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IWF-Warnung: Steigende Renditen werden zum Finanzrisiko

Der IMF warnt vor hohen Schulden in den grossen Volkswirtschaften (Bild: Adobe Stock)
Der IMF warnt vor hohen Schulden in den grossen Volkswirtschaften (Bild: Adobe Stock)

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt an seiner Jahrestagung Alarm: Die grossen Volkswirtschaften steuern auf die höchsten Budgetdefizite seit der Pandemie zu, und der Anstieg der Staatsanleiherenditen gilt neu als das grösste aufkommende Risiko für das globale Finanzsystem. Im Brennpunkt steht in Europa. Was heisst dies für Anleger?

13.10.2026, 07:50 Uhr
Konjunktur | Regulierung

Redaktion: asc

Am Dienstag publizierte der IWF seinen World Economic Outlook. Darin rechnet er damit, dass die Nettoneuverschuldung der Industrieländer 2026 auf 5,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) steigt. Das ist der höchste Wert seit 2021, als die Welt noch im Griff der Pandemie-Lockdowns war. Für die USA und China erwartet der Fonds Defizite von 8 Prozent des BIP oder mehr.

Besonders deutlich ist die Verschlechterung in den USA: Die gesamtstaatliche Nettoneuverschuldung dürfte laut IWF 2026 auf 8,5 Prozent des BIP klettern, nach 7,1 Prozent im Vorjahr und 5,8 Prozent am Vorabend der Pandemie. Die IWF-Kennzahl umfasst allerdings auch die Bundesstaaten und Gemeinden und liegt deshalb deutlich über anderen Schätzungen. Das Congressional Budget Office hatte im Februar für das Bundesdefizit 5,8 Prozent des BIP prognostiziert, der Think-Tank Committee for a Responsible Federal Budget rechnet mit 6,2 Prozent.

Die Defizite treffen auf eine bereits rekordhohe Schuldenlast. Die weltweite Staatsverschuldung lag 2025 bei knapp 94 Prozent des BIP. Bereits im April-Fiscal-Monitor hatte der IWF das Überschreiten der Marke von 100 Prozent für 2029 erwartet. IWF-Chefin Kristalina Georgieva warnte Anfang Oktober, die globale Schuldenquote befinde sich auf dem höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg; vor allem hoch verschuldete Industrieländer legten keine ausreichend glaubwürdigen mittelfristigen Konsolidierungspläne vor.

«Eine erneute Konzentration auf den Wiederaufbau fiskalischer Spielräume ist dringend», hält der IWF fest – angesichts hoher Schulden, steigender Finanzierungskosten, wachsender Ansprüche an die öffentlichen Haushalte und erhöhter Unsicherheit. Gefordert wird dabei keine pauschale Austerität, sondern eine «glaubwürdige und richtig getaktete» Haushaltskonsolidierung.

Wachstum robust, aber immer schmaler abgestützt

Konjunkturell zeigt sich die Weltwirtschaft noch widerstandsfähig. Der IWF hebt seine Wachstumsprognose für 2026 leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent an, für 2027 erwartet er 3,4 Prozent. Getragen wird das Wachstum unter anderem vom Investitionsboom rund um künstliche Intelligenz (KI). «Die Weltwirtschaft war widerstandsfähig, aber diese Widerstandsfähigkeit stösst an ihre Grenzen», sagte IWF-Chefökonomin Silvana Tenreyro an der Pressekonferenz.

Das Wachstum konzentriert sich zunehmend auf wenige Länder: Im April entfielen 95 Prozent des globalen Wachstums noch auf 54 Volkswirtschaften, inzwischen sind es nur noch 32. Die USA bleiben mit 2,3 Prozent für 2026 und 2027 der Motor. Deutschland erhält dank höherer Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung eine deutliche Aufwärtsrevision um 0,6 Prozentpunkte auf 1,3 Prozent (2027: 1,1 Prozent). China dürfte sich von 4,5 Prozent auf 4 Prozent im Jahr 2027 abschwächen, Indien bleibt mit 7 Prozent ein Lichtblick.

Anleiherenditen als grösstes neues Systemrisiko

Noch deutlicher wird der IWF im Global Financial Stability Report. Der Anstieg der Staatsanleiherenditen sei «klar» die grösste Veränderung im Risikobild seit April, sagte Athanasios Vamvakidis, stellvertretender Direktor der Abteilung Kapitalmärkte, gegenüber Bloomberg. In den USA, Europa und Japan sind die Finanzierungskosten der Staaten auf mehrjährige Höchststände gestiegen, nachdem der Iran-Krieg die Inflation angeheizt und die Notenbanken mit Zinserhöhungen reagiert haben. Die Rendite des Bloomberg Global Aggregate Bond Index nähert sich 4,5 Prozent und liegt damit auf einem 18-Jahres-Hoch. Die zehnjährige französische Staatsanleihe rentiert nahe 5 Prozent.

«Hohe Verschuldung und Refinanzierungsrisiken bleiben ungelöst, was den Anleihemarkt anfällig für häufigere fiskalische und inflationsbedingte Schocks macht», schreibt der IWF. Jason Wu, stellvertretender Leiter der Abteilung für globale Marktanalyse, verweist auf zwei Verstärker: Das Refinanzierungsrisiko sei höher, weil die Schulden grösser und die Laufzeiten kürzer seien. Zudem seien mehr preissensitive Investoren im Markt, darunter mit Bankkrediten gehebelte Hedge Funds.

Der IWF warnt zudem, dass Notenbanken angesichts steigender fiskalischer Kosten und politischen Drucks mit Forderungen konfrontiert werden könnten, höhere Staatsverschuldung zu begleiten oder eine Inflation über dem Zielwert zu tolerieren. Das Risiko einer KI-bedingten Marktkorrektur schätzt der Fonds als «etwa gleich hoch» wie vor sechs Monaten ein. Am stärksten exponiert seien die Aktienmärkte Südkoreas und Japans. Der IWF empfiehlt, übermässigen Leverage im KI-Ökosystem einzudämmen, etwa durch Kreditbeschränkungen für KI-Engagements und höhere Kapitalanforderungen für entsprechende Bankkredite.

Frankreich wird zum «Semi-Core»-Emittenten

Wie konkret die Risiken sind, zeigt der Ausverkauf an den europäischen Anleihemärkten. Der Renditeabstand zwischen französischen OATs und deutschen Bundesanleihen ist auf über 140 Basispunkte gestiegen, wie Mitch Reznick, Head of Cross Border Credit bei Federated Hermes, festhält. Treiber seien die hohe Verschuldung, anhaltende Defizite, ein steigendes Anleiheangebot und die politische Unsicherheit vor den Präsidentschaftswahlen. Weil Frankreich mehr als 20 Prozent der europäischen High-Yield-Anleihen und CoCos stellt, geraten auch diese Segmente unter Druck, insbesondere französische Banken. Ein Eingreifen der EZB hält Reznick derzeit für unwahrscheinlich, bei weiter steigenden Spreads könne sich der Ton aber ändern. «Frankreich wird an den Märkten zunehmend weniger als Teil des europäischen Kerns und stärker als Peripherieland bewertet.»

Laut Karen Watkin, Portfolio Manager Multi-Asset Solutions bei AllianceBernstein, ist der Spread zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Anleihen innerhalb einer Woche so stark gestiegen wie noch nie seit Beginn der Datenreihe 1990. Eine Wiederholung der Krisen von 2011 oder 2022 hält sie dennoch für unwahrscheinlich: Die Banken seien besser kapitalisiert, die EZB verfüge über mehr Instrumente, und die Inflationserwartungen blieben verankert.

Christof Reichmuth, unbeschränkt haftender Gesellschafter von Reichmuth & Co Privatbankiers, sieht Frankreich mit einer Staatsverschuldung von rund 119 Prozent des BIP in einer klassischen Schuldenfalle: Solange die nominalen Zinsen über dem nominalen Wachstum liegen, «frisst die Zinslast das Wachstum». Einen Staatsbankrott erwartet er nicht, da die EZB im Ernstfall eingreifen würde. Die Rechnung zahlten aber die Anleger – über Inflation, finanzielle Repression und eine schleichende Entwertung des Euro. Parallel zur Ausweitung der Spreads sei der Euro gegenüber dem Franken deutlich gefallen. Reichmuth rät von langfristigen französischen Staatsanleihen ab und bevorzugt Sachwerte, internationale Qualitätsunternehmen und Vermögenswerte in stabilen Währungen.

Wie sich Anleger positionieren

Die Asset Manager reagieren mit unterschiedlichen, aber in der Stossrichtung ähnlichen Strategien:

  • AllianceBernstein bleibt bei Duration untergewichtet, da die Sorgen um die Schuldentragfähigkeit und das hohe Emissionsvolumen der G7-Staaten lange Renditen weiter nach oben treiben könnten. Bevorzugt werden US- und Schwellenländeraktien sowie europäische Finanzwerte. Eine höhere Gewichtung des US-Dollars könne zudem gegen geopolitische Risiken und Risiken europäischer Staatsanleihen schützen.
  • Amundi – Group CIO Vincent Mortier und Monica Defend, Head of Amundi Investment Institute – verweist auf Renditen globaler Staatsanleihen auf dem höchsten Stand seit 2007 und erwartet restriktive Notenbanken, solange der Inflationsdruck anhält. Bevorzugt werden globale Investment-Grade-Anleihen, bei langen US-Laufzeiten bleibt Amundi vorsichtig. Bei Aktien ist der Vermögensverwalter strategisch zurückhaltend gegenüber den USA, langfristig positiv für Europa und konstruktiv für Japan und die Schwellenländer. Gold bleibt positiv eingestuft – gestützt durch expansive Fiskalpolitik und Sorgen um die Schuldentragfähigkeit.
  • DPAM sieht Chancen bei Unternehmensanleihen aus Schwellenländern. Der Markt ist auf rund 2,6 Billionen US-Dollar gewachsen und damit grösser als der globale High-Yield-Markt. Der Anteil der Emittenten mit Rating A oder besser stieg von 31 Prozent im Jahr 2020 auf 40 Prozent im Juli 2026. Die Ausfallrate liegt 2026 bislang bei 2,7 Prozent, wobei drei Viertel des Ausfallvolumens auf zwei Emittenten entfallen (Raízen und Braskem). Die meist kürzere Duration begrenze zudem die Zinssensitivität.

Der IWF verschiebt den Fokus vom Schuldenstand auf die Marktreaktion: Nicht die Höhe der Verschuldung allein, sondern die Kombination aus hohem Refinanzierungsbedarf, kürzeren Laufzeiten und preissensitiven Investoren macht Staatsanleihen anfällig für abrupte Neubewertungen. Für Anleger bedeutet das: Staatsanleihen bieten zwar wieder laufende Erträge, sind als Diversifikationsinstrument aber weniger verlässlich, wenn Renditen aufgrund von Inflations- und Fiskalsorgen steigen. Gefragt sind Selektivität, Qualität und eine bewusste Steuerung von Duration und Währungsrisiken.

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