"Fintechs unterschätzen fehlende Standards"

Massimo Ferrari, CEO Assetmax
Massimo Ferrari, CEO Assetmax

Massimo Ferrari konzentriert sich mit der Plattform Assetmax für unabhängige Vermögensverwalter (UVV) vorerst auf den Schweizer Markt. Was es hierzulande zu beachten gilt und ob es zu einer Konsolidierung der Fintech-Branche kommt, erzählt er im Gespräch.

26.04.2019, 11:11 Uhr

Redaktion: pem

Herr Ferrari, Assetmax kämpft wie diverse andere Fintechs um die Gunst der Schweizer Vermögensverwalter. Assetmax hat rund 45 Kunden, die rund 30 Milliarden Schweizer Franken verwalten. Ist Assetmax bereits genügend gross, um aus eigener Kraft im Markt zu bestehen?

Massimo Ferrari: Die aktuelle Anzahl Kunden ist ausreichend. Wir stehen finanziell auf einem gesunden Fundament. Eine grössere Anzahl Kunden würde es uns aber erlauben, mehr in unser Produkt zu investieren und es weiter zu verbessern. Rund 100 Kunden wären ideal, um ausreichend Ressourcen für die Weiterentwicklung zur Verfügung zu haben.

Rechnen Sie mit einer Konsolidierung der Branche in den kommenden Jahren?

Ja. Erstens wegen der Profitabilität. Es gibt heutzutage viele junge Mitbewerber im Markt, die Schwierigkeiten haben Umsatz zu erzielen – etwa wegen dem Preiskampf und sie unterschätzen wohl auch, wie viel Zeit gewisse Kunden benötigen, um Entscheide zu fällen.

Und zweitens?

Wegen der Technologie. Es gibt keine standardisierten Prozesse in der Branche. Jeder Vermögensverwalter ist einzigartig bezüglich Anlagephilosophie, Beratungsmodelle, Honorierung, Berichterstattung und so weiter. Das liegt in der Natur dieses Geschäfts und ist Teil des Wertversprechens. Somit muss eine Plattform für UVV individuell konfigurierbar sein, um alle unterschiedliche Bedürfnisse abzudecken und auch ein gewisses Mass an Sophistizierung ist ebenfalls unabdingbar. Um eine solche Plattform zu entwickeln, braucht es sehr viel spezifisches Wissen.

Wofür besonders?

Vor allem für die Programmierung der komplexen Portfolio-Management-Funktionalität. Einige junge Firmen müssen noch beweisen, dass sie das können.

Gibt es weitere Gründe, die für eine Konsolidierung sprechen?

Die fehlende Standardisierung der Schnittstellen wird wohl ebenfalls von einigen Mitbewerbern unterschätzt. Die Anbindung zu Banken, um Positionen und Transaktionen herunterzuladen, Transaktionen zu übermitteln oder um Kundeninformationen auszutauschen ist bei beinahe jeder Bank anders. Jede Plattform ist mit der Komplexität der Datenschnittstellen und dem Problem der Datenqualität konfrontiert. Das kostet viel Geld. Es wäre sinnvoller, wenn sich jede Firma auf ihre Alleinstellungsmerkmale konzentrieren könnte anstatt die gleiche Schnittstelle wie alle anderen Mitbewerber zu programmieren. In diesem Bereich würde eine Bündelung der Kräfte wertvoll sein.

Ist das Zusammengehen mit einem Mitbewerber also eine Option für Assetmax?

Ja, wir prüfen natürlich auch diesen Weg, um unsere Zielgrösse zu erreichen. Als junge Firma ist eine Fusion mit einem anderen jungen Mitbewerber bestimmt spannend. Typischerweise sind die Kultur, die Kundenbasis und die Technologie ähnlich.

Und wie steht es mit Übernahmen – etwa eines kleinen, spezialisierten Anbieters?

Das ist uns momentan finanziell zu heikel.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Assetmax mittlerweile?

Zurzeit beschäftigen wir beinahe 30 Mitarbeiter. In Zürich kümmern wir uns um Kundenprojekte. In Lugano sitzen unsere Entwickler und die Backoffice-Spezialisten. Zudem haben wir eine Partnerschaft mit Synpulse, die unser "On Boarding" unterstützt und die Kunden in Genf bedient. Eine weitere Partnerschaft unterhalten wir mit Geissbühler, Weber & Partner. Sie unterstützen uns in regulatorischen Belangen.

Wie wichtig ist es in der Schweiz alle Sprachregionen abzudecken?

Sehr wichtig. Und es reicht natürlich nicht, die Benutzeroberfläche in den offiziellen Landessprachen sowie in Englisch anzubieten. Man muss vor allem auf die lokalen Bedürfnisse eingehen und vor Ort präsent sein.

Assetmax ist schnell gewachsen in den vergangenen Jahren. Was sind die grössten Herausforderungen für die Geschäftsleitung und die Mitarbeiter, um dieses Tempo mitzugehen?

Anfang 2015 waren wir noch zu fünft. Das schnelle Wachstum hat wie wohl für jedes Start-Up diverse organisatorische und administrative Probleme mit sich gebracht. Von meinen Arbeitskollegen verlange ich überdurchschnittlichen Einsatz, Eigeninitiative und Belastbarkeit. Wir arbeiten alle eng zusammen und mit grosser Leidenschaft. Darauf bin ich sehr stolz. Wir in der Geschäftsleitung haben uns in den vergangenen Monaten auf interne Arbeitsprozesse fokussiert, um die richtige Balance zwischen effizientem Kundenservice, Produktentwicklung und Rentabilität zu finden.

Verfolgen Sie Pläne, ins Ausland zu expandieren?

Ich schaue mit Interesse auf Entwicklungen in Deutschland, UK, Hong Kong und Singapur. Aber eine internationale Expansion ist sehr teuer. Wir konzentrieren uns vorerst auf den Schweizer Markt.

Welchen Einfluss wird FIDLEG auf die Geschäftsentwicklung 2019 haben? Kommen die Preise erneut wie 2017 unter Druck, als viele UVV eine Lösung für MiFID suchten und neue Anbieter sich mit tiefen Preisen unterboten haben?

MiFID war 2017 für UVV ein Grund, um in eine IT-Plattform zu investieren. FIDLEG ist ein noch besserer Grund, dies zu tun. FIDLEG wird die Schweizer UVV-Landschaft und deren Profitabilität substanziell beeinflussen. Aber meiner Meinung nach wird der Einfluss auf die Preise kleiner sein als 2017.

Weshalb?

Damals wurden viele Fintechs gegründet, die den UVV um jeden Preis ihre Lösung verkaufen wollten. Einige dieser Firmen existieren nicht mehr. Der Markt ist reifer und stabiler geworden. Und ganz wichtig – heute sind die Preisvorstellungen vieler unserer Mitbewerber realistischer.

Alle sprechen von Digitalisierung – doch die Datenqualität bleibt eine Herausforderung – lässt sich händische Arbeit in diesem Bereich überhaupt je wegrationalisieren?

Leider nein. Wir predigen die Digitalisierung der Arbeitsprozesse, doch zu 100 Prozent ist das nicht möglich. Der Hauptgrund liegt in der fehlenden Standardisierung der Datenschnittstellen. UVV erwarten, dass eine Multi Custody Plattform…

…was ist eine Multi Custody Plattform?

Das ist eine IT-Plattform, die die elektronischen Anbindung zu mehreren Depotbanken ermöglicht, ebenso wie die Konsolidierung der Vermögenswerte.

Und UVV erwarten, dass diese…

…«plug&play» funktioniert.

Und das ist nicht möglich?

Die Datenqualität der Depotbanken ist sehr unterschiedlich und oft nicht automatisch korrigierbar, was einen manuellen Eingriff - zur Datenbereinigung und -veredlung - unvermeidbar macht.

Wieso soll in eine Plattform investiert werden, wenn dann doch händische Arbeit zu erledigen bleibt?

Trotz manueller Arbeit lohnt sich das, denn es werden auch sehr viele Prozesse automatisiert. Dazu zählen die Prüfung von Restriktionen und die Validierung von Kundendaten, um zwei Beispiele zu nennen. Zusätzlich werden Funktionalitäten angeboten, die die meisten Banken in ihren Portalen nicht zur Verfügung stellen können, wie die Berechnung der Performance-Kontribution und die kundenspezifische Anpassung der Berichterstattung.

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