Öl beruhigt sich, Inflation bleibt zäh: Was das für Obligationen-Anleger heisst

Der Ölpreis hat seinen Kriegsaufschlag praktisch komplett abgebaut – trotzdem bleibt die Teuerung in den USA und in der Eurozone hartnäckiger als erhofft. Für Anleger im Fixed-Income-Bereich bedeutet das: Die grosse Zinssenkungsphase ist vorerst vertagt.

06.07.2026, 06:40 Uhr
Anlagestrategie | Obligationen | Rohstoffe

Redaktion: asc

Zuerst der nüchterne Blick auf die Zahlen: Nach der Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar war die Strasse von Hormus wochenlang praktisch blockiert, Brent-Rohöl schoss in der Spitze auf rund 119 US-Dollar je Barrel. Mittlerweile hat sich das Bild deutlich entspannt: Brent notiert aktuell bei rund 72 US-Dollar, WTI bei etwa 68 bis 69 US-Dollar – Niveaus, die zuletzt vor Kriegsbeginn zu beobachten waren.

Saudi-Arabische Exporte sind auf rund 90 Prozent des Vorkriegsniveaus zurückgekehrt, auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Ausfuhren normalisiert. Ein vorläufiges Waffenruheabkommen zwischen den USA und dem Iran stützt die Beruhigung, auch wenn zentrale Streitpunkte – etwa das iranische Atomprogramm sowie künftige Transitgebühren für die Strasse von Hormus – ungelöst bleiben. Die Gespräche in Doha sollen Mitte Juli weitergehen.

Für die Inflationsdynamik ist das relevant: Ein Ölpreis im Bereich von 65 bis 75 US-Dollar wirkt eher disinflationär, während strukturell hohe Preise über 90 bis 100 US-Dollar historisch Zweitrundeneffekte über Energie-, Transport- und Lebensmittelpreise ausgelöst haben. Das Risiko eines erneuten Angebotsschocks bleibt jedoch bestehen, solange die Waffenruhe fragil ist.

Zusätzlichen disinflationären Druck liefert das jüngste OPEC+-Signal: Am Sonntag, 5. Juli, hat die Kerngruppe des Ölkartetts – Saudi-Arabien, Russland, Irak, Kuwait, Algerien, Kasachstan und Oman – beschlossen, die gemeinsame Fördermenge ab August um weitere 188'000 Barrel pro Tag zu erhöhen, nach ähnlichen Schritten im Juni und Juli. Die Erhöhungen standen in den vergangenen Monaten wegen der kriegsbedingten Blockade der Strasse von Hormus grösstenteils nur auf dem Papier: Die OPEC+-Fördermenge war von rund 43 Millionen Barrel pro Tag im Februar auf lediglich 33 Millionen im Mai eingebrochen.

Mit der schrittweisen Wiederöffnung von Hormus und der Normalisierung der saudischen und emiratischen Exporte dürfte nun aber tatsächlich mehr physisches Angebot an den Markt kommen – ein Faktor, der die Ölpreise strukturell eher unten hält, selbst wenn die geopolitische Risikoprämie durch die ungelöste Frage des iranischen Atomprogramms bestehen bleibt. Innerhalb der OPEC+ zeigen sich dabei auch Spannungen: Der Irak signalisiert Unmut über seine Förderquote, die Vereinigten Arabischen Emirate haben die Allianz bereits im April verlassen.

Drei Zentralbanken, drei Geschwindigkeiten

Die grossen Notenbanken reagieren derzeit sehr unterschiedlich auf das Zusammenspiel aus Energiepreisschock und dessen Abklingen:

In den USA bleibt die Teuerung hartnäckig: Der Konsumentenpreisindex lag im Mai bei 4,2 Prozent, der höchste Stand seit April 2023. Die Fed unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh hat den Leitzins am 17. Juni zum vierten Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen – einstimmig und ohne Forward Guidance. Gleichzeitig wurde die PCE-Inflationsprognose für 2026 von 2,7 auf 3,6 Prozent angehoben, der Dot Plot deutet nun eher auf eine Zinserhöhung als auf eine Senkung hin. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bewegt sich entsprechend bei rund 4,4 bis 4,5 Prozent.

Die Eurozone hat am 11. Juni überraschend die erste Zinserhöhung seit 2023 beschlossen: Der Einlagensatz stieg um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent, begründet mit dem Inflationsdruck durch den Nahost-Konflikt. Die Jahresteuerung lag im Juni bei 2,8 Prozent – nach 3,2 Prozent im Mai bereits deutlich rückläufig, aber immer noch über dem Zwei-Prozent-Ziel. Die EZB-Projektion sieht die Durchschnittsinflation 2026 bei 3,0 Prozent, 2027 bei 2,3 Prozent und erst 2028 wieder bei 2,0 Prozent. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen notiert bei rund 3,1 Prozent. Die nächste EZB-Sitzung findet am 23. Juli statt, mindestens ein weiterer Zinsschritt wird vom Markt eingepreist.

Die Schweiz bleibt demgegenüber die Ausnahme: Die Jahresteuerung lag im Juni bei lediglich 0,5 Prozent, die Kerninflation ohne Energie und Frischprodukte bei 0,3 Prozent – praktisch unverändert gegenüber den Vormonaten. Die SNB hat den Leitzins zum vierten Mal in Folge bei 0 Prozent belassen und signalisiert keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Der starke Franken wirkt weiterhin als Puffer gegen importierte Inflation, gleichzeitig bekräftigt SNB-Präsident Martin Schlegel die Bereitschaft, bei einer zu raschen Aufwertung des Frankens am Devisenmarkt zu intervenieren. Die Rendite zehnjähriger Bundesobligationen bewegt sich im Bereich von 0,25 bis 0,4 Prozent.

Was das für Obligationen-Anleger bedeutet

Für den Fixed-Income-Bereich ergeben sich aus diesem Bild mehrere Fragen, die für institutionelle wie private Anleger derzeit im Vordergrund stehen dürften:

  • Erstens bleibt die Zinsdivergenz zwischen den Währungsräumen ausgeprägt. Während in Franken die Renditen am kurzen wie am langen Ende extrem tief bleiben und die SNB kaum Spielraum für weitere Lockerung hat, bewegen sich US-Dollar- und Euro-Obligationen in einem Umfeld, in dem die Notenbanken eher zu einer weiteren Straffung als zu Zinssenkungen tendieren. Das spricht für eine bewusste Steuerung der Durationspositionierung: In Dollar und Euro könnte eine kürzere Duration angezeigt sein, solange der Inflationsausblick nach oben gerichtet bleibt, während in Franken das tiefe Renditeniveau selbst bei längeren Laufzeiten kaum zusätzliche Risikoprämie bietet.
  • Zweitens bleibt der Franken-Bondmarkt trotz mickriger Nominalrenditen für konservative institutionelle Anleger – Pensionskassen, Versicherer – ein Stabilitätsanker, gerade weil die Inflation hier strukturell tief bleibt und die Realrendite dadurch weniger negativ ausfällt, als es die Nominalzahl suggeriert.
  • Drittens bleibt das Ölpreisrisiko asymmetrisch: Sollte die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran scheitern oder die Strasse von Hormus erneut eingeschränkt werden, könnten die Inflationserwartungen in den USA und in Europa rasch wieder anziehen – mit entsprechendem Aufwärtsdruck auf die Renditen langlaufender Staatsanleihen. Anleger mit Fremdwährungsanleihen sollten dieses Tail-Risiko im Portfolio berücksichtigen, etwa über eine gestaffelte Fälligkeitsstruktur oder inflationsgeschützte Anleihen.
  • Viertens dürfte sich die Zinsdifferenz zwischen der Schweiz und dem Ausland – aktuell rund 4 Prozentpunkte gegenüber den USA und rund 2 bis 2,5 Prozentpunkte gegenüber der Eurozone – vorerst kaum verringern. Das hält den Franken tendenziell fest im sicheren Hafen und dürfte den Aufwertungsdruck auf die SNB weiter beschäftigen.

Staatsanleihen, Corporate Bonds und Linker: Wie der Markt das Risiko bereits einpreist

Der Ölpreis wirkt für Fixed-Income-Investoren derzeit vor allem als Volatilitäts- und Inflationsrisiko, weniger als bereits eskalierter Schock – entsprechend fällt die Reaktion selektiv statt panisch aus.

  • Bei Staatsanleihen zeigte sich der Übertragungsmechanismus im März bereits exemplarisch: Als Brent über 100 US-Dollar stieg, gaben globale Staatsanleihen-Indizes einen Grossteil ihrer Jahresgewinne wieder ab, die Renditen von US-Treasuries und Bundesanleihen zogen spürbar an. Für klassische Duration-Investoren bleibt die Lehre daraus simple: Bei einem erneuten Ölpreissprung wird Duration tendenziell gekürzt, kürzere Laufzeiten werden bevorzugt, und der Inflationspfad der grossen Notenbanken – Fed, EZB, SNB – rückt sofort wieder ins Zentrum der Allokationsentscheidung. Das Narrativ dahinter: Der Energiepreis wirkt als Zinshebel, weil er über den Inflationskanal die Renditeanforderungen an Staatsanleihen hochtreibt und damit die Kursrisiken bei langlaufenden Papieren verschärft.
  • Bei Corporate Bonds bleibt das Bild noch komfortabel, aber nicht mehr günstig zu haben. US-Investment-Grade-Anleihen notieren aktuell mit Spreads von rund 80 bis 100 Basispunkten über Treasuries, was Gesamtrenditen von etwa 5,2 bis 5,4 Prozent ergibt. High-Yield-Anleihen weisen Spreads von rund 300 bis 350 Basispunkten auf, entsprechend Renditen von rund 7,5 bis 8,0 Prozent. Das ist historisch betrachtet ein enges, aber noch kein Stressniveau – zum Vergleich: Ab etwa 500 Basispunkten bei High Yield sprechen Marktteilnehmer von einer eigentlichen Distress-Zone. Konzeptionell gilt: Steigende Ölpreise erhöhen die Inputkosten und drücken die Margen, was insbesondere bei Emittenten aus dem Energie-, Transport- und Chemiesektor rasch zu einer Spread-Ausweitung führen kann. Sinkende Ölpreise – wie derzeit zu beobachten – wirken umgekehrt stabilisierend auf die Cashflows und stützen selektiv die Corporate-Bond-Performance.
  • Eine dritte Komponente, die in der aktuellen Diskussion an Gewicht gewinnt, sind inflationsindexierte Anleihen (TIPS in den USA, Linker in Europa). Weil sich ihr Nennwert und damit der Kupon am Preisindex orientiert, werden sie von vielen Häusern explizit als Absicherung gegen energiegetriebene Inflationsschübe positioniert. In Phasen erhöhter oder volatiler Ölpreise verschieben institutionelle Anleger deshalb selektiv Teile ihrer Allokation in solche Papiere, um die reale Rendite zu stabilisieren und gleichzeitig von einem möglichen Inflationsovershoot zu profitieren – ohne das volle Durationsrisiko klassischer Nominalanleihen zu tragen.

Fazit: Kurzzeitige Entlastung

Für europäische und Schweizer Investoren lässt sich daraus ein pragmatisches Grundmuster für die Portfoliosteuerung ableiten: nominale Staatsanleihen zur Feinsteuerung der Duration, inflationsindexierte Papiere als Schutzschirm gegen einen erneuten Energiepreisschub, und selektive Unternehmensanleihen als Ertragskomponente – mit besonderem Augenmerk auf Emittenten ausserhalb der besonders ölsensitiven Sektoren.

Der Rückgang des Ölpreises auf das Vorkriegsniveau nimmt also kurzfristig Druck von der globalen Inflationsdynamik. Doch die Notenbanken in den USA und in der Eurozone haben ihre Inflationsprognosen für 2026 und 2027 bereits nach oben angepasst und signalisieren eher eine straffere als eine lockerere Geldpolitik. Für Obligationen-Anleger bleibt das Umfeld damit selektiv: Kurzfristig verwaltbare Zinsrisiken bei Fremdwährungsanleihen, ein Stabilitätsbonus für Frankenanlagen – und ein wachsames Auge auf die Entwicklung an der Strasse von Hormus, wo sich die nächste Volatilitätswelle am schnellsten entzünden könnte.

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