Was die Indizes der Industrie und des Servicesektors verraten

Rikkert Scholten, Portfoliomanager im Global Macro-Team von Robeco.
Rikkert Scholten, Portfoliomanager im Global Macro-Team von Robeco.

Das Vertrauen in die Industrie hat sich in den letzten Monaten abgeschwächt, im Servicesektor ist es weniger stark gesunken. Anleger sollten gemäss Robeco das gesunkene Vertrauen in den Industriesektor allerdings relativ sehen.

23.10.2019, 16:45 Uhr

Redaktion: lek

Verschlechterte Daten in wichtigen Industrieländern haben viele Anleger nervös gemacht, da sie als Warnsignal für eine Rezession gedeutet werden können. Ausserdem hat die Renditekurve in den USA einen inversen Verlauf angenommen - das ist ein traditioneller Frühindikator für eine bevorstehende Konjunkturabschwächung. Rikkert Scholten, Portfoliomanager im Global Macro-Team von Robeco, ist der Meinung, dass Anleger diese Nachrichten aus dem Industriesektor allerdings relativ sehen sollten, da die Daten aus dem Dienstleistungsbereich das stärkere Signal liefern würden.

Abkühlung der Industriekonjunktur

Scholten schreibt in einer Markteinschätzung, dass eine ausgeprägte Diskrepanz zwischen den pessimistischen Daten in der Industrie und der optimistischeren Einschätzung im Dienstleistungssektor (die tendenziell die verlässlichere ist) bestehe. "In den letzten Monaten waren Anzeichen für eine laufende Abschwächung des Vertrauens in den Industrieunternehmen zu beobachten“, stellt er fest. "So hat der deutsche ifo-Index seinen niedrigsten Stand seit 2012 erreicht, der chinesische Einkaufsmanagerindex befindet sich bereits seit Dezember auf sinkenden Niveau und der vom amerikanischen Institute of Supply Management (ISM) ermittelte Index für die Stimmung in der Industrie ist im September ebenfalls zwei Punkte unter das neutrale Niveau von 50 gefallen. Die Industriekonjunktur kühlt sich global eindeutig ab. Dies weckt Zweifel an den Perspektiven der Wirtschaft insgesamt und der Aktienmärkte.“

Jedoch stimmen die Signale der Indizes laut Scholten nicht vollständig miteinander überein. Beispielsweise seien die ISM-Indexstände für die USA zurückgegangen. Sie weisen jedoch weiterhin eine Divergenz zwischen der Entwicklung in der Industrie und dem nicht produzierenden Gewerbe – also dem Servicesektor – auf.

Der Portfoliomanager schreibt, dass der Index für die Industrie auf unter 48 abgestürzt ist und auf dem niedrigsten Stand seit Juni 2009 (47,8) gelandet ist. Der Einkaufsmanagerindex für den Servicesektor ist ebenfalls gesunken, liegt aber mit einem Stand von 52,6 nach wie vor über dem neutralen Niveau von 50. Dasselbe war 2015 und 2016 zu beobachten, als das Vertrauen in der Industrie auf ähnlichem Niveau lag wie jetzt und sich der ISM-Index für das Dienstleistungssegment oberhalb des neutralen Niveaus hielt. Der Abstand zwischen den beiden Indexständen ist mittlerweile genauso gross wie im Oktober 2015.

Aus der Vergangenheit lernen

Der naheliegendste Schluss aus dieser Divergenz ist wohl der, dass der Servicebereich offensichtlich noch in besserer Verfassung als das Industriesegment ist. Allerdings sollte man sich hier fragen, welcher ISM-Index aussagekräftiger ist und welche Bedeutung das für die Aussichten riskanter Assets hat. Scholte fragt sich denn auch: "Der ISM-Index für die Industrie wird tendenziell stärker beachtet als derjenige für das Servicesegment, weil er eine längere Historie aufweist und als der aussagefähigere Frühindikator angesehen wird. Deshalb lässt jeder Rückgang des Index für die Industrie reflexartig erwarten, dass der Index für den Dienstleistungsbereich ebenfalls das Niveau von 50 unterschreitet. Doch wie valide ist diese Ansicht?"

Durch Analyse der historischen Erträge des S&P 500 Index und der Entwicklung der Bonitätsspreads von US-Investment Grade-Anleihen in früheren Phasen einer negativen Divergenz von mindestens fünf Punkten zwischen den ISM-Indizes für die Industrie und den Servicesektor hat das Team von Scholten versucht abzuschätzen, was die Entwicklung der Indizes für die Entwicklung riskanter Assets bedeutet.

Zu einer solchen negativen Divergenz kam es gemäss Scholten im zweiten Quartal 2015 und im vierten Quartal 2012. Robeco konnte insgesamt sieben solcher Phasen seit 1995 identifizieren. In diesen Phasen der Divergenz zwischen den Indizes ist bei den Aktienerträgen ein gewisser negativer Effekt erkennbar. So tendiert der durchschnittliche Ertrag des S&P 500 Index auf Jahressicht dazu, sich von 9% in den sechs Monaten vor Auftreten der Divergenz auf 1% sechs Monate nach Einsetzen der Divergenz abzukühlen. Jedoch hält Scholten fest, dass die Phase der Renditeabschwächung im Durchschnitt nur kurz anhielt. Zwölf Monate nach Beginn der Divergenz lag der durchschnittliche Ertrag im S&P 500 Index wieder bei 5%.

Der Experte erklärt seine Beobachtungen: "Ein ähnliches Muster lässt sich bei den Bonitätsspreads erkennen. In der Vergangenheit ging das Warnsignal des ISM-Index für die Industrie mit einer Ausweitung der Bonitätsspreads bei US-amerikanischen Investment Grade-Anleihen einher. Mit Ausnahme des Jahres 2008 blieb die durchschnittliche Ausweitung nach sechs Monaten jedoch auf rund 20 Basispunkte begrenzt.“

Warnsignale nicht ignorieren

Bleibt also die Frage, ob Anleger deshalb das Warnsignal des ISM-Index für die Industrie ignorieren sollten, da der Index für den Servicesektor eine bessere Lage signalisiert. "Nicht ganz“, meint Scholten. "Das produzierende Gewerbe hat nach wie vor einen erheblichen Einfluss auf die Schwankungsbreite der Konjunkturdaten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Korrektur bei den Lagerbeständen, die sich derzeit in den USA vollzieht.“

Ausserdem lassen die historischen Daten gemäss Scholten erkennen, dass diese Warnsignale des Index für die Industrie mit einer Abkühlung der Aktienerträge und einer Ausweitung der Bonitätsspreads zusammenfielen. Das optimistischere Fazit aus den historischen Daten besteht für ihn darin, dass ein Rückgang des Vertrauens in der Industrie auf das derzeitige Niveau häufig keine ähnliche Schwäche im Servicebereich nach sich zog. Zudem hielt sich in früheren Phasen die Abschwächung der Erträge riskanter Assets im Anschluss an eine Divergenz der ISM-Indizes zeitlich und dem Umfang nach in Grenzen.

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