Im jüngsten Marktsturz ist die Unsicherheit nicht eingepreist

US-Präsident Donald Trump befindet sich bereits im Wahlkampfmodus. Geht er im Handelsstreit Kompromisse ein oder erhöht er den Einsatz? (Bild: Pixabay)
US-Präsident Donald Trump befindet sich bereits im Wahlkampfmodus. Geht er im Handelsstreit Kompromisse ein oder erhöht er den Einsatz? (Bild: Pixabay)

Letzte Woche sind infolge des eskalierenden Handelsstreits zwischen den USA und China die Aktienmärkte gefallen und die Renditen von Staatsanleihen gesunken. Benjamin Melman erläutert, warum jeder Marktrückgang potenziell eine Gelegenheit ist, um die Positionierung anzupassen.

12.08.2019, 11:20 Uhr

Redaktion: rem

Bereits am 26. Juli nahm der Abwärtsdruck auf das Britische Pfund aufgrund des erhöhten Risikos eines harten Brexits zu, nachdem hartgesottene Anti-EU-Konservative in London die Macht übernommen hatten. Kurze Zeit später, am 31. Juli, senkte die US-Notenbank Fed die Zinsen um die erwarteten 25 Basispunkte, aber das Beschlusspapier präsentierte den Schritt eher als Versicherung gegen wachsende Unsicherheiten und nicht als Beginn einer möglicherweise grösseren Bewegung zur monetären Lockerung. "Die Haltung der Fed ändert sich von proaktiv zu reaktiv, was aus unserer Sicht einen deutlichen Wandel bedeutet“, resümiert Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer Edmond de Rothschild Asset Management. "Aus diesem Grund haben wir am 1. August unsere Gewichtung in europäische Aktien reduziert und dafür unseren Cash-Anteil erhöht.“

Am selben Tag twitterte Donald Trump, dass er 10 Prozent Zoll auf chinesische Importe im Wert von 300 Milliarden Dollar erhebt. Zudem wertete die chinesische Währung ab und am 5. August wurde die Marke von sieben Renminbi (Yuan) pro US-Dollar überschritten, was innerhalb von zwei Handelstagen einem Rückgang um zwei Prozent entspricht (Stand 08.06.2019). Peking liess auch wissen, dass es die Käufe von US-Getreide eingestellt hat.

Unverständnis zwischen USA und China hat sich vertieft

Das US-Finanzministerium beschuldigte China daraufhin der Währungsmanipulation. "Tatsächlich hatte aber die chinesische Zentralbank die Interventionen am Devisenmarkt reduziert oder gestoppt, um eine Abwertung des Renminbis zu verhindern“, so Melman. Für den Experten ist klar, was die jüngsten Turbulenzen an der Börse verursacht hat: "Zweifellos wurde der grosse Ausverkauf durch neue Spannungen zwischen den USA und China ausgelöst mit ersten Auswirkungen auf die Währungsmärkte.“

Zusammenfassend lässt sich laut Melman festhalten, dass sich das Unverständnis zwischen den USA und China vertieft hat: "China scheint den breiten politischen Konsens in der US-Politik zwischen Republikanern und Demokraten über Pekings zutiefst unausgewogene und unfaire Verwendung von Handelsregeln und seinen Mangel an Respekt vor geistigem Eigentum unterschätzt zu haben“, schätzt der CIO die Lage ein. "Umgekehrt erscheint es so, dass die USA es nicht einkalkuliert haben, dass einige ihrer Forderungen als Angriff auf die chinesische Souveränität angesehen werden.“ Die schlechte Nachricht sei, dass bereits einige potenziell gefährliche Eskalationsstufen zwischen den USA und China erreicht wurden. Laut Melman – und dies ist die gute Nachricht – habe aber keines der beiden Länder ein grundlegendes Interesse an einem Konflikt. Wahrscheinlich wolle keine Seite den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, überschreiten. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist es sehr schwierig zu sagen, wie sich die Beziehungen zwischen den USA und China von nun an weiter entwickeln werden“, sagt Melman.

Chinas Vergeltung richtet sich gegen den US-Präsidenten

Chinas Vergeltung richte sich wahrscheinlich und vorsätzlich direkt gegen den US-Präsidenten, meint Melman. Er geht davon aus, dass Peking wusste, dass ein fallender Renminbi ein Beben an den Finanzmärkten auslösen würde und damit einen Bereich träfe, auf den Donald Trump ein grosses Augenmerk richtet. Ebenso würden Beschränkungen für US-Getreide republikanische Trump-Anhänger treffen – eine sensible Zielgruppe, da Trump bereits seine Wiederwahlkampagne gestartet hat. All dies könne Donald Trump ebenso leicht zum Kompromiss führen oder ihn im Gegenteil dazu bringen, den Einsatz zu erhöhen.​

Ist also das Risiko eines Währungskriegs gestiegen? Sowohl der US-Präsident als auch das US-Finanzministerium haben eine unklare Haltung gegenüber dem US-Dollar; er könnte daher als Instrument eingesetzt werden und die Märkte würden stark auf jede Entwicklung reagieren. "Im August 2015 verzeichnete der Renminbi eine Abwertung um drei Prozent, was zu einer Marktkorrektur führte, und dann atmeten die Anleger auf, als die Vereinbarung von Shanghai im Februar 2016 den Währungskonflikt beendete“, blickt Melman zurück. Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Verlangsamung und der strukturell geringen Inflation würde jeder Versuch einer Regierung, ihre Währung zu senken, als Versuch angesehen werden, ihr eigenes deflationäres Risiko zu exportieren.​

Positionierung neu anpassen

"Für Anleger ist jeder Marktrückgang potenziell eine Gelegenheit, um die Positionierung anzupassen. Dies gilt insbesondere für uns, da erstens unsere Anlageallokation im Allgemeinen immer noch konservativ ist und zweitens sich die USA und China weiterhin als widerstandsfähig erweisen, selbst wenn sich die Weltwirtschaft deutlich abschwächt“, sagt Melman. Die zunehmenden geopolitischen Spannungen, insbesondere im Hinblick auf den in den Startlöchern stehenden US-Präsidentschaftswahlkampf, trübten jedoch den Blick in die Zukunft. Jedes weitere Hochschaukeln der politischen Lage und die Gegenreaktion der anderen Seite könnten konkrete Auswirkungen haben. Der jüngste Marktsturz an sich reiche nicht aus, um zu argumentieren, dass die Unsicherheit jetzt eingepreist wurde, zumal sich die Entwicklung unberechenbar in Echtzeit bewegt. "Dennoch zeigt die unterdurchschnittliche Performance von Aktien aus Schwellenländern, dass einige Indizes jetzt wieder wertbasiert betrachtet werden können, auch wenn das kurzfristige Bild nach wie vor von Unsicherheit geprägt ist. Nachdem wir zuletzt Risiken verringert haben, belassen wir unsere Anlageallokation erst einmal unverändert und beobachten die Situation weiterhin genau“, schlussfolgert Melman.

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