Kampf gegen Klimawandel braucht vereinte Kräfte

Die Herausforderung Klimawandel erfordert die gemeinsame Anstrengung aller. (Bild: ZVG)
Die Herausforderung Klimawandel erfordert die gemeinsame Anstrengung aller. (Bild: ZVG)

Eine der grössten Herausforderungen bei der Bekämpfung des Klimawandels ist es, sich auf gemeinsame Handlungen zu einigen, meint Lucian Peppelenbos von Robeco. Um in diesem Bereich eine Wirkung in der realen Welt erzielen zu können, müsse die gemeinsame Verantwortung anerkannt werden.

03.06.2021, 10:42 Uhr

Redaktion: rem

"Bei der Bekämpfung des Klimawandels anzuerkennen, dass wir alle etwas tun müssen, und uns dann auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, ist entscheidend, um eine reale Wirkung zu entfalten", sagt Lucian Peppelenbos, Climate Strategist bei Robeco. Er meint, dass Investitionskapital zwar unverzichtbar sei, dass aber die richtigen Anreize im Finanzsektor gesetzt werden müssten, damit sich die Realwirtschaft ändern könne.

Diese Anreize müssen weit reichen. "Damit wir die Realwirtschaft dekarbonisieren können, müssen die politischen Rahmenbedingungen stimmen, die Verbraucher müssen mitziehen und die Technologie muss passen. Alle diese Puzzleteile müssen zusammenkommen. Wir als Anleger müssen unbedingt das Kapital in Richtung einer grünen, kreislauforientierten und kohlenstoffarmen Wirtschaft umschichten. Aber der Erfolg hängt davon ab, dass auch die anderen Teile im Puzzle ihren richtigen Platz einnehmen. Ich denke, das ist die eigentliche Herausforderung“, betont Peppelenbos.

Regierungen spielen entscheidende Rolle

Wie der Klimastratege weiter ausführt, spielen Regierungen eine entscheidende Rolle bei der Schaffung effektiver Anreize. Dies beginne mit der Einführung geeigneter Systeme zur Bepreisung von Kohlenstoff und zur Einbeziehung dieser Preise in wirtschaftliche Entscheidungen. Damit könnten Investoren und Verbraucher die wahren Kosten ihres Handelns einkalkulieren.

Bei der Feinabstimmung der Anreize sei noch viel zu tun. Gegenwärtig werde nur für etwa ein Fünftel der weltweiten Emissionen ein Preis erhoben, über eine Vielzahl von Systemen. "Und bei den meisten dieser Systeme werden die Emissionen unterbewertet – was bedeutet, dass die Anreize nicht wirksam auf Verhaltensänderungen hinwirken", erklärt Peppelenbos. Der gewichtete Durchschnittspreis pro Tonne Kohlenstoff liegt über die verschiedenen Systeme hinweg betrachtet bei annähernd 2,00 USD (Daten der Weltbank). Berechnungen zufolge muss dieser bis Ende 2021 auf 50 USD und bis 2030 auf 100 USD steigen, um auf den 1,5°C-Pfad zu gelangen.

In Regionen, in denen die Bepreisung anscheinend realistischer ausfällt, hat sie das Verhalten eindeutig verändert. In Europa liegt der Preis für CO2-Emissionen jetzt bei etwa 30 bis 35 Euro. "Das beschleunigt wirklich den Ausstieg aus der Kohle. Es treibt Innovation in der Industrie voran, weil kohlenstoffarme Optionen wirtschaftlich sinnvoll werden“, stellt Peppelenbos fest.

Licht für den Weg zum Wandel

Er glaubt, dass die andere wichtige Rolle der Regierungen darin besteht, langfristige Klarheit zu schaffen: "Sie müssen klare Grenzen setzen, und zwar für Emissionen und technische Standards unter Nennung konkreter Zeitpunkte in der Zukunft, damit der Markt seine Arbeit verrichten kann.“ Als Beispiel führt er an, dass die niederländische Regierung mehrere Jahre im Voraus signalisiert hat, dass ab Januar 2023 alle Gewerbeimmobilien mindestens das Energielabel "C“ haben müssen, wenn die Eigentümer die Immobilie vermieten oder verkaufen wollen. "Infolgedessen werden jetzt alle Immobilien saniert oder vom Markt genommen. Die Industrie hatte jahrelang Zeit, sich anzupassen, und der Prozess hat gut funktioniert.“

Ein weiteres Beispiel ist die Entscheidung mehrerer europäischer Länder, den Verkauf von nicht-elektrischen Fahrzeugen bis 2030 zu verbieten. Dieser Schritt hat enorme Innovationen in der Automobilindustrie ausgelöst. "Die Anreize in Kombination mit der Klarheit über den langfristigen Zeitplan erzwingen also einen Ausstieg und eine Umstellung in der Industrie. Es gibt Zeit für den Wechsel, und die Anforderungen sind vernünftig und auf die notwendigen Ziele ausgerichtet. Sie unterstützen die Akteure dabei, ihre Anstrengungen zu fokussieren und spornen zu Innovationen an“, so der Klimastratege. Anreize in Kombination mit Klarheit über die langfristige Planung würden also einen Ausstieg und eine Umstellung in der Industrie erzwingen.

Anders denken – anders konsumieren

Zu erkennen, wie unsere individuellen Entscheidungen und Handlungen die globalen Ergebnisse beeinflussen, sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin, dass wir uns alle in Richtung Umstellung bewegen. Mit dem Finger auf die Unternehmen zu zeigen, die kohlenstoffemittierende Produkte herstellen, sei einfach – wir müssten aber auch darüber nachdenken, welchen Einfluss das Verhalten der Verbraucher spielt.

"Wir haben uns lange Zeit auf die Erdöl- und Erdgasindustrie konzentriert und sie für die Klimaprobleme verantwortlich gemacht. Und ihre Rolle und Verantwortung ist ja auch gross, wir vernachlässigen aber oft, dass die Industrie in unserem Auftrag nach Öl sucht. Solange wir es für normal halten, fünfmal im Jahr in den Urlaub zu fliegen, massenhaft Fleisch zu essen und Kleidung nach ein paar Monaten wegzuwerfen, macht unser Verhalten einen grossen Teil des Problems aus“, mahnt Peppelenbos.

Damit sich das alles ändere, müssten sich sowohl Angebot als auch Nachfrage ändern. "Aber ich glaube nicht an die These, dass Verbraucher ihr Verhalten ganz allein bestimmen. Es gehören immer zwei dazu. Unternehmen nehmen grossen Einfluss darauf, was sich die Verbraucher wünschen.“

Rechtliche Triebkräfte für den Wandel

Entwicklungen im Rechtssystem tragen dazu bei, den Prozess zu beschleunigen. Es gibt eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Regierungen und Unternehmen vor Gericht wegen der Auswirkungen ihres Handelns auf das Klima angeklagt werden. Erfolgreiche Klagen wurden beispielsweise bereits gegen die niederländische und die französische Regierung eingereicht, weil sie ihrer Sorgfaltspflicht gegenüber den Bürgern nicht nachgekommen sind, gegen den Klimawandel zu handeln. Peppelenbos geht davon aus, dass wenn sich diese Fälle häufen, eine Rechtsprechung entstehe, die den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft unterstützen und beschleunigen werde.

Investitionsmöglichkeiten ergeben sich parallel zum Fortschritt in der Realwirtschaft

Die Anlagechancen und -risiken werden vom Ausmass und Tempo des Fortschritts in der Realwirtschaft bestimmt. "Wir sind als Investoren zwar zukunftsorientiert und übernehmen eine Führungsrolle, indem wir dem Markt signalisieren, in welche Richtung er sich entwickeln muss. Wohin sich diese Anlagemöglichkeiten entwickeln können, wird jedoch von der Realwirtschaft begrenzt. Wir können nicht an einem Netto-Null-Portfolio arbeiten, ohne dass sich die Realwirtschaft in die gleiche Richtung bewegt“, unterstreicht Peppelenbos.

Um die Herausforderung zu meistern, alle Elemente richtig auszurichten, müssten alle Verantwortung übernehmen. Schuldzuweisungen an die Ölindustrie, die Regierungen oder das Finanzsystem mögen zwar berechtigt sein, seien aber im Moment der völlig falsche Ansatz – denn wir müssten uns alle der gleichen Herausforderung und Verantwortung stellen.

"Ausserdem können wir nicht warten, bis alle Elemente zusammengekommen sind, bevor wir uns an die Arbeit machen. Gerade jetzt muss jeder Einzelne von uns diese Rolle übernehmen. Was die Welt im Moment braucht, ist verteilte Führung“, meint Peppelenbos abschliessend.

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