Edmond de Rothschild AM: Selektive Stagflation und vier Supercycles prägen das zweite Halbjahr

Das Team um Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management hat die Märkte analysiert (Bild: EDRAM)
Das Team um Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management hat die Märkte analysiert (Bild: EDRAM)

Edmond de Rothschild Asset Management hat ihren Anlageausblick für das zweite Halbjahr 2026 veröffentlicht. Im Zentrum der Analyse steht das Bild einer Weltwirtschaft, die sich zunehmend in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegt – mit dem Risiko einer selektiven Stagflation in mehreren Regionen.

09.07.2026, 09:22 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer, und Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management (EDRAM), sehen die grossen Industrienationen in eine komplexere Phase eintreten. Nach Jahren rückläufiger Inflation zeichnet sich nun eine Verlangsamung des Wachstums bei gleichzeitig wieder steigendem Preisdruck ab. Als Hauptrisiko gilt dabei nicht eine Rezession, sondern eine selektive Stagflation mit stark divergierenden Verläufen.

  • China, die Eurozone und – in etwas geringerem Ausmass – Grossbritannien weisen laut den Autoren zunehmend stagflationäre Merkmale auf: rückläufiges Wachstum bei steigenden Inflationserwartungen. Als Treiber nennen sie eine Reihe von Angebotsschocks, angefangen bei der Energieversorgung. Trotz Hoffnungen auf eine Normalisierung im Nahen Osten preisen die Märkte demnach nur eine allmähliche Beruhigung der Schifffahrt durch die Strasse von Hormuz ein. China habe durch rückläufige Ölimporte zwar zur Preisstabilisierung beigetragen, dies jedoch auf Kosten einer teilweisen Nachfragezerstörung und eines deutlichen Abbaus der eigenen Reserven.
  • Die Vereinigten Staaten heben sich demgegenüber deutlich ab: Das Wachstum liegt bei rund 3 Prozent, getragen von robuster privater Nachfrage und einem kräftigen Investitionszyklus im Bereich künstliche Intelligenz. Die grossen «Hyperscaler» planen für 2026 Investitionsausgaben von knapp 757 Milliarden US-Dollar, für 2027 werden bereits rund 920 Milliarden US-Dollar erwartet. Der robuste US-Konsum stützt sich laut den Autoren allerdings stark auf die vermögendsten Haushalte: Die obersten 10 Prozent der Haushalte zeichnen für knapp die Hälfte des gesamten Konsums verantwortlich, was die Konjunktur anfällig für Vermögenseffekte im Falle einer Marktkorrektur macht.

«Chipflation» und das Archipel der Abhängigkeiten

Die Autoren beschreiben das Ende der «Friedensdividende» aus globalisierten Lieferketten und günstiger Energie. An deren Stelle trete eine wachsende Konzentration kritischer Ressourcen auf wenige Akteure. So produziere ein einziges Unternehmen, TSMC, über 90 Prozent der fortschrittlichsten Halbleiter weltweit, während China für knapp 70 Prozent der globalen Seltene-Erden-Produktion verantwortlich zeichne.

Auch Strom werde zunehmend zur knappen Ressource: Die Lieferzeiten für elektrische Transformatoren in den USA seien von 12 bis 16 Wochen vor der Pandemie auf mittlerweile durchschnittlich 128 Wochen gestiegen. Hinzu kämen Engpässe bei Fachkräften – in den USA wird laut dem Bericht ein Mangel von rund 300’000 Elektrikern innerhalb der kommenden zehn Jahre erwartet – sowie beim Wasser, da rund 43 Prozent der weltweiten Rechenzentren in Regionen mit hohem Wasserstress liegen.

Fed unter Kevin Warsh: Kurswechsel Richtung Preisstabilität

Mit dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh vollzieht die US-Notenbank laut dem Bericht eine deutliche Kurskorrektur. Ohne explizite Forward Guidance und ohne akkommodierende Tendenz stelle Warsh die Preisstabilität in den Vordergrund, ohne das Vollbeschäftigungsziel ausdrücklich zu erwähnen. Da die Inflation für 2026 und 2027 weiterhin deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent projiziert wird, schliessen die Autoren ein bis zwei Zinserhöhungen bis März 2027 nicht aus – auch wenn die Befürworter einer weiteren Straffung innerhalb des Gremiums in der Minderheit bleiben. Strukturell rechnet EDRAM mit einer dauerhaft höheren Terminprämie, vergleichbar mit einer Rückkehr zum Ansatz der Greenspan-Ära.

Anlagestrategie: Ultim-Ansatz mit drei Bausteinen

Als zentrales Element der Portfoliokonstruktion nennen die Autoren die sogenannte Ultim-Strategie mit drei Funktionen: Wachstumswerte für den langfristigen Vermögensaufbau (Aktien mit Bezug zu Big Data und KI, wirtschaftlicher Resilienz und industrieller Souveränität, europäische Nebenwerte sowie der Gesundheitssektor), Reserveanlagen wie Cash und Absicherungsinstrumente zur Wahrung der Flexibilität sowie festverzinsliche Anlagen und Carry-Strategien zur Vereinnahmung der Zeitprämie.

Fixed Income: Ende der einfachen Beta-Erträge

Alain Krief, Head of Fixed Income, sieht das globale Kreditumfeld im zweiten Halbjahr 2026 von einer Divergenz zwischen Fed und EZB geprägt. Während die Fed von ihren März-Prognosen für Zinssenkungen abgerückt sei, stehe die EZB nach der Zinssenkung auf 2 Prozent im Jahr 2025 nun vor neu aufkeimenden energiebedingten Inflationsrisiken. Angesichts hoher kurzfristiger Zinsen auf beiden Seiten des Atlantiks favorisiert Krief kurze Duration gegenüber einer Verlängerung.

Die Kreditrisikoprämien seien im ersten Halbjahr trotz geopolitischer Schocks bemerkenswert stabil geblieben – die US-Spreads bei High Yield liegen laut dem Bericht bei rund 266 Basispunkten, dem tiefsten Stand seit 25 Jahren. Da die Bewertungen kaum noch Spielraum für negative Überraschungen liessen, werde die Performance im zweiten Halbjahr primär aus dem Carry und nicht mehr aus einer weiteren Spread-Kompression stammen. Als bevorzugte Segmente nennt Krief kurzlaufende Unternehmensanleihen (2 bis 5 Jahre), nachrangige Unternehmensanleihen von Investment-Grade-Emittenten («Corporate Hybrids»), AT1- und Tier-2-Anleihen europäischer Banken sowie selektiv Anleihen mit «Single-B»-Rating und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern.

Europäische Aktien: Vier Investitions-Supercycles

Caroline Gauthier, Co-Head of Equities, verweist auf eine deutliche Outperformance europäischer Aktien mit rund 10 Prozent Rendite im ersten Halbjahr trotz des Nahost-Konflikts. Als Treiber identifiziert sie vier parallele Investitionszyklen: künstliche Intelligenz (mit europäischen Profiteuren wie ASML, Besi, Prysmian und Schneider), Elektrifizierung (mit einem geschätzten Investitionsbedarf von über 1'200 Milliarden Euro bis 2040 für die Netzinfrastruktur), Infrastruktur (unter anderem angetrieben durch Deutschlands 500 Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm über zwölf Jahre) sowie Verteidigung (mit Ausgaben von potenziell 3 bis 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts). Gauthier verweist zudem auf die «Mission Europa»-Strategie des Hauses sowie auf europäische Nebenwerte als besonders aussichtsreiches Anlagesegment.

Internationale Aktien: Verschiebt sich der Schwerpunkt weg von Halbleitern?

Xiadong Bao, Portfolio Manager International Equities, analysiert die Marktdynamik rund um künstliche Intelligenz anhand des Börsengangs von SpaceX, dessen Bewertung von 2,4 Billionen US-Dollar er als Symbol für die Bereitschaft der Anleger wertet, strategische Infrastruktur wie einen Technologiekonzern zu bewerten. Vom geschätzten globalen Nettogewinnpool von über 600 Milliarden US-Dollar im KI-Halbleitersektor 2026 entfallen laut der Analyse rund 314 Milliarden US-Dollar auf die USA, 223 Milliarden US-Dollar auf Südkorea und 47 Milliarden US-Dollar auf Taiwan, während Europa mit 14 Milliarden US-Dollar deutlich zurückliegt.

Bao sieht den bisherigen Marktfokus auf physische Kapazitäten – Halbleiter, Speicher, Energie – durch die Verbreitung agentenbasierter KI-Anwendungen möglicherweise vor einer Verschiebung stehen. Sollte sich die Monetarisierung der Token-Nutzung durchsetzen, könnte sich der Anlageschwerpunkt zunehmend auf vertikale Softwareanbieter und Dateninhaber verlagern, etwa im Gesundheitswesen. Halbleiter blieben aber das Fundament des Zyklus, so Bao – die entscheidende Frage sei, welche Akteure oberhalb dieser Infrastruktur tatsächlich in der Lage seien, Nutzung in Wert umzuwandeln.

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