KI-Boom auf Pump: Acatis-Gründer Dr. Hendrik Leber warnt vor Schuldenschnitt und erwartet Konsolidierungswelle

Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von ACATIS, erwartet eine Konsolidierungswelle, von der Anleger profitieren können (Bild: Acatis)
Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von ACATIS, erwartet eine Konsolidierungswelle, von der Anleger profitieren können (Bild: Acatis)

Die Umsätze der KI-Branche von rund 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr stehen in einem eklatanten Missverhältnis zu Investitionen von 800 Milliarden US-Dollar allein im laufenden Jahr. Diese Rechnung gehe nicht auf, warnt Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von Acatis – er verweist auf potenziell weitreichenden Folgen für die Kreditmärkte und für die Struktur der Branche.

13.08.2026, 08:35 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Dr. Hendrik Leber, Gründer und Geschäftsführer von Acatis, ist für seine Arbeit im Bereich des Value Investing mehrfach ausgezeichnet worden. Seine Aussagen zum gegenwärtigen KI-Boom, die er in seinem Marktkommentar vom August veröffentlich hat, haben entsprechendes Gewicht.

Seine Warnung betrifft die Finanzierung des KI-Booms. Die milliardenschweren Investitionen in KI-Infrastruktur werden laut Leber nur zu einem kleineren Teil über Kapitalerhöhungen finanziert. Der grössere Teil stamme aus Fremdkapital – und ein erheblicher Anteil davon liege in Zweckgesellschaften ausserhalb der Konzernbilanzen.

Nach Angaben Lebers sind die dort geparkten Schulden mittlerweile grösser als jene, die direkt in den Unternehmensbilanzen ausgewiesen werden. Belastbare Zahlen seien allerdings schwer zu verifizieren; eine Quelle beziffere die ausserbilanziellen Verbindlichkeiten auf rund zwei Billionen Euro. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich nach eigenen Aussagen ebenfalls bereits mit dem Thema befasst und vor den Risiken schuldenfinanzierter KI-Investitionen gewarnt.

Oracle als Warnsignal

Als konkretes Beispiel für die wachsende Skepsis der Ratingagenturen verweist Leber auf Oracle: Der Konzern wurde im Rating herabgestuft, weil Zweifel an der Tragfähigkeit seiner Investitionsstrategie zunehmen. Ein schwächeres Rating bedeute höhere Zinskosten – ein Teufelskreis, sollten die erwarteten Umsätze ausbleiben. Als Gläubiger stünden dabei überwiegend Private-Debt-Vehikel im Feuer.

Die zentrale Frage laute daher, ob die erwarteten Umsätze tatsächlich kommen – und ob sie ausreichen, um den Schuldendienst zu bedecken. So bedeutsam KI langfristig sei, brauche es Zeit, bis nennenswerte Umsätze generiert würden. Für Unternehmen bleibe KI vorerst primär ein Kostenfaktor, der sich erst noch rechnen müsse. Hinzu komme laut Leber der zunehmende Preiswettbewerb chinesischer Anbieter, der kurzfristig gegen eine auskömmliche Profitabilität der amerikanischen KI-Anbieter spreche.

Rechenzentren als klassische Kapazitätsbranche

Leber ordnet die derzeit boomende Rechenzentrumsbranche in eine bekannte Kategorie ein: Sie funktioniere nach demselben Muster wie Fluggesellschaften, Immobiliengesellschaften, Hotelketten, Kreuzfahrtgesellschaften oder auch Rückversicherer, deren Geschäft von der Auslastung ihrer Kapazitäten lebt. In solchen Branchen laufe der Zyklus regelmässig gleich ab: Zunächst werde viel Geld verdient, anschliessend werde überinvestiert, es entstünden Überkapazitäten, es folge ein Preiskrieg – und am Ende gingen einige Anbieter pleite oder würden von den Stärkeren übernommen. Neue KI-Technologien und der Preisdruck aus China würden diesen Mechanismus nun auch bei den Rechenzentren in Gang setzen.

Konsolidierungswelle erwartet: Was heisst das für Anleger?

Leber rechnet deshalb in Kürze mit einer Welle von Übernahmen und einer Konsolidierung der Branche. Die Rettung für viele Hyperscaler liege darin, sich in bestehende Geschäftsmodelle einzukaufen – Leber erinnert dabei an die gescheiterte Fusion von AOL und Time Warner im Jahr 2000 als warnendes Beispiel.

Als naheliegende Übernahmekandidaten nennt der Acatis-Gründer grosse Beratungsfirmen wie Accenture: Diese verfügten über eine enge, langfristige Kundenbindung, und der Einsatz von KI könnte Projektkosten deutlich senken und Projekte beschleunigen – Synergien wären laut Leber unmittelbar realisierbar. Auch Strategieberatungs-unternehmen zählt er dazu, da sich Unternehmensanalysen mithilfe von KI erheblich schneller erstellen liessen. Als dritte Gruppe nennt Leber Anbieter von Unternehmenssoftware wie SAP, Salesforce oder ServiceNow, die KI-Wissen in Verbindung mit ihren Kundendaten rasch in die Anwendung bringen könnten. Auch hier sei der Fit zwischen KI-Technologie und Kundennutzen offensichtlich.

Als Investitionsobjekte stuft Leber solche potenziellen Übernahmekandidaten als hoch interessant ein: Ihre Bewertung sei zuletzt deutlich zurückgekommen, während ihre bestehende Kundenbasis sie gleichzeitig zu attraktiven Übernahmezielen mache. Überkapazitäten gepaart mit Preisdruck seien für Leber die klassischen Zutaten für einen Shakeout in der Rechenzentrumsbranche – mit der Konsolidierung um etablierte Softwareanbieter und Beratungshäuser als naheliegende Folge.

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