Machen ESG-Ratings wirklich Sinn?

Andrew Cave, Head of governance and sustainability, Baillie Gifford
Andrew Cave, Head of governance and sustainability, Baillie Gifford

Pensionsfonds und andere Investoren suchen nach einer zuverlässigen Methode, um die Leistung eines Unternehmens in Bezug auf ESG-Themen zu bewerten. Heute verfügbare ESG-Ratings seien dabei aber aus drei Gründen keine Lösung, meint Andrew Cave von Baillie Gifford.

17.09.2020, 16:39 Uhr

Redaktion: rem

"Der erste methodische Stolperstein ist die grosse Vielfalt der ESG-Themen.Wie wägen Sie beispielsweise Arbeitnehmerrechte und Umweltauswirkungen gegen Governance-Regelungen und Steuerpolitik ab", hinterfragt Andrew Cave, Head of governance and sustainability bei Baillie Gifford die Messbarkeit der Leistung eines Unternehmens in Bezug auf ESG-Themen. Wolle man solche diversen Themen in einem Rating zusammenfassen, bestehe die Gefahr, dass wichtige zugrundeliegende Details nicht sichtbar würden.

Subjektive und anfechtbare Bewertung

Die zweite Frage ist laut Cave, wie ein Unternehmen hinsichtlich des Nutzens seiner Produkte und der Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf Mensch und Umwelt beurteilt werden kann. Die Antwort werde immer subjektiv und anfechtbar sein. Rating-Agenturen neigten deshalb dazu, nur ESG-Risiken zu identifizieren. Eine ganzheitliche ESG-Analyse eines Unternehmens müsse aber auch den ESG-Nutzen berücksichtigen, also wie und was sein Kerngeschäftsmodell zur Gesellschaft beitrage.

Wie Cave weiter ausführt, ergibt sich die dritte Herausforderung aus der uneinheitlichen Berichterstattung der Unternehmen und den begrenzten Ressourcen der Rating-Anbieter im Verhältnis zur Anzahl der von ihnen abgedeckten Unternehmen. Infolgedessen werden Unternehmen oft weniger nach ihrer tatsächlichen Leistung und Wirkung eingestuft, sondern vielmehr danach, wie gut sie sich nach aussen präsentieren und ob sie die richtigen Berichtskästchen ankreuzen.

Grosse Herausforderung für Rating-Anbieter

"Um fair zu bleiben: Für die Rating-Anbieter ist die Herausforderung gross. Und sie sind sich auch darüber im Klaren, was ihre Ratings tatsächlich abdecken. Es sind Andere, die risikofokussierte ESG-Ratings als direkten Indikator für Nachhaltigkeit verwenden und aggregierte Daten nutzen, um verschiedene Investmentfonds zu 'bewerten'. Solche Ratings werden zusätzlich dadurch kompromittiert, dass keinerlei Versuch unternommen wird, die Personen oder Prozesse hinter den verschiedenen Fonds zu bewerten. Im qualitativen Geschäft des verantwortungsbewussten oder nachhaltigen Investierens wäre dies aber genauso wichtig wie die Antwort auf die Frage, wie man arbeitet", betont Cave.

Die Folgen seien dann, dass gute Unternehmen aus dem wachsenden Pool von nachhaltig investiertem Kapital ausgeschlossen werden. Anleger verlieren die Anlagerenditen, die durch Investitionen in wachsende nachhaltige Unternehmen hätten erzielt werden können. Und die Gesellschaft verliert, weil die übermässige Konzentration auf Risiken Investitionen in genau die Unternehmen abschreckt, die Teil der Lösung einer Reihe dringender sozialer und ökologischer Probleme sein können.

Folgendes sollten Anleger nach Ansicht Caves tun, wenn sie Nachhaltigkeitsüberlegungen in ihren Entscheidungsprozess einbauen wollen:

  1. Aus all den genannten Gründen die aktuellen ESG-Ratings als das nehmen, was sie sind, nämlich ESG-Risiko-Ratings.
  2. Man sollte sich klar machen, dass ESG-Risiken bestenfalls die Hälfte der Antwort sind.
  3. Man sollte das Heft selbst in die Hand nehmen und sich selbst bemühen, die besten nachhaltigen Investmentfonds zu finden.
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