13.08.2026, 08:35 Uhr
Die Umsätze der KI-Branche von rund 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr stehen in einem eklatanten Missverhältnis zu Investitionen von 800 Milliarden US-Dollar allein im laufenden Jahr. Diese Rechnung gehe nicht auf,...
Die laufende Berichtssaison zum zweiten Quartal bestätigt den positiven Trend bei den Unternehmensgewinnen – und das längst nicht mehr nur in den USA. Das zeigt eine aktuelle Analyse von Shannon L. Saccocia, CFA, Chief Investment Officer – Wealth bei Neuberger.
Bis zum 7. August hatten 415 Unternehmen aus dem S&P 500 ihre Zahlen vorgelegt. 88 Prozent davon übertrafen die Gewinnerwartungen je Aktie. Bereinigt um Sondereffekte – vor allem Buchgewinne bei Alphabet, Amazon und Microsoft – dürften die Gewinne um rund 25 Prozent gestiegen sein. Auffällig dabei ist: Der Anstieg beschränkte sich nicht auf wenige Mega Caps, auch im Median legten die Gewinne so stark zu wie seit Jahren nicht mehr.
Die EBITDA-Marge des S&P 500 kletterte auf rund 19,8 Prozent, ein Plus von 231 Basispunkten gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt erzielten die Indexmitglieder im zweiten Quartal operative Gewinne von knapp 1,0 Billionen US-Dollar, wie Neuberger unter Berufung auf Daten von JP Morgan Research schreibt. Der S&P 500 markierte in der vergangenen Woche entsprechend ein neues Rekordhoch.
Auch ausserhalb der USA fällt die Gewinnentwicklung robust aus. Neuberger begründet damit die aktuelle Übergewichtung internationaler Aktien, wie das Haus bereits in seinem Asset Allocation Outlook und Equity Market Outlook dargelegt hatte.
In Japan hatten bis zum Stichtag 66 Prozent der TOPIX-Unternehmen berichtet, 71 Prozent davon über den Erwartungen. Die Nettogewinne stiegen im Jahresvergleich um rund 64 Prozent. Als Treiber nennt Neuberger den hohen Anteil an Industrie-, Halbleiter- und KI-Werten im Index, Governance-Reformen sowie höhere Staatsausgaben für Verteidigung und Schiffbau.
In den Emerging Markets, die stärker von der globalen Industriekonjunktur abhängen, legten die Gewinne je Aktie des MSCI Emerging Markets Index per 7. August um 59 Prozent zum Vorjahr zu. Massgeblich beigetragen haben laut der Analyse die KI-lastigen Märkte China, Korea und Taiwan, ein hoher Industrieanteil sowie der schwache US-Dollar. Als gemeinsamen Nenner sieht Neuberger einen kapitalintensiveren Aufschwung im Verarbeitenden Gewerbe, von dem Länder mit höherem Industrieanteil stärker profitieren als die USA mit ihrem geringeren Industrieanteil.
Am deutlichsten fiel die Überraschung in Europa aus, wo Neuberger aktuell untergewichtet ist. 78 Prozent der STOXX-600-Unternehmen hatten bis zum 7. August ihre Zweitquartalszahlen publiziert, 63 Prozent davon übertrafen die Erwartungen – im Schnitt um 5 Prozentpunkte. Der durchschnittliche Gewinnanstieg belief sich auf 23 Prozent zum Vorjahr, das höchste Wachstum seit Jahren. Getragen wurde die Entwicklung vor allem von Bank- und Halbleiterwerten, aber auch Flugzeugbauer, diversifizierte Finanzunternehmen und Transportfirmen verzeichneten starke Zuwächse.
Neuberger mahnt jedoch zur Vorsicht: Ein Grossteil des europäischen Gewinnwachstums entfalle 2026 auf Automobil- und Bankwerte. Zudem hänge viel vom Kurs der Europäischen Zentralbank ab. In den Jahren 2008, 2011 und 2022 habe die EZB ihre Zinsen jeweils zu früh oder zu spät angepasst. Die jüngsten Äusserungen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde nach dem Wiederaufflammen des Nahostkonflikts seien widersprüchlich ausgefallen. Bleibe ein geldpolitischer Fehler aus und stiegen die Öl- und Gaspreise nicht zu stark – Europas Konjunktur gilt als besonders energiesensitiv –, könnten die Unternehmensgewinne deutlich zulegen, so die Einschätzung.
Zusätzliche Unterstützung liefert die Bewertung: Europäische Aktien notieren derzeit beim rund 14,8-Fachen der erwarteten Gewinne, gegenüber dem 20-Fachen in den USA. Diesen Bewertungsabschlag könne man bei anhaltendem Gewinnwachstum immer weniger ignorieren.
Neuberger hält an der Übergewichtung von US-Aktien fest, verweist aber auf die zunehmenden Konzentrationsrisiken durch die Dominanz der Mega Caps. Die laufende Gewinnsaison zeige, dass sich das Gewinnwachstum in anderen Regionen gerade erst verbreitere. Investitionen in Japan, ausgewählten Emerging Markets und allenfalls Europa könnten ein US-Portfolio sinnvoll ergänzen und die Abhängigkeit von wenigen Unternehmen reduzieren.