Candriam: Anleihen preisen Krieg ein, Aktien folgen den Gewinnen

An den Anleihenmärkten ist der Iran-Konflikt eingepreist, an den Aktienmärkten nicht – diese Divergenz prägt nach Einschätzung von Candriam derzeit das Marktgeschehen. Nadège Dufossé, Global Head of Asset Allocation beim Vermögensverwalter, sieht eine veränderte Sensibilität gegenüber Risiken und erhöht das Aktien-Exposure selektiv. Im Fokus: KI-Infrastruktur, US-Aktien und Schwellenländer.

28.05.2026, 11:09 Uhr
Aktien | Anlagestrategie | Devisen | Obligationen | Rohstoffe

Redaktion: asc

Mehr als 80 Tage nach Beginn des Iran-Konflikts haben sich die Märkte in ein bemerkenswert zweigeteiltes Bild gefunden: Während die Anleihenmärkte ein höheres Inflationsrisiko und eine geringere geldpolitische Flexibilität eingepreist haben und die Rohstoffmärkte die Angebotsunsicherheit reflektieren, orientieren sich die Aktienmärkte weitgehend an den Fundamentaldaten der Unternehmen. «Diese Divergenz hat sich im letzten Monat zu einem prägenden Merkmal entwickelt», schreibt Nadège Dufossé, Global Head of Asset Allocation bei Candriam, in ihrem aktuellen Marktkommentar.

Der Konflikt habe die anfängliche Schockphase überwunden und sei nun von einer Abfolge wiederholter Eskalationen, teilweiser Deeskalationen und anhaltender Störungen geprägt. Die Ölpreise bleiben hoch, die Schifffahrtswege durch die Strasse von Hormus seien weiterhin nur teilweise passierbar, ein Waffenstillstand wurde angekündigt – eine dauerhafte Einigung jedoch nicht erzielt. Die Aktienmärkte reagierten dennoch nicht mehr automatisch auf jede geopolitische Schlagzeile.

Die jüngste Berichtssaison hat diese Rückbesinnung auf die Fundamentaldaten nach Einschätzung von Dufossé verstärkt. Das erste Quartal habe solide Ergebnisse und Ausblicke geliefert, am deutlichsten seien die Prognosen in den Sektoren Technologie, Energie und Grundstoffe nach oben korrigiert worden. «In der Praxis belohnen die Märkte eher Prognosesicherheit als Narrative», so die Strategin.

Spaltung im Technologiesektor

Nirgendwo werde dies deutlicher als im Technologiesektor – konkret im Bereich der KI-Infrastruktur. Die Hyperscaler dürften 2026 mehr als 700 Milliarden US-Dollar in diese Infrastruktur investieren. «Die Anleger vertrauen zunehmend lieber auf greifbare Infrastruktur als auf geopolitische Spekulationen und manipulierte Schlagzeilen», fasst Dufossé das Anlegerverhalten zusammen.

Innerhalb des Technologiesektors beobachtet Candriam eine zunehmende Differenzierung. Während Infrastruktur weiterhin Kapital anziehe, seien Teile des Software- und IT-Dienstleistungssektors deutlich weniger attraktiv. Das Aufkommen immer leistungsfähigerer KI-Agenten habe zu einer Neubewertung von SaaS- und Outsourcing-Geschäftsmodellen geführt – vor allem dort, wo Preissetzungsmacht und langfristige Margen durch Automatisierung gefährdet seien.

Selektiv besser aufgestellt seien hingegen Unternehmen aus den Bereichen Cybersicherheit, Datenschutz, Datenspeicherung, unternehmenskritische Infrastruktur und Datenverarbeitung. «Der Markt unterscheidet daher zwischen den Unternehmen, die den KI-Zyklus ermöglichen, und solchen, deren Geschäftsmodelle dadurch gestört werden könnten», schreibt Dufossé. Zusätzlich könnten potenzielle Börsengänge grosser Akteure in der zweiten Jahreshälfte Kapital in Höhe von mehreren Billionen US-Dollar mobilisieren – mit entsprechendem Liquiditätsentzug an anderen Stellen.

Wann wird der Schock makroökonomisch?

Die Reaktionsfunktion des Marktes habe sich grundlegend verändert: Anleger reagierten nicht mehr allein auf den Schock selbst, sondern auf dessen potenzielle Auswirkungen auf das wirtschaftliche Verhalten. «Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob es zu einer Eskalation kommt, sondern ob die höheren Energiepreise restriktiv genug werden, um die Gewinne, die Investitionsabsichten oder die politische Flexibilität zu beeinträchtigen», so Dufossé.

Im Basisszenario von Candriam wird allerdings keine erneute Eskalation, sondern eine allmähliche Normalisierung erwartet. Der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus dürfte sich schrittweise erholen, sodass sich die Ölpreise bis Jahresende wieder bei rund 75 US-Dollar pro Barrel einpendeln könnten. Das Hauptrisiko bleibe ein Szenario langsamerer Normalisierung, bei dem die Ölpreise bis 2027 auf einem Niveau von über 100 US-Dollar pro Barrel verharrten – in diesem Fall würde der Schock dauerhafter, inflationstreibender und wachstumsschädigender sein.

Gleichzeitig habe sich das Risiko strukturell verbreitert: Schäden an der Energieinfrastruktur in Saudi-Arabien und Katar zeigten, dass die Verwundbarkeit nicht mehr auf den Iran beschränkt sei. Auch bei Düngemitteln, Schwefel und Agrarrohstoffen werde der Druck spürbar. Die G7-Staatsanleiherenditen mit Laufzeiten von 10 Jahren und mehr erreichten zuletzt den höchsten Stand seit über zwei Jahrzehnten.

Asymmetrische regionale Folgen

Die regionalen Auswirkungen werden nach Einschätzung von Candriam zunehmend asymmetrisch. Die USA bleiben dank inländischer Energieproduktion, tieferer Kapitalmärkte, starker Bilanzen und der Dominanz von KI-bezogenen Investitionszyklen relativ abgeschirmt. Europa hingegen sei die am stärksten exponierte Industrieregion: Die Abhängigkeit von importierter Energie wirke sich direkter auf Inflation, Margen und Wachstum aus. Japan stehe mit importierter Energie und einem schwachen Yen vor ähnlichen Anfälligkeiten.

In den Schwellenländern fällt das Bild differenzierter aus. Energieimporteure leiden unter höheren Kosten, schwächerer Handelsaktivität und restriktiveren Finanzierungsbedingungen. Volkswirtschaften mit Rohstoffvorkommen, Zinsvorteilen oder strukturellen Investitionen im KI-Zyklus böten hingegen selektive Chancen.

Eingeschränkter Spielraum der Zentralbanken

Die geldpolitischen Akteure sehen sich in einem zunehmend engen Korsett. Eine weitere Lockerung durch die US-Notenbank hänge davon ab, ob die höheren Ölpreise dauerhaft in die Inflationserwartungen einfliessen. Die EZB stehe wegen der Energieabhängigkeit vor einem schwierigeren Dilemma. Bank of Japan und Reserve Bank of Australia befänden sich derweil weiterhin im Straffungsmodus – die geldpolitischen Divergenzen zwischen den Regionen verstärkten sich. «Entscheidend ist, dass die Zentralbanken nicht mehr primär auf inländische Zyklen reagieren», betont Dufossé. Die geldpolitischen Kurse würden zunehmend durch externe Energieschocks beeinflusst.

Selektive Risikoerhöhung im Portfolio

Vor diesem Hintergrund hat Candriam das Risikoengagement leicht erhöht – jedoch sehr selektiv. Im Aktiensegment wurde die Gesamtposition auf eine leichte Übergewichtung angehoben, vor allem in den USA und in den Schwellenländern. In den USA stützten höhere Prognosesicherheit der Ergebnisse und relative Energieunabhängigkeit das Engagement; der Schwerpunkt liege auf dem Technologiesektor mit den stärksten Aufwärtskorrekturen der Gewinne je Aktie.

Bei den Schwellenländern bieten laut Candriam insbesondere Korea und Taiwan ein vergleichsweise günstiges Engagement im KI-Zyklus. Europa und Japan werden weiterhin neutral beurteilt – beide Regionen seien stärker energiepreissensitiv und böten kein bedeutendes KI-Exposure.

Im festverzinslichen Bereich erhöht Candriam das Engagement in hochwertigen deutschen Staatsanleihen leicht und verlängert die Duration. Zusätzlich wird in Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern aufgestockt: Die Realrenditen seien so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr und böten ein attraktives Risiko-Rendite-Profil. Bei Investment-Grade- und Hochzinsanleihen sei hingegen weiterhin Disziplin gefragt – die Spreads blieben eng, der Markt bevorzuge Qualität und Prognosesicherheit gegenüber Beta.

Instabilität steuern statt Eskalation prognostizieren

«Das bestimmende Merkmal des aktuellen Marktumfelds ist nicht die geopolitische Volatilität an sich», resümiert Dufossé. «Es ist die veränderte Sensibilität gegenüber Risiken.» Solange die Investitionen in KI stark blieben, die Gewinnkorrekturen positiv ausfielen und die finanziellen Bedingungen überschaubar seien, dürften Aktien trotz geopolitischer Instabilität Unterstützung finden.

Entscheidend für die kommenden Monate werde weniger sein, welche Schlagzeilen kommen, sondern ob sich Unternehmensverhalten, Konsumentenvertrauen und Zentralbankpolitik aufgrund dieser Schlagzeilen verändern. «Bis dahin bleibt der Umgang mit Instabilität – und nicht die Prognose der nächsten Eskalation – die zentrale Herausforderung für die Kapitalanlage.»

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