30.04.2026, 21:11 Uhr
Kritische Rohstoffe sind zur tragenden Säule wirtschaftlicher und militärischer Souveränität geworden – und zu einer eigenständigen Anlageklasse. Steigende Nachfrage durch KI, Verteidigung und Energiewende...
Innert acht Wochen haben ausländische Investoren rekordverdächtige Beträge aus indischen Aktien abgezogen, die Rupie ist auf ein Allzeittief gefallen und Indien hat seinen Platz unter den Top-5-Volkswirtschaften an Grossbritannien verloren. Der Iran-Krieg ist zum schärfsten Stresstest für die Schwellenländer seit der Pandemie geworden – mit erstaunlich differenzierten Befunden.
Es ist eine Zahl, die hängenbleibt: Allein im März 2026 verkauften ausländische Portfolio-Investoren indische Aktien im Wert von 1,12 Billionen Rupien – das sind rund 12,1 Milliarden US-Dollar. Es ist die grösste monatliche Kapitalflucht aus dem indischen Aktienmarkt seit Beginn der Aufzeichnungen; damit wird der bisherige Rekord von 940 Milliarden Rupien aus dem Oktober 2024 übertroffen. Im Gesamtfiskaljahr bis März 2026 zogen ausländische Investoren über 19 Milliarden US-Dollar aus indischen Märkten ab.
Parallel dazu kollabierte die Rupie. Am 5. Mai schloss die Währung bei 95,29 zum US-Dollar, intraday war sie auf ein Allzeittief von 95,44 gefallen. Über das gesamte Fiskaljahr 2026 verlor sie 9,88 Prozent. Das ist der stärkste Jahresverlust seit 14 Jahren. Mit dieser Abwertung ist Indien laut IWF-Daten von April 2026 in der Rangliste der grössten Volkswirtschaften vom fünften auf den sechsten Platz gerutscht, überholt ausgerechnet vom kleinen Grossbritannien.
Der Auslöser ist eindeutig zu identifizieren. Indien importiert rund 85 bis 90 Prozent seines Rohölbedarfs und etwa die Hälfte seines Gasbedarfs. Als die USA und Israel Ende Februar Operation «Epic Fury» starteten und Iran in der Folge die Strasse von Hormuz blockierte, schoss Brent-Rohöl über 120 US-Dollar je Fass. Selbst nach der vorübergehenden Waffenruhe vom April handelt Brent bei rund 101 US-Dollar – ein Niveau, das Indiens externe Bilanz massiv belastet.
Die Rechnung ist linear: Jeder Anstieg des Ölpreises um 10 US-Dollar je Fass verschlechtert Indiens Leistungsbilanzdefizit um 0,4 bis 0,5 Prozent des BIP und treibt die Inflation um 20 bis 30 Basispunkte. Die Reserve Bank of India hat in ihrem letzten MPC-Protokoll die Inflationsprognose für 2026/27 auf 4,6 Prozent erhöht – nach nur 2,1 Prozent im Vorjahr.
Die indische Zentralbank hat in einem einzigen Fiskaljahr über 55 Milliarden US-Dollar an Devisenreserven aufgewendet, um die Rupie zu stabilisieren. Die Reserven sanken von 728,49 Milliarden US-Dollar im Februar auf 698,49 Milliarden Ende April – ein Aderlass von 30 Milliarden US-Dollar in zehn Wochen. Hinzu kommt eine fiskalische Reaktion: Die Regierung von Premier Modi senkte die Verbrauchssteuer auf Benzin und Diesel um zehn Rupien pro Liter, was laut Nomura einen jährlichen Fiskal-Impact von 1,65 Billionen Rupien oder 17,6 Milliarden US-Dollar bedeutet.
Washington gewährte Indien zudem temporär eine 30-Tage-Ausnahme zum Kauf russischen Erdöls. Der Pragmatismus dieser Massnahme illustriert, wie ernst die strategische Lage Neu-Delhis genommen wird.
«Das Verhalten des indischen Aktienmarkts ist an die Ölpreise gebunden, und diese hängen von der Geopolitik im Nahen Osten ab», fasst Saion Mukherjee, Aktienanalyst bei Nomura, die Lage zusammen. Macquarie wird noch deutlicher: «Für Indien hat jeder starke Anstieg der Ölpreise Auswirkungen auf das Leistungsbilanzdefizit, das Haushaltsdefizit und die Inflation – und setzt die Rupie unter Druck.»
Der vielleicht wichtigste Befund dieser zehn Wochen: Nicht alle Schwellenländer sind von dieser Welle erfasst. Eine Analyse von MSCI zeigt, dass der MSCI EM Equity Index im März um 13 Prozent einbrach und damit Developed Markets um sieben Prozent unterperformte – belastet von negativen Ölsensitivitäten und der Abwicklung überfüllter Positionen in AI- und Tech-Hardware-Titeln. Im April folgte die Gegenbewegung: nach der Waffenruhe legte der Index um 14,7 Prozent zu und holte fast den gesamten März-Drawdown auf. Allein an einem einzigen Tag, dem 8. April, sprang der Index um 5,5 Prozent – die stärkste Tagesbewegung seit 2020.
James Donald, Head of Emerging Markets bei Lazard Asset Management, plädiert deshalb für eine klare Differenzierung. Importabhängige Asien-Standorte wie Indien, China, Taiwan und Südkorea spüren den Ölschock direkt durch höhere Inflation und Währungsdruck. Lateinamerikanische Rohstoffexporteure und Malaysia profitieren hingegen von den hohen Energiepreisen. Besonders verwundbar sind Länder mit schwachen Devisenreserven – Thailand, Vietnam und die Philippinen – während Argentinien, Sri Lanka, Pakistan und die Türkei einem akuten Kapitalflucht-Risiko ausgesetzt sind.
ING-Analysten beziffern den durchschnittlichen Effekt eines 10-prozentigen Ölpreisanstiegs auf die Leistungsbilanzen der Schwellenländer auf 40 bis 60 Basispunkte. Goldman Sachs taxiert den Wachstumsverlust für Emerging Asia bei einem Sprung von 70 auf 85 US-Dollar je Fass auf rund 0,5 Prozentpunkte.
Bemerkenswert: Der MSCI EM Currency Index gab vom Februar-Hoch bis zum März-Tief lediglich 2,95 Prozent nach – deutlich weniger als die zehn Prozent während der Pandemie oder die 20 Prozent in der Finanzkrise 2008. Die Schwellenländer-Währungen haben diesmal also gemeinsam Resilienz gezeigt, auch wenn die Rupie als grosser Verlierer heraussticht.
Trotz der dramatischen Schlagzeilen halten viele institutionelle Investoren am strukturellen Bullen-Argument für Emerging Markets fest. Der MSCI EM Index hatte 2025 noch 34 Prozent zugelegt und führte die meisten Anlageklassen an. LSEG bezeichnet Schwellenländer in seiner Asset-Allokations-Studie weiterhin als «Schlüsselthema 2026» – gestützt durch das AI-getriebene Wachstum in Asien, Rohstoffvorteile und das Diversifikationsinteresse institutioneller Anleger weg von übergewichteten US-Positionen.
Franklin Templeton sieht in der Krise sogar einen strukturellen Beschleuniger: Indiens schmerzhafte Lektion zur Ölabhängigkeit dürfte den Ausbau erneuerbarer Energien forcieren. «Langfristig könnte die Krise verstärkte Investitionen in erneuerbare Energien auslösen», bestätigt auch Lazard, «allerdings braucht all das Zeit.»
Eine weitere Komponente, die für die Schweizer Vermögensverwalter-Perspektive zentral ist: Selbst Goldman Sachs hat einen negativen Ausblick für die Rupie und sieht sie in den nächsten zwölf Monaten Richtung 92 zum US-Dollar tendieren. UBS senkte die indische Wachstumsprognose für 2027 von zuvor höheren Werten auf 6,2 Prozent. Das ist – vom Schweizer Schreibtisch aus betrachtet – noch immer das stärkste Wachstum unter den grossen Volkswirtschaften. Aber es signalisiert, dass die Aufholjagd Indiens an Tempo verliert.
Für institutionelle Anleger aus der Schweiz – ob Pensionskassen, Family Offices oder unabhängige Vermögensverwalter – ergeben sich drei klare Lehren aus dem indischen Brennglas.