Zeit ist dabei der knappste Faktor.