25.06.2026, 14:41 Uhr
Japanische Aktien erleben eine Renaissance – getragen von Rekord-Aktienrückkäufen, strukturellen Governance-Reformen und dem Wiedereinstieg institutioneller sowie privater Anleger. Was die Gründe dafür sind und...
Die Weltwirtschaft wächst, Unternehmensgewinne überraschen positiv, der IWF prognostiziert für 2026 ein globales BIP-Wachstum von 3,1%. Gleichzeitig purzeln Aktien in freiem Fall – und Anleihemärkte senden Warnsignale, wie man sie zuletzt vor der Finanzkrise gesehen hat. Was steckt hinter diesem Paradox?
Auslöser des aktuellen Stressregimes ist der Iran-Krieg, der am 28. Februar 2026 begann. Seit Kriegsausbruch sind die Renditen zehnjähriger US-Treasuries um mehr als 50 Basispunkte auf rund 4,7 Prozent gestiegen; dreissigjährige US-Anleihen notierten zeitweise deutlich über 5 Prozent. Der Anstieg wird von Analysten wie Sam Lynton-Brown von BNP Paribas nicht durch Kreditsorgen, sondern durch hartnäckige Inflation, robustes Wachstum und geopolitisch getriebene Energiepreise erklärt – was staatliche Gegenmaßnahmen besonders heikel macht.
Auch in Europa hat die zehnjährige Bundesanleihe im Juni 2026 die psychologisch wichtige 3-Prozent-Marke überschritten und notiert bei rund 3,02 Prozent. Die EZB hat den Einlagenzins bereits auf 2,25% angehoben; die Geldmärkte preisen mittlerweile weitere Zinsschritte ein. Was Anfang Jahr noch als «Zinssenkungszyklus» galt, ist einem restriktiven Regime gewichen.
Das bringt die Zinsfrage erneut auf die Agenda: Die Rendite dreissigjähriger US-Staatsanleihen kletterte zeitweise auf deutlich mehr als 5 Prozent, zehnjährige Bundesanleihen übersprangen die 3-Prozent-Marke. Zugleich bleibt der Inflationsdruck in den USA erhöht.
Hinter der Indexvolatilität verbergen sich strukturelle Verschiebungen: Das erste Börsenhalbjahr 2026 war für viele Einzeltitel ein Desaster. Seit seit März erholen sich nur einige Sektoren: Energie, Hyperscaler, Speicherchips sowie KI-nahe Unternehmen. Die divergierenden Entwicklungen bei Anleihen und Aktien verdeutlichen die Unsicherheit bei der Bewertung der Auswirkungen von Handels- und Lieferkettenproblemen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Engpass an der Strasse von Hormus.
Jim Baird vom Plante Moran Financial Advisors bringt die Mechanik auf den Punkt: Anhaltend hohe Langfristrenditen legen einen «praktischen Deckel» auf die Aktienmärkte. Das Modell der relativen Bewertung – Aktien vs. Anleihen – kippt, sobald risikofreie Renditen auf 4,7 Prozent oder 5 Prozent steigen.
Paradoxerweise läuft die Realwirtschaft vergleichsweise gut. Der IWF prognostiziert im April 2026 ein globales Wachstum von 3,1 Prozent für 2026 und 3,2 Prozent für 2027. Technologieinvestitionen, KI-bezogene Nachfrage und die Anpassungsfähigkeit des privaten Sektors wirken als Gegengewicht zu den geopolitischen Schocks.
Die Marktstimmung bewegt sich im Spannungsfeld einer noch robusten Konjunktur, gestiegenem Inflationsdruck und hoher Unsicherheit durch den Iran-Konflikt und die Blockade der Strasse von Hormus. Genau diese Robustheit ist das Problem: Sie gibt den Notenbanken keinen Spielraum für Lockerungen – im Gegenteil. Laut Fed-Sitzungsprotokollen diskutieren eine wachsende Zahl von Notenbankern bereits mögliche Zinserhöhungen statt der von Trump geforderten Senkungen. Terminmärkte preisen die Möglichkeit einer Erhöhung durch die Federal Reserve noch in diesem Jahr ein.
T. Rowe Price erwartet denn auch im Anleihebereich weiterhin hohe Renditen und steilere Zinskurven, getrieben von ambitionierten Fiskalprogrammen. Die Ära der Spekulation weiche realen Ergebnissen – Bewertung, Inflation und Geopolitik blieben die zentralen Herausforderungen.
Die EZB und BaFin-Präsident Mark Branson haben in ihren jüngsten Stabilitätsberichten gleichzeitig drei Kernrisiken identifiziert, die sich auch auf die Anleger auswirken: den Ausverkauf am Staatsanleihemarkt, Private-Debt-Spannungen und KI-basierte Cyberrisiken. KI-nahe Unternehmen in den USA berichteten überwiegend positiv – allerdings basieren Teile dieser Gewinne auf nicht realisierten Gewinnen aus privaten Investitionen, deren langfristige Renditen angesichts technologischer Herausforderungen und zunehmendem Wettbewerb aus China ungewiss bleiben.
Für institutionelle Anleger aus der Schweiz ergibt sich aus dieser Gemengelage eine klare taktische Agenda:
Bei Anleihen empfehlen Analysten ein selektives Vorgehen bei der Duration – insbesondere vorsichtige US-Duration angesichts robusten Wachstums und fiskalischer Risiken. Bei Aktien wird eine ausgewogene Strategie mit Fokus auf widerstandsfähige Geschäftsmodelle und starke Bilanzen bevorzugt; defensive Sektoren wie Basiskonsumgüter und Pharma sowie selektive zyklische Titel in Industrie und Rohstoffen stehen im Vordergrund.
Ein ausgewogener Ansatz, der hochwertige Vermögenswerte mit selektiven Chancen kombiniert, über Regionen und Sektoren diversifiziert und sich auf Fundamentaldaten konzentriert, dürfte im zweiten Halbjahr 2026 laut Aberdeen der effektivste Weg sein.
Kurzlaufende Staatsanleihen aus der Eurozone – besonders aus Deutschland und der Schweiz – bieten erstmals seit Jahren attraktive reale Renditen ohne übermässiges Durationsrisiko. Die SNB-Geldpolitik bleibt der entscheidende lokale Anker: Solange der Franken als sicherer Hafen unter Aufwertungsdruck steht, sind SNB-Interventionen und damit verbunden tiefere CHF-Renditen im Vergleich zum Euroraum die wahrscheinlichere Konstellation.