Covid-19 stellt digitale Menschenrechte auf den Prüfstand

Die Menge digitaler Daten und ihre Verwendung dringt immer mehr in die Privatsphäre ein. (Bild: Shutterstock.com)
Die Menge digitaler Daten und ihre Verwendung dringt immer mehr in die Privatsphäre ein. (Bild: Shutterstock.com)

Die Menge digitaler Daten hat unvorstellbare Ausmasse erreicht. Und dies kann ernsthafte Probleme in Bezug auf Datenschutz und Menschenrechte verursachen. Dies vor allem, wenn es um sensible Gesundheitsdaten geht, die jetzt bei der Bekämpfung von Covid-19 genutzt werden.

05.06.2020, 11:07 Uhr

Redaktion: rem

Die weltweite Datenmenge wird 2020 auf ca. 40 Bio. Gigabyte oder mehr als 5'000 Gigabyte für jeden Bewohner dieses Planeten steigen – das entspricht der fünffachen Kapazität eines durchschnittlichen PCs. Wie bei allen sich rasch entwickelnden Trends bringt das Fehlen eines soliden Regulierungsrahmens neue Risiken und Chancen für alle Beteiligten mit sich. Der Datenschutz stellt für Internet- und Telekommunikationsunternehmen ein wesentliches Geschäftsrisiko dar. Die Geschäftsmodelle einiger Unternehmen basieren vollständig darauf, Daten über Verbraucher zu sammeln, zu nutzen oder zu verkaufen. Cybersicherheit und die mit Künstlicher Intelligenz (KI) verbundenen gesellschaftlichen Risiken sind deshalb Punkte, die Robeco in den Fokus stellt, wenn es um digitale Menschenrechte geht.

Privatsphäre in Gefahr

In der Corona-Krise – wie auch bei vielen anderen grundlegenden ESG-Themen – werden digitale Menschenrechte auf den Prüfstand gestellt. Einerseits könnten Apps, mit denen infizierte Personen aufgespürt werden können, Leben retten und zur Lockerung von Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie beitragen und somit der Wirtschaft helfen. Andererseits werde durch den Einsatz solcher Apps die Privatsphäre gefährdet, wenn man dabei nicht sorgfältig vorgehe, so Robeco. Manche seien vielleicht der Auffassung, dass die Privatsphäre für diesen Zweck geopfert werden sollte. AccessNow, eine führende gemeinnützige Organisation auf diesem Gebiet, vertritt allerdings die Ansicht, dass starke digitale Rechte in der Tat zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit beitragen können.

Robeco teilt diese Ansicht uneingeschränkt: Wenn digitale Rechte nicht in angemessener Weise geschützt werden, werden die Menschen Apps zum Aufspüren von Infizierten nicht freiwillig benutzen, sodass diese Apps in diesem Fall nur dann zum Erfolg führen, wenn ihre Nutzung verpflichtend vorgeschrieben wird. In vielen Ländern werde man das nicht akzeptieren, und die Regierungen dieser Länder wären somit nicht in der Lage, digitale Gesundheitstools erfolgreich einzusetzen.

Es gebe aber auch andere, weniger offensichtliche Probleme. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten Daten, die es gibt. Datenschutz ist hier von grösster Wichtigkeit. Die Auswertung von Gesundheitsdaten durch die Behörden kann erforderlich sein, um auf den massiven Ausbruch einer Infektionskrankheit zu reagieren. "Ein schlechter Umgang mit diesen Daten kann jedoch zu Misstrauen und dazu führen, dass von digitalen Gesundheitstools weniger Gebrauch gemacht wird", folgert Robeco.

Krise als Legitimation für Überwachungstools

Ein weiteres wichtiges Thema sei die Überwachung. Manche Regierungen nutzten die Krise möglicherweise, um in grossem Umfang Überwachungstools zu installieren, was als kontrovers angesehen werden könnte. Zum Beispiel spiele die Gesichtserkennung bei der Überwachung und Kontrolle der Bewegungen von Personen in der Corona-Krise bereits eine grosse Rolle. China macht hiervon Gebrauch, um Infizierte aufzuspüren und Personen zu identifizieren, die keine Masken tragen.

In Moskau nutzen die Behörden Berichten zufolge Überwachungskameras und Systeme zur Gesichtserkennung und Standortbestimmung, um Quarantäne-Vorschriften durchzusetzen und Infizierte und deren Familienangehörige aufzuspüren. "Auch wenn uns bewusst ist, dass Individualismus in westlichen Ländern einen höheren Stellenwert hat als anderswo, bringen diese Praktiken unserer Meinung nach die Gefahr einer ernsthaften Verletzung des grundlegenden Menschenrechts auf Privatsphäre mit sich – ohne klaren gesellschaftlichen Nutzen", so Robeco.

Zensur und Verbreitung falscher Informationen

IT- und Telekommunikationsunternehmen sehen sich überall auf der Welt zunehmend mit Anordnungen von Regierungen konfrontiert, die den Zugang zu ihren Diensten einschränken und Netzwerke stören wollen. Solche Störungen haben Einschränkungen des international anerkannten Rechts auf freie Meinungsäusserung, die Unterbindung des Zugangs zu Notfalldiensten, Zahlungsverkehrs- und Gesundheitsleistungen sowie die Beschränkung von Kontakten zu Familienmitgliedern und Freunden zur Folge.

Wie Robeco weiter ausführt, sind in einigen Fällen solche Anordnungen mit einem zusätzlichen Risiko von Menschenrechtsverletzungen verbunden, wenn dadurch im Vorfeld von Wahlen der freie Informationsfluss behindert wird oder wenn die Anordnungen auf bestimmte Regionen, Bezirke oder ethnische Gruppen abzielen. In der jetzigen Krise versuchen die Behörden in China, im Iran und sogar in den USA, von Journalisten und Gesundheitsexperten in den sozialen Medien verbreitete Informationen zu kontrollieren.Es werden aber auch sehr viele falsche Informationen verbreitet wie z. B., dass man die Luft anhalten sollte, um zu prüfen, ob man infiziert ist, oder die Empfehlung verschiedenster Medikamente, die als Lösung für die Corona-Pandemie angepriesen werden. Als Reaktion hierauf verweisen grosse Plattformen wie Facebook, Google und Twitter Verbraucher auf verlässliche Informationsquellen wie die Gesundheitsbehörden.

Wie Unternehmen mit den Risiken umgehen

"Wenn ein guter Regulierungsrahmen fehlt, bringen digitale Menschenrechte unserer Überzeugung nach für die Unternehmen, in die wir investieren, Risiken mit sich. Den Datenschutz, die Cybersicherheit und gesellschaftliche Auswirkungen von KI betreffende Risiken können sich sehr nachteilig auf ihr Geschäft auswirken. Daher können sich Unternehmen durch einen vorbildlichen Umgang mit diesen Themen von anderen abheben", gibt Robeco zu bedenken. "Im Rahmen unseres auf Fundamentaldaten beruhenden Investmentprozesses analysieren wir deshalb systematisch, wie Unternehmen mit diesen Themen umgehen. Um die diesbezüglichen Risiken zu bewerten, untersuchen wir nicht nur die Stärke der redaktionellen und die Informationssicherheit betreffenden Richtlinien von Unternehmen, sondern auch die Vorgehensweise und Ergebnisse, wenn es um Verstösse und Bussgelder geht. Manche Unternehmen handelten in Bezug auf diese Ergebnisse auch transparenter als andere.

Robeco verbindet diese Analyse mit anderen wesentlichen Aspekten wie der Unternehmensführung und der Personalpolitik, um die Auswirkungen auf die Werttreiber von Unternehmen in diesen Sektoren zu beurteilen. Risiken in Bezug auf den Datenschutz und die Cybersicherheit sowie gesellschaftliche Risiken mit Blick auf KI liessen sich hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umsatzerlöse und Kostenfaktoren oft nur schwer quantifizieren. Auf Basis der hauseigenen Analyse passt Robeco daher in erster Linie die Zahl für die Kapitalkosten eines Unternehmens an, um einen Schätzwert für Reputationsrisiken, rechtliche und geschäftliche Risiken zu bekommen.

Aktive Einflussnahme auf Unternehmen

Bei der Investmentanalyse und der aktiven Einflussnahme auf Unternehmen konzentriert sich Robeco auf unmittelbar bevorstehende Risiken und Herausforderungen wie Diskriminierung oder Datenschutzverstösse infolge des Aufbaus von Algorithmen. "Wir schauen auch auf die Effektivität der Unternehmensführung in Bezug auf digitale Menschenrechte und ihre Auswirkungen auf das Humankapital, aber auch auf die Chancen, die KI bietet. Alle diese Aspekte sind für den finanziellen Erfolg eines Unternehmens von wesentlicher Bedeutung."

Robeco bittet zudem Unternehmen, entsprechende Kenntnisse auf Vorstandsebene zu erwerben und belastbare Richtlinien und Prozesse festzulegen, die in der zunehmend digitalisierten Welt für die Einhaltung von Menschenrechten sorgen. Entsprechend wird auch Transparenz eingefordert, wenn Probleme oder Verstösse festgestellt werden. "Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Natürlich ist eine App, die helfen könnte, Covid-19-Fälle aufzuspüren und die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, eine gute Idee. Ihr Erfolg hängt aber davon ab, wie gut die Menschenrechte geschützt werden", so Robeco.

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