Trotz aller Widrigkeiten: Chinas Wirtschaft erholt sich langsam

Auch wenn Chinas Wirtschaft gerade viel verkraften muss, wird sie sich im Laufe des Jahres stabilisieren. (Bild: Shutterstock.com/aphotostory)
Auch wenn Chinas Wirtschaft gerade viel verkraften muss, wird sie sich im Laufe des Jahres stabilisieren. (Bild: Shutterstock.com/aphotostory)

Zwei grosse Schockwellen gehen derzeit durch Chinas Wirtschaft: Das Coronavirus und die Folgen des Handelskrieges mit den USA. Doch in der zweiten Jahreshälfte ist Erholung in Sicht, meint Nordea Asset Management.

11.02.2020, 05:00 Uhr

Redaktion: lek

Sébastien Galy, Senior-Makrostratege bei Nordea Asset Management, erklärt in seinem Marktausblick die beiden grossen Schockwellen, die momentan Chinas Wirtschaft erschüttern: das Coronavirus und die Folgen des Handelskrieges mit den USA. Angesichts der Sterblichkeitsrate und der Ausbreitungsgeschwindigkeit im Vergleich zu früheren Viren geht er davon aus, dass die Auswirkungen des Coronavirus auf die chinesische Wirtschaft das Niveau von SARS erreichen wird. Dessen Auswirkungen lagen Schätzungen zufolge bei 1 bis 2% der Wirtschaftsleistung des Landes. Angesichts der schwierigen Datenlage könnten die Verluste sogar bei 3% gelegen haben, schätzt Galy. Durch das Coronavirus erwartet der Experte wirtschaftliche Einbussen von 1 bis 1,5%, was bei einer voraussichtlichen Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft von circa 4,7% (aktuelle offizielle Angabe: 6%) beachtlich ist. Nach anfänglichen Unsicherheiten scheint China die Situation nun recht effizient zu meistern. Im aktuellen Kontext überschwänglicher Märkte besteht jedoch die Gefahr, dass die globalen Carry-Trades fallen.

Handelskrieg prägte die Wirtschaft

Der zweite Schock, die Auswirkungen des Handelskrieges mit den USA und als Folge eine Reihe von Zöllen, welche im Januar, März, Mai, Juni und September 2019 eingeführt wurden, war für die chinesische Wirtschaft vermutlich gravierend. In vielen Berichten ist von stillgelegten Fabriken die Rede, schreibt Galy. Der Handelskrieg dürfte wie ein Querschläger durch die gesamte chinesische Wirtschaft gefahren sein und dürfte noch immer nachhallen. Dass sich dies in den Konjunkturdaten kaum widerspiegelt, ist für Galy eher überraschend. Mittlerweile haben China und die USA ein sehr einseitiges Handelsabkommen unterzeichnet und der Experte erwartet, dass China, im Zuge der wirtschaftlichen Erholung in der zweiten Jahreshälfte, beginnen wird, einen Teil der darin getroffenen Vereinbarungen wieder zurückzunehmen.

Erholung in Sicht

Galy kann in seinem Marktkommentar jedoch auch einige positive Impulse für die chinesische Wirtschaft ausmachen:

  • In der Vergangenheit haben sich Lockerungsmassnahmen, insbesondere das mächtige Instrument der Mindestreservequote, als umsichtig erwiesen. Sie dürften ihre Wirkung in 12 bis 24 Monaten entfalten. Die geldpolitischen Mechanismen sind in China tatsächlich andere, da Geldmengen dorthin umgeleitet werden können, wo die Zentralregierung sie gerade benötigt, während der Geldpreis auf den Konjunkturzyklus und die Folgen dieser zielgerichteten Aktivitäten reagiert. Es wird oft behauptet, dass grosse chinesische Unternehmen einen direkten Draht zur Regierung hätten, was bedeutet, dass die Wirtschaft in China viel schneller reagieren kann, als dies in westlichen Ländern der Fall ist.
  • Die Inflation sollte allmählich nachlassen, sobald die Schweinepest-Krise überwunden ist. In der Zwischenzeit weisen andere Subindizes einen gedämpften Inflationsdruck auf. Direkte und indirekte Konsumindikatoren deuten darauf hin, dass sich der Verbrauch stabil im mittleren bis oberen Segment hält.
  • Die Bedingungen des Phase-1-Abkommens zwischen den USA und China sind aus chinesischer Sicht sehr ungünstig und werden darum sehr wahrscheinlich nicht allzu lange gelten. Dennoch erwartet Nordea AM, dass das Abkommen positive Auswirkungen haben wird, beispielsweise durch die Rücknahme von einigen Zöllen und einer Verringerung der wirtschaftlichen Unsicherheit. Ein Teil des durch den Handelsstreit entstandenen Schadens wird aber dennoch bleiben.
  • Die chinesische Regierung erklärte, dass sie die Wirksamkeit ihrer Steuerpolitik verbessern wolle und es zudem Vorschläge für eine künftige Erweiterung geben werde.
  • Und schliesslich sollte der Aufwand für die Entschuldung chinesischer Nicht-Finanz-Unternehmen nicht unterschätzt werden. Mit dem Nachlassen der beiden genannten Wirtschaftsschocks sollte dies die Bilanzen von Finanzunternehmen entlasten.

Abschliessend erwartet Galy, dass diese Reihe von politischen Entscheidungen in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 zu einer deutlichen Belebung der Wirtschafts-Aktivitäten in China führen wird. Diese Erholung werde nicht nur dem asiatisch-pazifischen Raum zugutekommen, sondern auch Lateinamerika, Deutschland und zudem US-Wachstumswerten.

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