21.08.2026, 07:20 Uhr
Aktien aus Schwellenländern bieten nach Einschätzung von Aberdeen derzeit eine ungewöhnliche Kombination aus strukturellem Wachstum und attraktiver Bewertung. Pruksa Iamthongthong, Senior Investment Director für...
Institutionelle Investoren wetten so aggressiv wie selten zuvor auf fallende US-Aktienkurse. Mehrere unabhängige Datenquellen – von S3 Partners über Goldman Sachs bis zu den Commitments-of-Traders-Statistiken – zeigen für die vergangenen Wochen einen sprunghaften Anstieg der Short-Positionierung.
Bulle oder Bär: Wer hat angesichts der rekordhohen Preisen an den US-Aktienmärkten die stärkeren Nerven. Sicher ist nur, dass die Short-Positionen sprunghaft zunehmen. Die Bandbreite an Erklärungen reicht von reiner Absicherung bis zu einer offenen Wette auf das Platzen der KI-Blase. Für institutionelle Anleger stellt sich damit die Frage, ob die hohe Shortquote ein Warnsignal ist – oder selbst zum Risikofaktor für eine Rally wird.
Zunächst die Fakten: Der Datenanbieter S3 Partners bezifferte das Short-Interest über sämtliche S&P-500-Titel Mitte Juli auf rund 3,7 Prozent des frei handelbaren Streubesitzes (Free Float) – der höchste Wert, seit die Firma 2010 mit der Erhebung begonnen hat.
Zum Vergleich: Auf Basis der Marktkapitalisierung lag der bisherige Höchststand beim mittleren S&P-500-Titel gemäss einer Analyse von Goldman Sachs während der Finanzkrise 2008 bei rund 3,8 Prozent. Goldman selbst hatte bereits im Frühsommer auf einen historischen Vergleichswert hingewiesen: Das mittlere Short-Interest im Index habe mit 3,0 bis 3,2 Prozent der Marktkapitalisierung das höchste Niveau seit Ende 2011 erreicht.
Auch die Breite der Bewegung fällt auf. Eine Auswertung der grössten 1'000 US-Titel über einen Dreimonatszeitraum ergab, dass bei 64 Prozent der Werte die Short-Positionen zunahmen; die aggregierte Shortquote über den Index stieg dabei um 9,8 Prozent respektive knapp 1,4 Milliarden Aktien. Bemerkenswert: Besonders klassische defensive Sektoren wie Versorger, Gesundheit und Basiskonsumgüter verzeichneten laut Goldman Short-Interest-Werte auf 30-Jahres-Hochs – ein Hinweis darauf, dass es sich weniger um punktuelle Einzelwetten als um eine breit angelegte, makroökonomisch motivierte Vorsichtsposition handelt.
Die jüngsten Daten aus den Commitments-of-Traders-Statistiken, die Anfang dieser Woche kursierten, zeigen bei Hedgefonds und Asset Managern eine Netto-Shortposition von schätzungsweise 16 bis 20 Milliarden US-Dollar gegen Nasdaq-100-Futures – nahe einem Rekordwert. Bemerkenswert ist der Kontrast zu den Firmeninsidern, deren Kaufaktivität sich laut Marktbeobachtern auf einem 15-Jahres-Hoch bewegt. Diese Divergenz zwischen institutioneller Skepsis und Insider-Optimismus wird von Marktstrategen unterschiedlich gedeutet: Während die einen darin eine berechtigte Vorsicht angesichts ambitionierter KI-Bewertungen sehen, warnen andere, dass sich die Shortpositionen bei einer weiteren Rally selbst zum Beschleuniger entwickeln könnten.
Konkret unter Druck stehen Halbleiter- und Speicherchip-Werte sowie Software-Titel. Hedgefonds sollen laut Berichten allein im Softwaresegment im laufenden Jahr rund 24 Milliarden US-Dollar an Shortgewinnen realisiert haben, während die Marktkapitalisierung der Branche um rund 1 Billion US-Dollar schrumpfte. Prominentester Einzelfall bleibt der Investor Michael Burry, der seine Short-Wetten gegen Oracle, Palantir, Nvidia und zuletzt auch gegen Micron und den Cloud-Anbieter Nebius ausgebaut hat. Burry begründet seine Position unter anderem mit einer aus seiner Sicht zu niedrig ausgewiesenen Abschreibung auf KI-Infrastruktur bei Grosskonzernen wie Oracle und Meta.
Die monatliche Fund-Manager-Umfrage von Bank of America liefert ein differenziertes Bild: Zwar stufen 82 Prozent der befragten Fondsmanager Halbleiterwerte inzwischen als den am stärksten überlaufenen Trade («most crowded trade») ein. Gleichzeitig hat sich der Anteil jener, die eine KI-Blase als grösstes Tail-Risiko für die Märkte bezeichnen, binnen eines Monats von 28 auf fast 50 Prozent nahezu verdoppelt. Dennoch bauten dieselben Investoren ihre Aktienquote gemäss der Erhebung gleichzeitig auf den höchsten Stand seit Dezember 2024 aus – ein Indiz dafür, dass Absicherung und Risikoappetit derzeit parallel zunehmen, statt sich gegenseitig auszuschliessen.
Zu den bekannteren Bären zählen auch der Investor Jeremy Grantham, der einen Kursrückgang von bis zu 50 Prozent für «historisch nicht aussergewöhnlich» hält, sowie JPMorgan-Chef Jamie Dimon, der vor einem Rückgang des Gewinnwachstums im S&P 500 von 12 auf 0 Prozent gewarnt und aktuelle Bewertungen als «ziemlich hoch» bezeichnet hat. S3-Partners-Managing-Partner Ihor Dusaniwsky nennt gegenüber Business Insider drei Treiber des Anstiegs: die reine Wertsteigerung bestehender Shortpositionen durch die anhaltende Kursrally, einen generellen Anstieg der Hedgefonds-Hebelwirkung auf Long- wie auf Short-Seite sowie schlicht die wachsende Zahl an Investoren, die auf eine Korrektur setzen.
Aus Sicht der Fachliteratur zur Marktmikrostruktur ist ein hohes Short-Interest ein zweischneidiges Signal. Einerseits gilt eine steigende Shortquote traditionell als Ausdruck fundamentaler Skepsis professioneller Investoren und kann – etwa in Verbindung mit sinkendem institutionellem Anteilsbesitz – auf reale Bewertungsrisiken hindeuten.
Andererseits schafft eine stark konzentrierte Shortpositionierung laut akademischen Untersuchungen zur Häufigkeit von Short Squeezes (unter anderem eine Studie von Forschenden der University of Pennsylvania und der Bocconi-Universität sowie eine Arbeit der Mendel-Universität Brno) genau jene Voraussetzungen, unter denen ein positiver Kursimpuls eine selbstverstärkende Eindeckungsdynamik auslösen kann: Steigt der Kurs eines stark geshorteten Titels rasch, sind Leerverkäufer gezwungen, ihre Position durch Rückkäufe zu schliessen – was den Kursanstieg zusätzlich befeuert. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Squeeze steigt gemäss dieser Forschung mit der Höhe des Short-Interests und der Marktaufmerksamkeit, während eine breite institutionelle Eigentümerbasis stabilisierend wirkt.
Goldman Sachs selbst hat die aktuelle Konstellation bereits im Frühjahr als «gefährlichen Cocktail» für ein solches Rechtsrisiko («right tail risk») bezeichnet, nachdem Hedgefonds ihre Makro-Absicherungen über Indizes und ETF zwischenzeitlich im schnellsten Tempo seit vier Monaten reduziert hatten. Für Schweizer institutionelle Anleger, die ihre US-Aktienquote im Rahmen der taktischen Allokation überprüfen, ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild: Die hohe Shortpositionierung bestätigt zwar die verbreitete Sorge vor überzogenen KI-Bewertungen, insbesondere im Halbleiter- und Speicherchip-Segment. Gleichzeitig erhöht genau diese Konzentration das Risiko einer scharfen Gegenbewegung, sollte sich die Stimmung – etwa durch überraschend robuste Quartalszahlen der Hyperscaler – rasch drehen. Ob die «Bären» am Ende recht behalten, bleibt damit auch in den kommenden Wochen eine offene Frage, deren Beantwortung die Märkte selbst liefern werden.