18.09.2026, 05:57 Uhr
Die vergangene Woche markiert einen Wendepunkt in der globalen Geldpolitik: Erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen haben Fed, Bank of Japan und EZB im selben Monat gleichzeitig die Zinsen angehoben. Was als...
Innerhalb einer einzigen Woche haben zwei der einflussreichsten Notenbanken der Welt restriktivere Töne angeschlagen, als es die Märkte erwartet hatten. Der Effekt auf die Aktienmärkte war jedoch nicht der erwartete: Statt einer Verkaufswelle folgte eine der breitesten Tech-Rallys der vergangenen Monate – in den USA, in Südkorea, in Taiwan und, mit Verzögerung, auch in Japan.
Am 16. September hob die Fed die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent an – die erste Erhöhung seit 2023, beschlossen mit 12:0 Stimmen. Brisant war weniger der Entscheid selbst als der begleitende Dot Plot: 12 der 18 FOMC-Mitglieder rechnen für das laufende Jahr mit einer weiteren Zinserhöhung, vier sogar mit zwei zusätzlichen Schritten. Fed-Chair Kevin Warsh sprach von einer «zeitnahen Rückkehr» zum Inflationsziel von 2 Prozent.
Fünf Handelstage später, am Montag, 21. September, drehte der Markt auf. Der Nasdaq Composite legte um 2,2 Prozent auf ein neues Rekordhoch von über 27'100 Punkten zu – der beste Tagesgewinn seit dem 4. August. Der marktbreitere S&P 500 gewann 1,5 Prozent, der Dow Jones 0,7 Prozent. Getrieben wurde die Rally durch eine Kombination aus fallenden Ölpreisen (vierter Rückgang in Folge), sinkenden US-Renditen – die zehnjährige Anleihe fiel kurzzeitig unter 5 Prozent – sowie diplomatischem Optimismus: US-Finanzminister Scott Bessent bezeichnete Gespräche mit Chinas Vize-Premier He Lifeng zu einem möglichen KI-Sicherheitsmechanismus als «sehr erfolgreich», was die Erwartungen an den Trump-Xi-Gipfel vom 24. September in Washington beflügelte.
Angeführt wurde die Rally erneut vom Halbleitersektor: AMD stieg um rund 10 Prozent und überschritt erstmals eine Marktkapitalisierung von 1 Billion US-Dollar, Arm Holdings schoss um 17 Prozent nach oben, Intel um 12 bis 14 Prozent – befeuert von Spekulationen über eine mögliche Kooperation mit dem südkoreanischen Speicherchip-Hersteller SK Hynix. Meta Platforms legte rund 12 Prozent zu, nachdem der neue KI-Agent «MUSE» eine breitere Rally unter Server-Zulieferern ausgelöst hatte.
Noch widersprüchlicher fiel die Reaktion in Japan aus. Die Bank of Japan hob ihren Leitzins am 18. September um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent an – den höchsten Stand seit 1995. Es war die sechste Erhöhung, seit die Notenbank im März 2024 ihre jahrzehntelange Negativzinspolitik beendet hatte, und die Entscheidung fiel mit 7:2 Stimmen. Eigentlich hätte ein höherer Leitzins den Yen stützen sollen. Stattdessen schwächte sich die japanische Währung ab, weil Notenbankchef Kazuo Ueda keine klare Zusage für weitere Zinsschritte machte und die zwei Gegenstimmen Zweifel an der Geschlossenheit des Gremiums weckten. Der Dollar-Yen-Kurs kletterte im Anschluss wieder über die Marke von 157.
Der Nikkei 225 reagierte auf die Kombination aus Fed- und BOJ-Entscheid zunächst verhalten positiv: Am 18. September stieg er um 1,38 Prozent auf 65'018,73 Punkte, gestützt von stabilen Wechselkursen, ausländischen Kapitalzuflüssen und einem als moderat empfundenen BOJ-Tempo. Am 21. und 22. September blieb die Tokioter Börse wegen aufeinanderfolgender Feiertage geschlossen – Anleger werden die jüngste Wall-Street-Rally daher erst zur Wochenmitte in Kurse umsetzen können. Für die Fed-Sitzung im Oktober (27./28. September) und die nächste BOJ-Sitzung (29./30. Oktober) dürfte diese nachgeholte Reaktion ein Testfall werden.
Während Tokio pausierte, lieferte Seoul die eindrücklichsten Zahlen. Der KOSPI sprang am Dienstag, 22. September, bereits im frühen Handel um 2,22 Prozent auf 7'163,48 Punkte – angetrieben von den beiden Schwergewichten Samsung Electronics (plus 3,38 Prozent) und SK Hynix (plus 3,29 Prozent). Damit setzt der Index eine Rally fort, die ihn seit seinem Tief im Juli um rund 62 Prozent nach oben getrieben hat und die laut Fortune «zum Herzschlag der globalen KI-Investitionen» gemacht hat.
Bemerkenswert ist dabei ein strukturelles Detail, das für die Einordnung der ganzen Geschichte zentral ist: Laut Daten der Tokioter Börse bewegten sich Kospi und Nikkei 2026 an 85 Prozent der Handelstage in dieselbe Richtung – gegenüber 58 Prozent im Vorjahreszeitraum. Ausländische Investoren behandeln südkoreanische und japanische Aktien zunehmend als ein einziges Portfolio, weil beide Märkte stark auf künstliche Intelligenz und Halbleiter ausgerichtet sind. Das bedeutet: Ein Grossteil der «japanischen» Tech-Rally der kommenden Tage dürfte tatsächlich ein Korea-Echo sein, sobald der Nikkei nach den Feiertagen wieder öffnet.
Zur Vorsicht mahnt allerdings ein japanischer Aktienstratege von UBS SuMi TRUST: Die Tatsache, dass ein vergleichsweise unreifer, hebelgetriebener Markt die globalen Bewegungen bestimmt, mache den Handel schwierig, weil sich die Ausschläge von den Fundamentaldaten lösen könnten. Für Anleger ist das ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Korea-Rally spekulativ und margenfinanziert sein dürfte – ein Risikofaktor, der bei einer Gegenbewegung schnell verstärkend wirken kann.
Auch der TAIEX, Taiwans Leitindex, bewegt sich seit Monaten in unmittelbarer Nähe seines Rekordhochs vom 22. Juni und wird dabei praktisch im Alleingang von Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) getragen, das über 40 Prozent der gesamten Indexkapitalisierung ausmacht. Zuletzt trieb die Aussicht auf anhaltend hohe Nachfrage nach Speicherchips – befeuert unter anderem durch neue KI-Modelle grosser US-Anbieter – den Index bis auf rund 47'400 Punkte. Auch hier gilt: TSMC ist über Kunden wie Nvidia, Apple und AMD so eng mit dem US-Tech-Zyklus verwoben, dass die Rally an der Nasdaq mit geringer Verzögerung nach Taipeh durchschlägt.
Was diese vier Märkte verbindet, ist mehr als Zufall. Innerhalb einer einzigen Handelswoche haben die beiden grössten Notenbanken der Industrieländer – Fed und BOJ – überraschend restriktive Signale gesendet. Beide Male fiel die unmittelbare Marktreaktion gegenteilig zu dem aus, was Lehrbuch-Logik nahelegen würde: In den USA stiegen die Aktienkurse trotz «higher for longer», in Japan schwächte sich die Währung trotz Zinserhöhung ab. Der gemeinsame Nenner ist die strukturelle KI-Infrastrukturnachfrage: Solange Hyperscaler wie Microsoft, Meta, Amazon und Google ihre Kapitalausgaben für Rechenzentren und Speicherchips nicht drosseln, scheinen weder US-Zinserhöhungen noch japanische Normalisierungsschritte auszureichen, um den Trade zu bremsen.
Mittelfristig sind die nächsten Notenbanktermine entscheidend: Die Fed tagt am 27./28. Oktober erneut, die BOJ am 29./30. Oktober. Beide Sitzungen werden zeigen, ob die aktuelle Entkopplung von Zinspolitik und Tech-Bewertungen Bestand hat – oder ob steigende Realzinsen die Bewertungsprämie der KI-Favoriten am Ende doch einholen. Für den Nikkei kommt zusätzlich die verzögerte Reaktion auf die Wall-Street-Rally hinzu, sobald die Börse nach den Feiertagen wieder öffnet.