CS-Chef Gottstein erwartet ein "angespanntes" nächstes Jahr

Vermögende Privatkunden sind das Zielpublikum der Credit Suisse. Für Zukäufe konzentriert sich CEO Thomas Gottstein eher auf den Heimmarkt. (Bild: zvg)
Vermögende Privatkunden sind das Zielpublikum der Credit Suisse. Für Zukäufe konzentriert sich CEO Thomas Gottstein eher auf den Heimmarkt. (Bild: zvg)

Weniger zuversichtlich als Fed-Dallas-Chef Robert Kaplan (vgl. separaten Beitrag) zeigt sich der CEO von Credit Suisse. Thomas Gottstein rechnet im nächsten Jahr aufgrund der Covid-19-Folgen mit weiteren Schwierigkeiten für die Bankenbranche, sieht den Standort Schweiz aber im Vorteil.

11.11.2020, 11:57 Uhr

Redaktion: hf

Während sich der Chef der Federal Reserve Bank of Dallas, Robert Kaplan, an der virtuell durchgeführten Bloomberg-Veranstaltung "Future of Finance" allgemein zur Konjunktur äusserte (siehe separater Beitrag), äusserte sich CS-CEO Thomas Gottstein zur Zukunft des europäischen Bankensektors. Dieser sollte sich wegen der anhaltenden Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ein "angespanntes" Jahr 2021 einstellen, auch wenn inzwischen die Bewältigung der Krise ein bisschen vorhersehbarer, aber immer noch labil sei. Mit dem Thema Homeoffice sei die Schweizer Grossbank jedoch wie ihre Konkurrenten gut klargekommen.

Die Credit Suisse hat im dritten Quartal in Schlüsselbereichen die Schätzungen der Analysten verfehlt, wobei das Nettoergebnis durch das internationale Wealth Management und die Schweizer Bereiche gedrückt wurde. Hingegen meldeten die Konkurrenten UBS und Julius Bär bessere Gewinne als erwartet. Da die Einnahmen aus dem Privatbankengeschäft angesichts niedrigerer Zinsen unter Druck stehen, konzentriert sich die Credit Suisse auf eine Ausweitung des Kreditgeschäfts und auf Transaktionen mit ihren reichsten und geschäftstüchtigsten Kunden.

Konsolidierungsdruck hält an

Gottstein meinte, negative Zinssätze würden die Banken in Europa weiterhin unter Konsolidierungsdruck setzen, da die Nettozinsen 50% bis 60% der Erträge ausmachten, wie er an der Bloomberg-Konferenz ausführte. Die Auswirkungen der Pandemie hätten die Kunden der Credit Suisse dazu veranlasst, auf der Suche nach Rendite stärker digital zu arbeiten und mehr Produkte des Privatmarktes nachzufragen. Die Kunden würden auch mehr ESG-(nachhaltige)

-Produkte verlangen, vor allem in Europa.

"Wir haben eine Chance, sobald wir die Covid-19-Krise überwunden haben, da viele Private-Banking-Kunden umfassende Lösungen rund um ESG wünschen", sagte er. Die europäischen Private-Banking-Kunden fühlten sich auf den privaten Märkten und im ESG-Bereich unterversorgt.

Die Augen offen halten

Die Credit Suisse peilt im Geschäft mit vermögenden Privatkunden Übernahmen an. "Unsere Strategie basiert in erster Linie auf organischem Wachstum und nicht auf anorganischem Wachstum", sagte Gottstein an der Konferenz. "Eine Konsolidierung ist notwendig und wird stattfinden." Dem fügte Gottstein an, dass Fusionen eher im Inland als grenzüberschreitend stattfinden würden. Die Credit Suisse habe eine
gute Basis, um organisch zu wachsen, werde aber immer offen bleiben, um nach Möglichkeiten zu suchen, besonders im Private Banking. Im Wealth Management sei die CS mit ihrem Fokus auf sehr vermögende Privatkunden und Unternehmer gut positioniert.

Die Schweiz sei als Bankenstandort von Vorteil, ging er auf einen weiteren Aspekt ein. Sie werde mehr denn je als sicherer Hafen angesehen, wie die jüngste Aufwertung des Frankens zeige. Gottstein wird der Schweizer Währung große Aufmerksamkeit widmen.
"Es wird interessant sein zu sehen, wie sich der Schweizer gegenüber dem Dollar und anderen wichtigen Währungen entwickeln wird", erklärte er und wies darauf hin, dass die Währung im dritten Quartal im Vorjahresvergleich einen Anstieg von fast 10% verzeichnete.

China-Offensive

Mit Blick auf Asien erklärte der CS-Chef, dass sich die Region Wachstumsmodus befindet, verglichen mit den defensiven Aussichten in Europa. "China ist der absolute Schlüssel für unsere globalen Pläne." Die Bank bemühe sich um Wertpapierlizenzen, stelle Kundenbetreuer ein und hoffe, von ihren Privatkunden - oft Unternehmer, die sich die öffentlichen Märkte erschliessen wollen - Investment-Banking-Geschäfte zu erhalten.

In den nächsten drei bis vier Jahren seien viele Investitionen erforderlich, aber die starke Marke der Bank in China helfe dabei. Die Herausforderung im Private Banking bestehte darin, "die Talente zu finden". Es gibt einen grossen Wettbewerb um Talente. Die Bank besitzt eine 51%ige Beteiligung an ihrem lokalen Wertpapierunternehmen, hofft aber, diese auf 100% zu erhöhen und sei "sehr aktiv" beim Verkauf von Eigen- und Fremdkapital für chinesische Unternehmen.

In Bezug auf die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie fordert Gottstein die Regierungen auf, zur Seite zu treten, das Finanzsystem seine Arbeit machen zu lassen und Teil der Lösung zu sein. Bestimmte Bereiche wie Fluggesellschaften und Flughäfen würden staatliche Unterstützung benötigen, "der Rest sollte den Märkten überlassen bleiben", betonte er.

Alle Artikel anzeigen